50 Jahre gemeinsamer Aktienhandel

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Der Blick auf die Kurse gehört nach wie vor zum täglichen Geschäft von Geschäftsführer Dimitrij Siebert, Werner Becking (2. Geschäftsführer) und Gerd Reppel (Mitglied im Anlageausschuss) (von links).

Kierspe - Als Manfred Krug Mitte der 1990er-Jahre die Hände zum T formte und lächelnd in die Kamera sagte, dass er auf jeden Fall T-Aktien kaufen würde, löste er damit einen kleinen Boom an der Börse aus.

Ein paar Jahre später machte der Neue Markt Tausende Deutsche zu Spekulanten – und ein ganzes Stück ärmer. In Kierspe gab es da eine kleine Gruppe, die war gefeit gegen solche Versuchungen auf schnelles Geld – handelte man dort doch schon seit Jahrzehnten mit Aktien. Jetzt feiert die Effektengesellschaft ihren 50. Geburtstag.

1970 war der Aktienhandel etwas für Spezialisten. Damals liefen die Händler noch über das sprichwörtliche Parkett und riefen sich Käufe und Verkäufe zu. Für die allermeisten Deutschen war die Börse nur etwas, was sich auf den Wirtschaftsseiten der Tageszeitungen und hin und wieder in den Nachrichten abspielte. Selbst Aktien kaufen, spekulieren – nein, das war für die sicherheitsbewussten Anleger nichts. Die Banken wollten das schon damals gerne ändern und forcierten die Gründung von Investmentklubs. Das sollte auch in Kierspe nicht anders sein – bis heute betreut die Volksbank den Kiersper Klub.

Effektengesellschaft Kierspe nannte sich der Klub, dem bei seiner Gründung im März 1970 genau 21 Mitglieder angehörten – darunter sechs Frauen. „Warum dieser Name gewählt wurde, habe ich nie herausfinden können. Sicher ist aber, dass er uns oftmals die Türen für Betriebsbesichtigungen und Besuchen von Hauptversammlungen öffnete und immer zu einer besonderen Beachtung führte“, erzählt Gerd Reppel. Der ehemalige Volksbankmitarbeiter war von 1973 bis 2008 Geschäftsführer der Gesellschaft. Heute werden die Geschäfte von Dimitrij Siebert geführt – der natürlich auch bei der Volksbank arbeitet.

Im Gründungsjahr setzten die Neu-Spekulanten vor allem auf traditionelle Firmen. Gekauft wurden Anteile der Deutschen Post, der Deutschen Bank, der Westdeutschen Landesbank, Horten und Varta. Aber auch Bergwerksaktien landeten im Portfolio.

Lasen sich die Aktiennamen der deutschen Firmen in den 1970er-Jahren wie ein Auszug aus dem Buch der deutschen Wirtschaftsgeschichte, kennt man viele, die heute gehandelt werden, außerhalb der Börsenwelt nicht mehr. Das ist bei der erfolgreichsten Anlage der vergangenen Jahre nicht anders. Es waren vor allem unbekannte Firmen, die sich mit dem Wasserstoff-Geschäft beschäftigten und diese Technik weiterentwickeln. Reppel: „Für mich ist klar, dass Elektroautos nur ein Zwischenschritt sind, langfristig führt sicher kein Weg am Wasserstoff vorbei.“ Und weil das wohl nicht nur er so sieht, haben sich die Aktien aus diesem Bereich gut entwickelt und der Kiersper Gesellschaft, der heute 19 Mitglieder angehören, einen anständigen Gewinn beschert.

Mit anderen Aktien hatten die Kiersper nicht so viel Glück. Die Aktien der Deutschen Bank sind heute nur noch drei Prozent dessen wert, was sie 1970 gekostet haben, bei Thyssen Krupp sind es noch 20 Prozent des Wertes.

Um zu verhindern, dass Aktienverluste das Kapital der Gesellschaft allzu stark schmälern, berät ein Anlageausschuss einmal monatlich über Käufe und Verkäufe. „Das ist in einer so schnelllebigen Zeit natürlich viel zu selten. Deshalb entscheiden die Geschäftsführer auch schon mal nach Absprache“, sagt Werner Becking, der als 2. Geschäftsführer und Rentner die Börsenkurse immer vor Augen hat.

