Kabarettaltmeister hält nichts von Altersmilde

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Mit Verve und Feinsinnigkeit teilte Kabarettaltmeister Dieter Hildebrandt im Pädagogischen Zentrum der Gesamtschule am Freitagabend aus, das macht er am liebsten. ▪

KIERSPE ▪ Ein Tisch, ein Mann, ein Manuskript. Das hätte auch nach hinten losgehen können. Los ging es, am Freitagabend im PZ der Gesamtschule Kierspe – aber nicht nach hinten. Dieter Hildebrandt, der große alte Mann des deutschen Kabaretts, saß am Tisch und las seinen Text vom Blatt – na und?

Der Stimmung und der Strahlkraft und Wortgewalt tat dies jedoch keinen Abbruch. Von der ersten Minute an feuerte er gegen alles und jeden: gegen Politiker – deutsche und bayrische, Winter-, Sommer- und andere Sportarten und die Kirche – am liebsten die katholische. Aber auch alle anderen bekamen ihr Fett weg. Auszuteilen war und ist für Dieter Hildebrandt, der auch mit fast 86 Jahren keine Ansätze von Altersmilde zeigt, offenbar ein inneres Bedürfnis. Er war zu Gast auf Einladung des KuK-Vereins.

Die Verve und die Feinsinnigkeit mit der er dies tut, machte auch bei seinem Kiersper Gastspiel einen wichtigen Teil des Reizes aus. Unter dem Motto „Ich kann doch auch nichts dafür“ warf Hildebrandt, gekonnt wie eh und je, einen zynisch-ätzenden Blick auf die aktuelle Politik-Landschaft. „Die Wulffs! Ähm, wer von den beiden war noch mal Bundespräsident?“, begann der Hildebrandt seinen kabarettistischen Kreuzzug, machte sich über die Einschätzung vieler Politiker lustig, Ex-Kanzler Kohl habe allein und ohne das Zutun anderer die deutsche Wiedervereinigung gestemmt. „Der Kohl ist nicht nur der Vater der Wiedervereinigung, sondern auch der Sohn und der Heilige Geist!“ In Richtung „Christlich“ ging auch der nächste Hieb: Auch in diesem Jahr hatte Hildebrandt den politischen Aschermittwoch in seinem Heimatbundesland Bayern intensiv verfolgt und konstatierte: „Was die da tun, ist: sich den Stoiber wieder schlau trinken – meinen Eddi, das alte Schlachtross.“ Mit diesem Kosenamen sorgte Hildebrandt gekonnt für die Überleitung zu seinem nächsten Thema: dem neuesten Lebensmittelskandal.

„Wenn ich das schon höre: Da ist so viel Pferd in meiner Kuh! Ich höre den Hufschlag meiner Rindsroulade“, lachte Hildebrandt, und fügte hinzu, dass er, im Gegensatz zu anderen Menschen, gar nicht wissen wolle, was er esse. Gegen Pferd habe er nichts – aber er wolle nicht nur den mit Geschmacksverstärker genießbar gemachten Sattel kauen müssen und auf das im Pferdefleisch reichlich vorhandene Dopingmittel verzichten: „Meinen schweren Gang würde das Zeug sicher beschleunigen.“

Als nächstes Opfer musste Kanzlerin Angela Merkel herhalten, die sich ihren eigenen Angaben zufolge für die erfolgreichste und wichtigste Staatsfrau aller Zeiten halte. „Wenn das der Führer wüsste“, wischte Dieter Hildebrandt diese Überschätzung mit einem herablassenden Kopfschütteln vom Tisch. Und analysierte dann das Staatsbesuchsverhalten der deutschen Kanzlerin: „Blitzbesuch in Griechenland. Vier Stunden! Hin, zurück – und zwischendurch auch noch Gespräche! In der Eile sagen die Politiker dann soviel Blödsinn“, ätzte Hildebrandt und erinnerte sich wehmütig an die guten alten Zeiten, in denen Politiker noch mit dem Schiff reisen mussten: „Das dauerte lange, und so ein Schiff ging auch schon mal unter – und das war auch gut so.“

Mit den griechischen EU-Partnern verfuhr Dieter Hildebrandt relativ freundlich – auch wenn er der Idee nachhing, ihnen die deutsche Bundesregierung sozusagen „zu schenken“ – „wir brauchen die nicht unbedingt!“ Bedeutend mehr verbale Attacken mussten sich die Briten, allen voran ihr Premierminister Cameron, gefallen lassen. „Die gute Nachricht: Jedes Jahr rückt Großbritannien ein Stück weiter nach Westen. Wenn der Cameron dann eines Tages Krokodile in der Themse entdeckt, haben die Briten an Florida angedockt – dann sind wir sie los!“

Die nächsten Hiebe blieben wieder im eigenen Land. Ob CSU-Politiker wie Horst Seehofer („Der ist so biegsam und variabel, dass ihm Tatsachen nichts anhaben können.“) und Alexander Dobrindt („Dummheit ist manchmal schwer zu erkennen. Bei Dobrindt kann man sie sofort orten.“), FDP-Poltiker Dirk Niebel („Wehner hätte gesagt: ‚Niebel, in Ihnen steckt was. Sehen Sie zu, dass Sie das loswerden!’“) oder die jüngst abgetretene Bildungsministerin Annette Schavan („Wenn ich bei der in der Schule Deutsch gehabt hätte, wäre ich Naturwissenschaftler geworden.“) – die Schläge saßen.

Und als Dieter Hildebrandt nach mehr als zwei Stunden mit dem Gehstock – „den brauche ich nicht zum Gehen“ – den Rentner-Rap anstimmte, gegen unverständliche Gesänge, gepiercte junge Frauen und ebensolche Männer hetzte, hörte der Applaus lange Zeit nicht mehr auf.

Maike Förster

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