Inklusion bringt Kindern eine intensivere Förderung

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n den extra kleinen Inklusionsklassen werden für den Unterricht überwiegend zwei Lehrer eingesetzt, einer davon mit sonderpädagogischer Ausbildung. Immer wieder zeigt sich, dass die vier Schüler mit Förderbedarf im Klassenverband kaum auffallen. ▪

KIERSPE ▪ Alle Kinder zeigen die grüne Karte hoch, als Mathematiklehrerin Mareike Baumgarten danach fragt, wer meint, die vier Grundrechenarten mit Dezimalzahlen verstanden zu haben.

Manchmal ist jedoch auch die gelbe Karte zu sehen, wenn Schüler feststellen, auf jeden Fall noch etwas Erklärungsbedarf zu haben, oder sogar die rote, wenn sie das Prinzip überhaupt noch nicht begriffen haben. „Und längst sind es nicht immer nur die vier lernbehinderten Kinder, die sich da melden, sondern ganz häufig Schüler querbeet durch die gesamte Klasse“, berichtet Lehrerin Sabine Jany-Schadow. Inklusion läuft an der Gesamtschule absolut problemlos und noch dazu zum Vorteil für alle Schüler.

Das liegt an der professionellen und intensiven Förderung der Schüler, die überwiegend von zwei Lehrkräften, einer davon mit sonderpädagogischer Ausbildung, unterrichtet werden. Bei manchen Schülern mit Lernbehinderung ist diese sogar kaum mehr wahrnehmbar. Sie orientieren sich an den höheren Leistungsanforderungen und werden immer stärker, so dass sie auch den Abschluss problemlos schaffen werden, wie sich inzwischen schon klar andeutet. Für sie stellt die Inklusion daher also eine große Chance dar, sich besser in die Schule und später ins Arbeitsleben integrieren zu können. Aber auch die normal lernenden Kinder profitieren von der individuellen Förderung, in deren Genuss natürlich auch sie kommen, wie Claudia Koll betont, die selbst in zwei Lerngruppen als Klassenlehrerin und Mathematikfachlehrerin eingesetzt ist. Außerdem ist sie zusammen mit der Schulleitung damit befasst eine eigene Fachgruppe Sonderpädagogik aufzubauen.

Die Gesamtschule wurde nicht nur personell fachlich verstärkt, sondern die Regellehrer konnten auch Fortbildungen in Anspruch nehmen, um für die neuen Aufgaben im Bereich der sonderpädagogischen Förderung gewappnet zu sein. Diese Schulungen zu vermitteln, dabei hat besonders Günther Barth als Leiter de Förderschule in Meinerzhagen geholfen, wofür ihm Dank gelte, so GSK-Leiter Johannes Heintges. Überhaupt funktioniere die Kooperation mit der von den Städten Kierspe und Meinerzhagen gemeinsam getragenen Einrichtung ausgezeichnet.

Im Rahmen der Inklusion werden an der GSK gegenwärtig 21 lernbehinderte Kinder in vier Lerngruppen unterrichtet. Im aktuellen fünften Jahrgang sind es zwei Klassen und jeweils eine im sechsten sowie fünften Jahrgang. Laut den Bestimmungen sind vier bis acht Kinder in jeder Inklusionsklasse möglich, doch orientiert sich die Schule da möglichst am unteren Grenzwert, wie Sigrun Wolf als Stufenleiterin 5/6 erläutert.

Eigentlich jedoch wird Inklusion auf der Basis der UN-Konvention aus dem Jahr 2006 weitergefasst verstanden und bedeutet, dass sämtliche Menschen mit Behinderungen das Recht haben, in das normale Leben integriert zu werden. Umgesetzt hat die Gesamtschule diesen Ansatz von sich aus bereits seit vielen Jahren: So hatten wir immer Körperbehinderte, Autisten oder auch Kinder mit Muskeldystrophie, macht Wolf aufmerksam. Doch konnten diese völlig normal beschult werden und bedurften keiner sonderpädagogischen Förderung.