Viel haben die Kiersper dabei jedenfalls nicht falsch gemacht, denn die Entwicklung kannte in den vergangenen 50 Jahren im Mittelwert nur eine Richtung – nach oben. Kostete ein Anteil an der Gesellschaft 1970 noch 50 Mark, musste man am 31. Dezember 2019 bereits 71,23 Euro zahlen. Allein im vergangenen Jahr betrug die Wertentwicklung 17,24 Prozent. Betrachtet man die Entwicklung seit 1981, dann konnten sich die Mitglieder über einen Zuwachs von 3,5 Prozent jährlich freuen.

Doch bei all ihrem geschäftlichen Tun sollte der Gemeinschaftsgedanke nicht zu kurz kommen. Bereits 1971 brach man zur ersten gemeinsamen Fahrt auf, Ziel damals war die Börse in Düsseldorf. Aber auch Firmen, von denen man Aktien im Besitz hatte, stehen bis heute im Fahrtenbuch. „Bemerkenswert war der Besuch der Aixtron in Aachen. Wir hatten uns einladen lassen. Im Verwaltungsgebäude wurden wir vom Vorstand begrüßt. Ein Vorstandsmitglied hatte für diesen Termin sogar extra eine Dienstreise unterbrochen. Der Name Effektengesellschaft hatte den Herren anscheinend einen größeren Aktienbesitz signalisiert. Wir haben die tatsächliche Höhe unserer Beteiligung natürlich für uns behalten“, erinnert sich Reppel.

Auch kulinarisch wurden die Kiersper bei ihren Fahrten überrascht. Gab es bei der Vosloh AG früher ein Büfett, das sich über mehrere Etagen erstreckte und bei dem Spezialitäten aus den Ländern angeboten wurden, in denen das Unternehmen tätig war, war man beim BVB ausgesprochen überrascht.

Reppel: „Es gab immer nur Erbsensuppe, vergangenes Jahr sogar mit einer ungenießbaren Mettwurst.“ Grundsätzlich sei aber die Verpflegung mit den Jahren immer spärlicher geworden. Von Fahrten abhalten ließen sich die Anleger aber nicht. So war man Gerry Weber in Halle zu Gast, schaute sich den Braunkohle-Tagebau in Garzweiler an und besichtigte die Deutsche Steinzeug. „Bei der Telekom waren wir auf der historischen Hauptversammlung zu Gast, auf der Ron Sommer seine Zukunftsvision verkündete“, schildert Reppel.

In all den Jahren ist die Zahl der Mitglieder nicht übermäßig gewachsen. Das liegt auch an einem Hinweis des Finanzamtes, das angedeutet hat, dass man bei mehr als 30 Mitgliedern von einem gewerblichen Interesse ausgehe. So gesehen ist also noch Luft bei den Mitgliederzahlen. Doch Siebert gibt unumwunden zu, dass es derzeit nicht leicht sei, Menschen für den Handel mit Wertpapieren zu begeistern. Doch ist es wirklich sinnvoll, seinen eigenen Fond – letztlich ist die Effektengesellschaft nichts anderes – zu führen? Siebert: „Hier haben wir Einfluss und die Entscheidung selbst in der Hand, das ist bei einem Fond, in den wir investieren würden, natürlich nicht so.“

Bei ihren Kaufentscheidungen haben sich die Mitglieder der Effektengesellschaft auch schon mal von regionalen Gegebenheiten leiten lassen. So hat man schon vor langer Zeit in Vossloh-Papiere investiert. Gleiches auch bei Technotrans, der Konzern, zu dem GWK gehört. Bei Nanogate (Goletz) ist man mit der Entwicklung des Aktienkurses aber alles andere als zufrieden.

In der nahen Zukunft will man es übrigens noch mal mit Wasserstoff versuchen. Reppel: „Ich glaube, da steckt noch einiges an Potenzial. Derzeit schwanken dort einige Werte um bis zu 25 Prozent am Tag.“ Doch nun gilt es für die Effektengesellschaft erst einmal die Zeit des Coronavirus zu durchstehen, denn im Zuge des weltweiten Siegeszuges des Virus sind die Börsenwerte deutlich in den Keller gegangen. Aber Aktionäre denken langfristig – die Mitglieder der Effektengesellschaft allemal.

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