Die Kiersper Autorin Annette Gonserowski hat ihren Vorlass erweitert

Archivarbeit statt Corona-Frust

Annette Gonserowski hat das Coronajahr genutzt, um ihren Nachlass, der glücklicherweise noch ein Vorlass ist, zu aktualisieren. Dazu hatte sie viele Bücher, Ordner und auch ihren Blog durchgeschaut.
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Annette Gonserowski hat das Coronajahr genutzt, um ihren Nachlass, der glücklicherweise noch ein Vorlass ist, zu aktualisieren. Dazu hatte sie viele Bücher, Ordner und auch ihren Blog durchgeschaut.

Manche haben die Corona-Pandemie und vor allem das Mehr an Zeit, das sich durch die Kontaktbeschränkungen ergeben hat, dazu genutzt, ihr Haus aufzuräumen, zu streichen oder den Garten neu anzulegen. Auch die Kiersper Autorin Annette Gonserowski hat die Zeit genutzt, allerdings hat sie nicht den Pinsel geschwungen, sondern ihren Nachlass gepflegt, der im Westfälischen Literaturarchiv in Münster eingelagert wurde – und zum Glück immer noch ein Vorlass ist.

Kierspe - „Die Mitarbeiter des Archivs sprachen mich an, ob es nicht neue Schriften gebe, die ich übermitteln könnte. Und die hatte ich: mittlerweile ist schon ein großer Koffer zusammengekommen“, erzählt die Kiersper Autorin.

Mittlerweile ist es schon sieben Jahre her, dass Gonserowski ihr literarisches Erbe im Keller des Literaturarchivs einlagern durfte. Damals war sie eine von nur 45 Autorinnen und Autoren, die dazu aufgefordert wurden. In vier großen, säurefesten Kartons verpackte sie damals alles, was ihren schriftstellerischen und dichterischen Werdegang ausmacht.

Nun wird dieser Bestand um neue eigene Bücher, Anthologien, an denen sie mitgewirkt hat, Veröffentlichungen in Zeitungen und Zeitschriften, Zeitungsberichte und Korrespondenz erweitert. Dazu ist sie auch ihren eigenen Blog durchgegangen und hat all die Gedichte herausgesucht, die noch nicht in Münster liegen. Da aber nicht mehr alle Jahrgänge des Blogs vorhanden waren, musste sich die Kiersperin an das Deutsche Literaturarchiv in Marburg wenden, dass diesen Blog archiviert. Mittlerweile ist die Arbeit aber abgeschlossen, herausgekommen ist ein 159 Seiten umfassendes Dokument, das nun in Papierform der Nachwelt erhalten bleibt. „Da auf jede Seite ein bis drei Gedichte passen, sind es rund 300 Gedichte, die ich so gesichert habe“, erzählt Gonserowski.

Aber auch Werke aus der Zeit, als sie noch mit der Schreibmaschine schrieb, ist sie durchgegangen und auch Gedichte, die sie im Computer abgelegt hatte. Insgesamt sind so rund 830 Seiten zusammengekommen.

Dabei freut mich besonders, dass ich mich nicht um die Aufnahme bewerben musste, sondern die Anfrage um Erlaubnis der Aufnahme meiner Gedichte an mich gestellt wurde.

Annette Gonserowski

Lange Jahre war Annette Gonserowski Vorsitzende des Autorenkreises Ruhr-Mark. Und auch, wenn sie dieses Amt mittlerweile nicht mehr innehat, hat sie den persönlichen Austausch mit anderen Autoren aus diesem Kreis immer sehr geschätzt. Möglich sind diese Art der Treffen natürlich schon länger nicht mehr. Doch der Kontakt zu anderen Autoren ist nie abgerissen, wie die Kiersperin mitteilt: „Mittlerweile sind es eher Telefongespräche und virtuelle Treffen. Diese finden aber durchaus häufiger statt.“

Für Gonserowski besonders erfreulich: sie gehörte einer Lyrik-Jury des Autorenkreises an, die eingereichte Beiträge für eine geplante Anthologie beurteilte. „Dadurch hatte ich die Möglichkeit, diese Texte früh zu lesen. Darüber hinaus kam ich auch mit den anderen Jurymitgliedern und Autoren in Kontakt“, erzählt die Kiersperin. Außerdem habe es Videokonferenzen des Westfälischen Literaturbüros gegeben und etliche ihrer Werke seien im vergangenen Jahr wieder in Anthologien, Zeitschriften und Zeitungen abgedruckt worden. Goserowski: „Dabei freut mich besonders, dass ich mich nicht um die Aufnahme bewerben musste, sondern die Anfrage um Erlaubnis der Aufnahme meiner Gedichte an mich gestellt wurde.“

Die Zeit der Kontaktbeschränkungen nutzte die Autorin aber auch, um ein Buch mit Gedanken zu ihrem vor einigen Jahren verstorbenen Zwillingsbruder zusammenzustellen. Letztlich hat sie dem Werk den Titel „Liebe und Vermissen“ gegeben. Illustriert wurde der Titel des Buches von der Kiersper Künstlerin Claudia Ackermann, mit der Annette Gonserowski freundschaftlich verbunden ist.