In den Inklusionklassen befinden sich zurzeit ausschließlich lernbehinderte Kinder mit einer zieldifferenten Entwicklung. Geistige Behinderungen fehlen genauso wie Mehrfach- und Schwerstbehinderungen sowie auch der Bereich der Sinne mit Hören und Sehen. Dafür würde die Schule auch nicht über die notwendige personelle wie sächliche Ausstattung verfügen. Sigrun Wolf ergänzt, dass einfach Grenzen von Inklusion existierten. Es gibt an der GSK auch keine Kinder explizit mit den Förderschwerpunkten Sprache oder psychosoziale Entwicklung.

In den Lerngruppen werden alle Schüler zielgleich unterrichtet, für sie gelten also die gleichen Lernvorgaben. „Wir sind halt eine Schule für alle Kinder“, unterstreicht Wolf nochmals ein wichtiges Gesamtschulprinzip, das sich natürlich ideal auf die Inklusion übertragen lässt und eben nicht nur gilt für Mädchen und Jungen aus verschiedenen sozialen Schichten, mit jeder Lernleistung und allen Abschlusszielen.

Von der Förderschule in Meinerzhagen wurden zwei Sonderpädagoginnen an das GSK-Kollegium abgestellt. Eine davon ist Sabine Jany-Schadow. „Leider ist die andere Lehrerin derzeit im Mutterschutz und fällt aus dem Grund aus, bedauert Stufenleiterin Sigrun Wolf und Schulleiter Johannes Heintges erläutert ergänzend: „Ersatz steht uns eigentlich erst zu, wenn sie anschließend auch in den Erziehungsurlaub geht.“ Doch werde mit der Bezirksregierung verhandelt, weil die Regellehrer im eigenen Haus eine Sonderpädagogin nicht vollgültig vertreten könnten. „Wir haben versucht alle Hebel in Bewegung zu setzen“, so Heintges, der berichtet, dass an der Förderschule gerade sogar ein Referendar fertig wäre und somit zur Verfügung stünde – aber leider bekäme er kein Vertretungsgeld. Aus dem Grund wird aktuell probiert, die Klassen- und Fachlehrer stundenmäßig an anderer Stelle zu entlasten, so dass sie mehr Zeit für die Arbeit in den vier Klassen haben, um auf diese Art die Lücke zu schließen.

Ihnen steht eine feste Beratungsstunde zu, in der gezielt über Fortschritte, Arbeitsweise und Ergebnisse des Unterrichts diskutiert wird und in der natürlich nicht nur die Kinder mit einer Behinderung Thema sind. Sondern davon profitieren letztlich alle Mädchen und Jungen dieser Lerngruppen. Das gilt genauso für die kleinere Klassengröße, die ein viel individuelleres Lernen erlaubt. „Ganz wichtig ist es, flexibel auf die Schüler zu reagieren“, wirft Jany-Schadow hier ein.

Sie hält den Inklusionsgedanken grundsätzlich für richtig und für viele Schüler von Vorteil, ihnen tue der Kontakt mit dem höheren Leistungsniveau gut. Sie bekämen einen anderen Input und hätten so bessere Perspektiven. Die Sonderpädagogin schränkt allerdings ein, dass es genauso auch Kinder gebe, die wiederum mit dem Förderschulsystem besser klarkämen.

Dabei wird die Umsetzung der Inklusion an den nordrhein-westfälischen Schulen von den Gesamtschulpädagogen nicht unkritisch gesehen, weil dies anfangs passierte, ohne dass die Schulen entsprechend vorbereitet worden waren, was geeignete Räume, Personal und Weiterbildung angeht. „Uns fehlten die Ressourcen, die aber eine große Rolle spielen, um den Auftrag überhaupt in adäquater Weise erfüllen zu können“, erläutert Johannes Heintges. Erst nach und nach sei dies erfolgt. Unter anderem würden jetzt erst Moderatoren ausgebildet.

Rolf Haase

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