Eine fremde Welt

Gebetsfahnen zieren viele der buddhistischen Stupas wie hier Namobuddha bei Dhulikel.

KIERSPE ▪ Als sie ihren Einsatzort für das sozial-diakonische Praktikum in Klasse 12 auf dem evangelischen Gymnasium Meinerzhagen wählen musste, war für Jacqueline Peters gleich klar, dass der im Ausland liegen sollte. „Ich wollte raus aus Deutschland, auf einen anderen Kontinent“, erzählt die 18-Jährige. Wichtig war ihr, ein Entwicklungsland zu finden und nicht alleine zu reisen, denn die junge Frau hat beträchtliche Flugangst. Gemeinsam mit einem Mitschüler landete sie – statt nach geplanten 12 Stunden – erst nach 30 Stunden in Kathmandu, der Hauptstadt Nepals.

„Nach der Zwischenlandung in Delhi/Indien bekam ich in der Maschine nach Nepal heftiges Nasenbluten, wir durften nicht an Bord bleiben und konnten erst die Maschine am nächsten Morgen nehmen“, berichtet Jacqueline Peters.

Über private Beziehungen ergab sich für die Schülerin die Möglichkeit, an der Skuva Phrabhat Boarding Academy in Kathmandu zu unterrichten. 300 Schüler von der Nursery (ab drei Jahre) bis zur zehnten Klasse zählt die Privatschule in Nepaltar, einem Randbezirk der Hauptstadt. Gleich in Schulnähe fand Jacqueline Unterkunft im Haus des Direktors. „Unsere Familie bestand aus dem Direktor, seiner Frau, den beiden 18 und 22 Jahre alten Söhnen, zwei weiblichen Verwandten, dem Bruder des Hausherrn und vier Schülern zwischen neun und elf Jahren, die von außerhalb der Stadt kamen“, erzählt sie.

An ihren ersten Tag als Lehrerin kann sie sich gut erinnern: „Wegen ihres nepalesischen Akzents habe ich das Englisch der Kinder zunächst nicht sehr gut verstanden und sie meines wohl auch nicht“, sagt sie lachend. Die Bücher für den Unterricht bekam die junge Frau erst in der Stunde von ihren Schülern, so dass ihr keine Vorbereitungszeit blieb. „Ich habe viel improvisiert und immer geschaut, welche Klasse ich gerade vor mir habe. Das war nicht immer einfach, aber durch meine Nachhilfeerfahrungen in Deutschland war mir das Unterrichten nicht völlig fremd“, erklärt sie. Ungewöhnlich war für Jacqueline Peters allerdings die Tatsache, dass die Schule für die älteren Schüler bereits um sechs Uhr morgens begann und für die jüngeren teilweise bis 16 Uhr dauerte. Zu ihren Unterrichtsfächern gehörte auch Health (Gesundheit), bei dem unter anderem Ernährung, Geschlechtskrankheiten und Verhütung auf dem Lehrplan standen.

Gleich zu Beginn ihres Aufenthalts bekam Jacqueline Peters von ihrer Gastfamilie wichtige Verhaltensregeln mit auf den Weg. „Wenn man ein Zimmer betritt, muss man immer die Schuhe ausziehen, bei der Begrüßung legt man die Hände in der Regel zum „Namaste“ zusammen und es ist erwünscht, alles auf zu essen, was auf den Teller kommt.“ Vor allem mit Letzterem tat die Schülerin sich manchmal schwer, denn die gastfreundlichen Nepalesen bedachten sie stets mit reichlichen Portionen. Einmal verdarb sie sich an am Straßenrand gekauftem Essen den Magen, so dass ihre Gastfamilie sie aus Sorge zur Behandlung ins Krankenhaus brachte.

Während der ersten Zeit war die junge Frau ausschließlich in Begleitung draußen. „Meistens war ich mit Freunden unterwegs. Nachdem ich mich besser auskannte, habe ich auch Ausflüge alleine unternommen“, berichtet sie. Wenn ihr Unterricht am Nachmittag zu Ende war, besuchte Jacqueline oft Sehenswürdigkeiten in und um Kathmandu wie zum Beispiel Durbar Square, den Tempelbezirk der Stadt und das quirlige Touristenviertel Thamel. Aber auch in andere Orte des Kathmandutals dehnte sie ihren Radius aus und besichtigte die Königsstädte Lalitpur und Bhaktapur, die wie Kathmandu zum Unesco-Weltkulturerbe gehören.

„In Nepal gibt es kaum Privatwagen, dafür aber viele Busse, Taxis und Lastwagen. Am häufigsten aber bewegt man sich zu Fuß fort“, erklärt Jacqueline Peters. Das tat sie gerne mit ihrer nepalesischen Freundin Kanchan, die sie auf Wandertouren zu hinduistischen Tempeln, buddhistischen Stupa und einem Wasserfall begleitete. Einmal reiste sie für 3,50 Euro sechs Stunden lang mit Freunden in einem kleinen Bus ins 200 Kilometer entfernte Pokhara, um die dortigen Seen, den Devi`s Fall (Wasserfall) und die Mahendra-Höhle zu besichtigen.

„Nepal ist ein wunderschönes Land mit atemberaubenden Ausblicken. So kann man zum Beispiel von Nagerkot aus in der kalten Jahreszeit 36 weiße Berggipfel erkennen“, erzählt die Schülerin. Während des Monsuns hätten die Temperaturen zwischen 20 und 28 Grad Celsius gelegen und es habe natürlich nicht unentwegt geregnet. Immer wieder käme es dabei aber zu gefährlichen Erdrutschen, die die Straßen weitgehend unpassierbar machten. Zum Glück sei sie aber nie davon betroffen gewesen, ergänzt Jacqueline.

Neben der großen Armut im Land, dessen Bevölkerung mit einem durchschnittlichen Monatseinkommen von 18 Euro zu 40 Prozent unterhalb der Armutsgrenze lebt, wurde die Gymnasiastin in ihrem unmittelbaren Umfeld auch hautnah mit sozialen Problemen wie Drogenabhängigkeit und Gewalt konfrontiert. Besonders eindrucksvoll fand sie die Tatsache, wie sehr sich die Menschen über Kleinigkeiten freuen können.

„Die Kinder sind mir mit Neugier und großer Offenheit begegnet und insgesamt habe ich viel Hilfsbereitschaft erfahren“, berichtet sie. Die Erfahrung, dass Dinge auch ohne akribische Planung durchaus funktionieren können, fand Jacqueline faszinierend.

„Es war toll, die Lebensumstände und Kultur Nepals während des Praktikums besser kennen zu lernen. Irgendwann möchte ich das Land gerne wieder besuchen“, lautet ihr Fazit. ▪ msh

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