Hausarzt schneller als der Notarzt

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In der Praxis hängt die Jacke, die Jochen Reiffert als Notarzt erkennbar macht. Seit fast 20 Jahren gewährleistet er mit zwei Kollegen die schnelle Versorgung von Patienten im Notfall.

Kierspe - Die Idee, den Notarzt direkt zum Patienten zu schicken, entstand schon Anfang der 1930er-Jahre. Doch es dauerte noch bis 1957, bevor der erste Notarztwagen mit einem Mediziner an Bord losfuhr – erstmals in Köln. 1964 startete dann in Heidelberg der erste Notarztwagen – damals noch ein Käfer – im sogenannten Rendezvous-System. In Kierspe wird diese Form des Rettungsdienstes durch den freiwilligen Dienst von drei Hausärzten ergänzt – und das seit mittlerweile fast 20 Jahren.

Von Johannes Becker

„Noch Anfang der 1990er-Jahre brachte ein Notarztfahrzeug den Notfallmediziner aus Lüdenscheid nach Kierspe – allerdings nur auf Anforderung“, schildert Jochen Reiffert die Situation, die für die Menschen in den Volmestädten eine unbefriedigende Situation darstellte.

Später wurde ein zweiter Notarzt zwar sofort auf den Weg nach Kierspe geschickt, doch mit einem Anfahrtsweg von knapp 20 Kilometern war die Zeit bis zum Eintreffen immer noch nicht optimal, vor allem bei Alarmierungen nach Herz- oder Atemstillstand. „Der Märkische Kreis hat vorgegeben, dass der Notarzt in 90 Prozent aller Fälle im ländlichen Raum, zu dem Kierspe gehört, nach zwölf Minuten vor Ort sein muss. Der Rettungswagen, der aus Meinerzhagen losfährt, trifft zwar meist früher ein, doch auf den Mediziner muss dann noch einige Minuten gewartet werden“, erzählt Jochen Reiffert.

Doch Dank des Engagements von mittlerweile noch drei Kiersper Ärzten hat sich die Situation deutlich verbessert. Denn seit 1995 werden die Ärzte Jochen Reiffert, Martin Romeike und Guido Kussek bei einem Notfall oder Unfall in Kierspe von der Leitstelle mitalarmiert. Obwohl die drei Mediziner, die alle über den „Fachkundenachweis Rettungsdienst“ verfügen, nicht mit Sonder- oder Wegerechten (Blaulicht) ausgestattet sind, erreichen sie die Einsatzstelle meist deutlich vor dem Lüdenscheider Notarzt und können mit der Behandlung beginnen. „Wenn dann der Kollege aus Lüdenscheid eintrifft, übergeben wir und fahren zurück in die Praxis“, so Reiffert, der zu den Initiatoren dieses lebensrettenden Angebots gehörte.

400 bis 500 Einsätze kommen im Jahr zusammen. Eine Anzahl, die sich kaum noch mit der Belastung in den Praxen verträgt, gerade in Zeiten, in denen immer mehr Hausärzte in Kierspe fehlen. Um nicht notwendige Fahrten zu vermeiden, haben sich die drei Mediziner das Stadtgebiet aufgeteilt. Doch bei einem schweren Unfall sind auch schon mal drei Mediziner aus Kierspe und kurz darauf der Notarzt aus Lüdenscheid vor Ort. Reiffert bezeichnet dies als Sahnehäubchen im Rettungsdienst, doch für manchen Verletzten dürfte das wohl eher die ganze Torte sein.

Reiffert: „Wir müssen uns aber im Kreis Gedanken über die Notarztversorgung machen. Vielleicht wäre es ja langsam an der Zeit, dass ein Notarzt seinen festen Platz in der Leitstelle in Meinerzhagen hat.“

Doch so lange es geht, möchte Reiffert nicht auf seinen Einsatz im Notfall verzichten: „Das ist jedesmal eine Herausforderung, die oft mehr fordert, als der tägliche Dienst in der Praxis.“ Und das, obwohl die Ärzte nicht immer mit dem befriedigenden Gefühl, ein Leben gerettet zu haben, nach Hause gehen. „Ich kann mich noch gut an den plötzlichen Tod einer jungen Mutter erinnern. Bei solchen Einsätzen kann man sich auch noch nach Jahren an jede Sekunde erinnern“, erzählt Reiffert.

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