Dichtung und Wahrheit über „die Wölfe im Wienhagen“

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Die Ortsbezeichnung „Vor dem Isern“ verdankt ihren Namen Eisengittern, die vor Zeiten über in der Straße eingelassenen Fallgruben angebrachten waren. Sie dienten zur Abwehr von wildem Getier, vornehmlich von räuberischen Wölfen.

Kierspe - Vor einigen Wochen soll in Rönsahl ein Wolf gesichtet worden sein. Fakt ist aber, dass die Rückkehr der Wölfe nach Deutschland erwiesen ist.

In verschiedenen Landstrichen ist „Meister Isegrim“ inzwischen nach langer Abwesenheit in freier Wildbahn wieder vertreten, was von vielen Naturfreunden gar nicht einmal so ungern gesehen wird.

Ob die Rückkehr des Wolfes nun auch bereits für den relativ dicht besiedelten Märkischen Kreis gilt, mag dahin gestellt sein.

Wie dem auch sei – seit altersher umgibt den Wolf eine Aura des Schreckens. Wölfe galten – zumal in früheren Jahrhunderten – als blutrünstige Raubtiere, die nicht nur über das Nutzvieh herfielen, sondern auch dem Menschen gefährlich werden konnten. Manches erinnert auch in unseren Tagen noch an die panische Angst, die die Menschen in früheren Jahrhunderten vor Wölfen hatten.

So ist beispielsweise die Ortsbezeichnung „Vor dem Isern“ in Rönsahl auf eiserne Gitter und darunter versteckte Fallgruben in der Straße, in denen sich wildes Getier und vor allem Wölfe die Beine brechen und gefangen werden sollten, zurückzuführen. Wie es heißt, waren abseits gelegene Gehöfte nicht nur von dichten Hecken umgeben, sondern zusätzlich zogen sich Fallgrubengürtel um die Bauernhöfe.

Lange noch sprach man in diesem Zusammenhang auch von den „Wulfeskuhlen“ im Wienhagen.

Im Wald verborgen, hinter Glietenberg und weiter in Richtung Wienhagenerhaus hat man noch über etliche Jahre kreisrunde Löcher ausmachen können, die zum Wolfsfang angelegt worden waren. Wo nun ferne Ereignisse in Vergessenheit geraten, da bindet sich, so sagt man, mit ihnen die Sage. Im Jahre 1813 soll – nach der Fama – das letzte Kind im Rönsahler Raum von einem Wolf gerissen worden sein, und zwar auf dem Wege von Dörscheln nach Wienhagen. In alten Aufzeichnungen wird darüber berichtet, man habe von diesem auf so unglückliche Weise ums Leben gekommenen Kind nur noch eine Hand gefunden.

Der Volksmund weiß zudem zu berichten, dass Johann zu Glietenberg 1855 wegen des rückständigen Magdlohnes verklagt worden sei. Der Beklagte gab jedoch an, er habe absichtlich diesen Magdlohn vorenthalten, weil die Magd beim Viehhüten nicht die notwendige Sorgfalt habe walten lassen. Sie hätte nicht den dabei erforderlichen Lärm gemacht, und so sei der Wolf gekommen und habe eine Kuh und ein Kalb gerissen. Es war also in jenen Jahren durchaus üblich, dass die Hirten auf den Weiden dauernd lärmten, um den Wolf abzuschrecken.

Schwer zu unterscheiden sind nun im Laufe der Jahre Dichtung und Wahrheit bei Berichten um „die Wölfe im Wienhagen“.

So verbreitete sich um die Mitte des 19. Jahrhunderts über die Ortsgrenzen hinaus die sonderbare Kunde, dass sich Wölfe in den Wäldern des Wienhagens herumtreiben sollten. Eines Tages nämlich fand man dort nahe eines einsamen Hauses im Walde die Überreste von zwei Schafen, und natürlich war sofort klar, dass dort Wölfe ihr Unwesen getrieben haben mussten, zumal eifrige Zeitgenossen hin und wieder die Silhouetten der wilden Räuber am Horizont entdeckt haben wollten. Doch je mehr alle Versuche emsiger Jäger, der gefährlichen Wölfe habhaft zu werden, scheiterten, umso mehr schossen die Gerüchte um die Wölfe im Wienhagen ins Kraut.

Dass die beiden wohlgenährten Schafe in Wirklichkeit den Küchenzettel hungriger Hammerschmiede aus dem Volmetal bereichert hatten, blieb indes ein wohl gehütetes Geheimnis – und vermochte somit das Image der „räuberischen Wölfe im Wienhagen“ nicht nachhaltig aufzubessern.

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