Streetwork in Kierspe

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Das Team Streetwork in Kierspe: Susanne Struth-Gräfe und Christian Schwanke.

Kierspe - Nicht die Straße ist der Arbeitsplatz von Susanne Struth-Gräfe und Christian Schwanke, auch wenn es der Begriff Streetworker vermuten lassen würde. Aber auf öffentlichen Plätzen, wie dem Rathausvorplatz, dem Forum oder dem Schulhof der Servatiusschule sind die beiden regelmäßig unterwegs - und damit genau dort, wo sie ihre Klientel, die Jugendlichen, finden.

Kierspe hatte einst eine Vorreiterrolle im Märkischen Kreis übernommen. Durch Sibylle Wiehle hatte die Stadt eine Streetworkerin auf der „Straße“, als in anderen Kommunen noch gedacht wurde, das sei doch nur was für große Städte. Mehr als zehn Jahre ist das mittlerweile her. Gut 30 Stunden war die engagierte Frau in Kierspe unterwegs, baute Kontakt zu Jugendlichen auf, kannte die „Brennpunkte“ und suchte das Gespräch. Vor etwas mehr als einem Jahr hat der Märkische Kreis reagiert und die Städte, die kein eigenes Jugendamt haben, dazu verpflichtet, mobile aufsuchende Jugendarbeit, letztlich nur ein behördliches Wort für die Arbeit des Streetworkers, zu betreiben. An diese Vorgabe hält sich nun auch Kierspe, und damit auch an die zeitlichen Vorgaben des Kreises, denn dieser hält eine halbe Stelle (19,5 Stunden) pro Woche und Kommune für ausreichend. Und mittlerweile ist es auch nicht mehr Sibylle Wiehle, die in Kierspe unterwegs ist – die beim Diakonischen Werk angestellt war, mit dem die Stadt einen Vertrag hatte. Heute gehen Susanne Struth-Gräfe und Christian Schwanke an die Orte, an denen sich Jugendliche vermehrt aufhalten.

Damit die beiden knapp 20 Stunden in der Woche für diese Arbeit Zeit haben, wurde die Stelle von Struth-Gräfe, die bislang nur im Jugendzentrum Rönsahl eingesetzt war, von 30 Stunden auf eine volle Stelle aufgestockt, Christian Schwanke, der bislang vor allem in den Jugendzentren an der Fritz-Linde-Straße und Kölner Straße eingesetzt war, muss sich nun mit seiner Chefin Susanne Sattler stärker absprechen, damit er mehr Zeit auf der Straße verbringen kann. „Wir kümmern uns um die Probleme, die die Jugendlichen haben, nicht um die Probleme, die sie machen“, hat der Pädagoge Herman Nohl einmal die Arbeit der Betreuer beschrieben. Und so möchten auch Struth-Gräfe und Schwanke ihre Arbeit verstanden wissen. „Wir sind keine Polizei und keine Ordnungsbehörde. Wir schicken niemanden weg. Allerdings sagen wir auch ganz klar, dass, wenn wir gehen, unter Umständen andere gerufen werden“, erklärt Schwanke. Welchen Einfluss dieser „niederschwellige“ Zugang haben kann, zeigt sich mittlerweile in Rönsahl.

Dort treffen sich Jugendliche oft auf dem überdachten Schulhof, gerne wird nach Angaben von Struth-Gräfe dieser Platz zum „Vorglühen“ genutzt. Kaputte Scheiben, zerschlagene Flaschen und eine zerstörte abgehängte Decke zeugten von diesen Treffen und riefen den Unmut von Lehrern, Anwohnern und Beobachtern der Treffen hervor.

Immer wieder ist Struth-Gräfe zu den Jugendlichen gegangen, hat mit ihren gesprochen und ist wohl auch zu ihnen durchgedrungen. „Es sind vor allem Jugendliche aus Wipperfürth, die sich dort treffen. Mit denen habe ich gemeinsam den Platz gesäubert. Mittlerweile fühlen die sich auch ein wenig verantwortlich, ermahnen andere, Ordnung zu halten“, erzählt die Sozialarbeiterin, die aber auch berichtet, dass damit die Arbeit nicht getan ist. Sie gehe immer noch dorthin, wenn sich die Jugendlichen treffen.