Die Kiersperin erzählt aber auch von einem Dichter, mit dem sie seit nunmehr 20 Jahren befreundet ist, ohne je mit diesem gesprochen zu haben, noch ihn je gesehen zu haben.

Der Lyriker Gerhard Rombach, der in der Nähe von Stockholm lebte, und im Januar dieses Jahres im Alter von 90 Jahren verstarb, war im Internet durch eines der Gedichte von Gonserowski auf die Kiersperin aufmerksam geworden.

„Im Hauptberuf war Gerhard Rombach Architekt, er unterhielt aber in seinem Haus einen Kultursalon, darin waren auch meine Gedichte Bestandteil – und auch die Musik von Andreas Koch“, erzählt die Autorin.

Besonders gut ist ihr in Erinnerung geblieben, dass beide auf Initiative Rombachs begonnen hatten, mit eigenen Gedichten auf die Gedichte des anderen zu antworten. „Daraus ist ein Buch mit Dialoggedichten entstanden. Das hatte ich damals in meinem eigenen Verlag veröffentlicht. Jetzt nach dem Tod von Rombach, gab es wieder eine gewisse Nachfrage danach. Deshalb hatte ich mich dazu entschlossen, es erneut zu veröffentlichen, erschienen ist es nun bei Epubli und kann nun über jede Buchhandlung bezogen werden.

Annette Gonserowski

Die ersten literarischen Gehversuche unternahm Annette Gonserowski bereits als Kind. Als sie elf Jahre alt war, veröffentlichte sie eine Geschichte in der MZ. Später unterbrach ihre zweite große Leidenschaft, das Reiten, ihre schriftstellerischen Ambitionen. Doch mit 27 Jahren und nach einer schweren Krankheit wandte sie sich wieder dem Schreiben zu.

Drei Jahre später erschien eines ihrer Gedichte in der Zeitschrift Brigitte – „dafür gab es damals 100 Mark“. Wichtiger aber war, dass die Redaktion der Zeitschrift die Autorin an einen Verlag vermittelte, der ihr erstes Büchlein mit Werken der Kiersperin herausbrachte. „Aufatmen“ hieß dieses damals und die Buchhandlung Timpe dekorierte eines ihrer Schaufenster damit. Später veröffentlichte sie dann im Siegener Verlag einer Freundin und auch im eigenen. Dort verlegte sie auch die Werke anderer Autoren. Denn längst waren ihr die Kontakte, die sich aus ihrem Schaffen ergaben, genauso wichtig wie das Schreiben selbst. Als Mitglied im Autorenkreis Ruhr-Mark, deren Schatzmeisterin sie später wurde und den sie als Vorsitzende selbst leitete, bekam sie Kontakt zu anderen Schriftstellern, nicht nur Lyrikern, sondern auch Menschen, die sich der Prosa verschrieben hatten.

Diese neuen Freundschaften führten die Autorin später auch über die Landesgrenzen hinaus. So las sie auf Einladung der zypriotischen Regierung im Nordteil der Insel auf einem internationalen Schriftstellertreffen und auf Einladung der deutschen Botschaft in Warschau. Dort aber nicht nur in der Vertretung ihres Heimatlandes, sondern auch in der Willi-Brand-Schule in Warschau und im Haus der Kultur vor polnischen Schriftstellern. Sie lernte Schriftsteller kennen, deren Heimat im zerstörten Bagdad lag und Menschen, die im Norden Europas zum Schreiben gefunden hatten. Per Mail hält sie zu vielen bis heute Kontakt, tauscht sich aus, lernt und lehrt.

Unbemerkt blieb all dieses nicht. Es folgten zahlreiche Buchveröffentlichungen, Ehrungen, darunter den Alfred-Müller-Felsenburg-Preis für aufrechte Literatur - und schließlich auch die Aufnahme ins Westfälische Literaturarchiv. Eine ganz andere Ehre wurde ihr bereits ein Jahr zuvor zuteil, als eines ihrer Gedichte zum Schrecken des 11. September 2001 Aufnahme in ein Schulbuch für Gymnasien fand. Dort steht es gleichberechtigt neben Gedichten von Erich Fried und Rose Ausländer.

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