Kiersper Wohnhaus wird zur Filmkulisse

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Ganz nah dran ist die Kamera, wenn der Schauspieler Aris Diamamti den Aufbau des Regales vorbereitet. ▪

KIERSPE ▪ Was hat der Aufbau eines Holzregales mit der Autofahrt durch die Stadt gemeinsam? Wieso ist das Kochen für Freunde mit dem Lenken eines Kleinlasters vergleichbar? Diese Fragen werden in drei Kurzfilmen des Deutschen Verkehrssicherheitsrates beantwortet. Gedreht wurde einer dieser Filme in Kierspe – von der Werbeagentur P.AD aus Meinerzhagen.

Selbst das Einsetzen eines Bohrers ins Bohrfutter kann zum Thema werden. Vor allem dann, wenn diese Szene Bestandteil eines Filmes ist. Soll der Bohrer langsam eingesetzt und fest geschraubt werden oder ist es besser, ihn in das Futter zu rammen und mit einer entschiedenen Handbewegung zu befestigen? Schnell und mit Schwung – darauf einigen sich schließlich Regisseur Alexander Gerstmann und Kameramann Jan Kitanoff.

Die drei Sekunden, die die Einstellung nachher ausmacht, ist Bestandteil eines Filmes, der auf eine Idee von P.AD zurückgeht. Die Meinerzhagener Agentur hat sich bei einer Ausschreibung (Pitch) des Verkehrssicherheitsrates (DVR) durchgesetzt. Dieser hat die Kampagne Eco-Driving ins Leben gerufen, mit der Autofahrer jeden Alters angesprochen werden sollen, um sie zu einem umsichtigeren Fahrverhalten zu bewegen. Kernstück der Kampagne sind Fahrertrainings, bei denen die Fahrer nicht an ihre Grenzen geführt werden, sondern bei denen sie lernen sollen, dass sie mit Ruhe und Weitsicht nicht nur Sprit sparen, sondern auch sicherer und ohne Schäden ans Ziel kommen. „Für Flottenbetreiber lohnt sich das auf jeden Fall. In der wissenschaftlichen Begleitung des Projektes haben wir ermittelt, dass nach einem Training nicht nur der Spritverbrauch zurückgeht. Auch die Kaskoschäden reduzieren sich um rund 20 Prozent binnen eines Jahres“, erklärt Tarek Nazzal, der bei diesem Projekt für den DVR arbeitet und auch bei dem Filmaufnahmen anwesend ist. Wichtig war den Auftraggebern, dass bei den Filmen, die Lust auf die Trainings und das Programm machen sollen, nicht mit dem „erhobenen Zeigefinger“ gearbeitet wird.

An dieser Stelle kommt P.AD ins Spiel. Denn die Meinerzhagener haben sich überlegt, dass am besten gar kein Auto in den Aufnahmen zu sehen ist. Statt dessen haben sie die gefährlichen Situationen des Straßenverkehrs in Alltagssituationen übertragen. Da wird in einem Film für Freunde gekocht und in dem anderen soll „mal eben“ ein Regal aufgebaut werden. Und während zuerst mit großer Hektik zu Werke gegangen wird, geht es im zweiten Teil des Filmes ruhig und überlegt zu. Bei einzelnen Szenen des Filmes werden dann auch die „goldenen Regeln“ des DVR eingeblendet. Da steht dann zwischen Messer und Schneidebrett auf einmal „Abstand halten“. Und als der Regalbauer seine Frau zum Essen ausführt, geschieht das während die Wörter „Schwung nutzen“ eingeblendet werden.

„Letztlich entschied sich der DVR für unser Konzept, weil wir die Verkehrssituationen komplett übertragen haben“, freut sich Annette Kozlowski, die das Projekt für P.AD betreut und bei den Dreharbeiten nicht fehlen darf. Wie gut die Meinerzhagener sich auf die Ausschreibung vorbereitet hatten, wird auch bei der Entscheidung des DVR klar, bei einem Film für junge Leute keinen neuen Film zu drehen, sondern die gezeichnete Idee, das sogenannte Storyboard, als Animationsfilm zu übernehmen.

Um Berufskraftfahrer anzusprechen, wurde dann die Idee mit dem Regalaufbau umgesetzt. Dazu wurde ein Haus in Kierspe angemietet und das Wohnzimmer komplett aus- und umgeräumt. Umgesetzt wurde der Film technisch von der „Camalot Media Werbeagentur“, die mit einem Regisseur, zwei Kameraleuten, einem Assistenten und der Geschäftsführerin Carolin Dennersmann nach Kierspe gekommen waren.

Doch von all diesen Beteiligten erfährt der Zuschauer im besten Fall etwas im Abspann. Sehr präsent werden dagegen die beiden Schauspieler sein. Und da diese in dem Film nicht zu hören sein werden, wurde bei den Aufnahmen viel Wert auf den Ausdruck der beiden gelegt. Wenn auch nur durch wenige Fernsehauftritte in Tatort oder einer Soap des Privatfernsehens einem größeren Publikum bekannt, sind sowohl Antje Hamer aus Köln und Aris Diamanti aus Baden-Württemberg seit vielen Jahren im Geschäft.

Und um die beiden zeitlich nicht über Gebühr zu belasten, wurden die Szenen getrennt voneinander gedreht. So konnte Hamer das Set bereits kurz nach Mittag verlassen, um sich in Bonn den Proben zu einer Kinderoper zu widmen. Nur in einer Szene sind die beiden gemeinsam zu sehen. Ansonsten musste sich die 31-jährige Schauspielerin alle Szenen, in denen sie auf Aktionen ihres Partners reagierte, vorstellen und entsprechend spielen.

Eine Aufgabe, die auf Aris Diamamti noch wartete. Der Schwabe mit griechischen Wurzeln musste nach der gemeinsam gedrehten Schlussszene das Regal gleich zweimal aufbauen. Einmal hektisch, unstrukturiert und nicht pfleglich für das Parkett. Beim zweiten Mal ging er ruhig und routiniert zur Sache.

Doch auch wenn letztlich der Film nur wenige Minuten dauert, an der Technik wurde nicht gespart. In helles Studiolicht getaucht wurden alle Szenen mit einer Kamera gedreht, die auch in Hollywood ihren festen Platz hat. Unter anderem kam dieses Modell auch bei den Aufnahmen für den Kinofilm „Der kleine Hobbit“ zum Einsatz.

Für kleine Kamerafahrten wurden sogar speziell Schienen verlegt und ein Auszubildender von P.AD war mit einer Decke bemüht, dem Sonnenlicht den Zugang zu dem Raum zu verwehren.

Bis zum späten Abend dauerten die Arbeiten. Nun muss das Werk noch von der Iserlohner Firma bearbeitet werden. Später wird es dann auf der Homepage des DVR und auf „http://www.fahren-wie-ein-profi.de“ sowie bei Youtube zu finden sein. ▪ Johannes Becker

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