Aber irgendwann hat auch Struth-Gräfe Feierabend – und am Wochenende ist sie auch nicht vor Ort. Gleiches trifft auch auf Christian Schwanke zu, der regelmäßig auf dem Forum und vor dem Rathaus mit den Jugendlichen ins Gespräch kommt. „An den Wochenenden und in den späten Abendstunden haben wir ja auch den privaten Wachdienst, den die Stadt beauftragt hat“, wirft Oliver Knuf ein, der als Sachgebietsleiter Soziales und Ordnung nicht nur die Arbeit von Jugendarbeit und Ordnungsdienst koordiniert, sondern auch der Dienstvorgesetzte von Schwanke und Struth-Gräfe ist.

Schwanke berichtet von vier Gruppen, die sich regelmäßig auf dem Forum treffen und einer weiteren auf dem Rathausplatz: „Aber das verändert sich, allein schon durch das Alter der Jugendlichen. Deshalb ist unsere Arbeit dort auch ein langwieriger Prozess, der im Grunde nie aufhört.“ Am schönsten sei es, wenn die Jugendlichen beginnen würden, Verantwortung zu übernehmen, sich um „ihren“ Platz kümmerten. „Irgendwann haben sie verstanden, auch wenn aus drei Gruppen heraus nichts passiert und nur eine Mist baut, das letztlich auf alle zurückfällt“, erklärt der Streetorker. Fragt man nach Zahlen, werden Schwanke und Struth-Gräfe ausweichend, logischerweise, handelt es sich bei den Jugendlichen doch nicht um feste Gruppen. So fünf bis zehn Jugendliche würden sich meist am Rathaus treffen, am Forum seien es bis zu 50, zähle man die Sportanlagen mit, müsse man von rund 100 Kindern und Jugendlichen ausgehen, die dort ihre Freizeit verbrächten, sagt Schwanke. In Rönsahl beschreibt Struth-Gräfe die Gruppenstärke mit „bis zu zehn“.

Angelockt würden die Jugendlichen natürlich auch von dem freien WLAN, das der Verein Freifunk zur Verfügung stellt.

Den beiden ist es wichtig zu betonen, dass das Aufsuchen der Jugendlichen an den genannten Plätzen nur ein Teil ihrer Arbeit ist. So geht Struth-Gräfe im Sommer auch gerne aufs Strandbad-Gelände, möglichst zwei Stunden am Tag – zumindest bei schönem Wetter im Sommer. „Dort komme ich nicht nur mit den Jugendlichen, sondern auch mit Eltern und Lehrern ins Gespräch“, freut sie sich. Regelmäßig macht sie den Kindern im Bad auch Bastelangebote oder organisiert eine „Poolparty“.

Ähnliches versucht Schwanke auch mit der Jugz-Box einmal die Woche im Volme-Freizeitpark. „Bei diesen Angeboten erfährt man oft, wo der Schuh drückt“, sagt Schwanke. Demnach vermissen die Jugendlichen einen Ort, an dem sie sich aufhalten können, ohne das Kosten entstehen. Einfach „chillen“ wollen sie, also sich treffen, ohne einen Grund. Deswegen wären Jugendzentren oder Sportvereine bei dieser Klientel auch keine Alternative. Aber diese würden ja auch an den Wochenenden und den späten Abendstunden nicht zur Verfügung stehen“, erklärt Schwanke. Er regt eine Jugendkneipe an, in der kein Verzehrzwang bestehe, es aber die Möglichkeit gebe, etwas zu kaufen. Schwanke: „Vor allem sollte diese aber lange aufhaben, auch am Wochenende.“

Ist denn nun die Arbeit so viel anders als die bisherige im Jugendzentrum? „In den Zentren gibt es Regeln, unsere Regeln, die gelten auf den Plätzen nicht. Dort muss ich über einiges hinwegsehen, sonst verliere ich das Vertrauen der Jugendlichen“, so Schwanke.

Eines ist den beiden aber ein Anliegen, nämlich zu betonen, dass sich in den vergangenen Jahren die Situation in Kierspe nicht verschlechtert hat. „Es kommt nur vielen so vor, weil jetzt über jede umgestoßene Bank und weggeworfene Flasche in den sozialen Netzwerken berichtet wird“, da sind sich beide sicher und einig.

Klare Regeln herrschen allerdings bei den festen Veranstaltungen, die auch zur mobilen aufsuchenden Jugendarbeit gehören, und die unter anderem den Night-Moove ersetzen sollen, der zuletzt kaum noch Zuspruch bei den Jugendlichen fand. Da zog die Laser-Tag-Veranstaltung auf dem Schulhof in Kierspe schon eher. Schwanke: „So etwas wollen wir jetzt öfter machen, möglichst für viele offen und ohne großes Anmeldeverfahren.“

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