Digitale Zeitreise durch die Geschichte der Margarethenkirche

+
Der Designer Thomas Clever mit seinen Arbeiten zur Margarethenkirche.

Kierspe - Dort, wo normalerweise schnittige Sportwagen designt werden, steht nun eine uralte Kirche im Mittelpunkt. Der Designer Thomas Clever hat sich der Margarethenkirche angenommen – mit einem ehrgeizigen Ziel.

Der erste Anruf bei dem Heimatforscher Hans Ludwig Knau war nicht von gemeinnützigen Motiven getrieben. Der Designer Thomas Clever war auf der Suche nach Industrieruinen in der Umgebung.

Das eigentliche Ziel war, eines dieser Gebäude abzufotografieren und am Rechner wieder in den Originalzustand zu versetzen. Mit einem „Schieber“ sollten dann Besucher seiner Homepage die Möglichkeit erhalten, die Computersimulation des Originalzustandes über die heutige Ruine zu legen. „Knau nannte mir damals drei Objekte. Neben einer alten Mühle im Volmetal waren das die Gießerei Schwanke im Kerspetal und der Sessinghauser Hammer“, erzählt Clever.

Entschieden hat er sich letztlich für die Mühle. Doch das Projekt erwies sich als schwierig umzusetzen, da die Pläne, von denen man weiß, dass es sie gibt, nicht auffindbar sind.

„Ich habe dann mit Annahmen gearbeitet und eine Mühle um das bestehende Gebäude herum entworfen, wie ich es mir anhand der Bilder vorgstelle“, sagt Clever. Grundsätzlich möchte er aber mit weiteren Arbeiten an der Mühle warten, bis er weitere Pläne hat.

Knau hingegen war von der Arbeit des Designers so begeistert, dass er ihn überredete, doch an einem Regionaleprojekt mitzuarbeiten, bei dem die Margarethenkirche im Vordergrund steht. Und da das Gotteshaus in diesem Jahr auch noch seinen 200. Geburtstag feiert, kam Knau und dem Heimatverein ein Designer gerade recht, der sich visuell mit der Kirche auseinandersetzen könnte.

Clever sagte zu und wollte sich gleich in die Pläne vertiefen. Doch da war es wieder, das Problem mit den Plänen. Denn auch bei der Margarethenkirche ist das Material mehr als übersichtlich. Geplant war und ist, eine Computersimulation zu erstellen, in der die Besucher eine Zeitreise vom Vorgängerbau über den Bau der gotischen Kirche, deren Verfall, den Wiederaufbau Anfang des 19. Jahrhunderts bis hin zu einem zukünftigen Aussehen der Kirche unternehmen können.

Doch aufgrund der Jubiläumsfeier am vergangenen Wochenende konzentrierte sich der Designer erst einmal auf den Ist-Zustand – und vor allem auf die Konstruktion des Daches und Turms.

Mit einer historischen Handskizze, die aber mit den richtigen Maßen versehen ist, begann der „Bau“ der Kirche – am Computer. Schaut man sich die Arbeiten des Designers an, schimmert bei etlichen der Ansichten eine der Zeichnungen durch. Beim Einzeichnen der Sparren hat Clever geholfen, dass bei einer Zeichnung der Empore, die in späteren Jahren umgebaut wurde, auch die Sparren eingezeichnet waren.

Bei einem Ortstermin stellte Clever dann fest, dass sich die Sparren mit den Jahren alle in Richtung des Turms geneigt haben, auch hängt das Dach leicht durch. Bei einigen seiner Ansichten ist dieser „Verschleiß“ auch eingearbeitet.

Derzeit gibt es als Ansicht nur die Südseite samt Dach und natürlich den Turm mit der Westseite. „Norden und Westen fehlen noch, sollen aber auf jeden Fall noch erstellt werden“, sagt Clever, der sich wundert, dass es kaum historische Aufnahmen und Zeichnungen von der Kirche gibt. Clever: „Heute sind diese nur schwer zu erstellen, da an drei Seiten der Kirche Gebäude stehen und vor dem Turm Bäume.“ Geholfen hat Clever bei der „Modellierung“ des Turms, dass es von diesem neue Zeichnungen gibt, die für die Renovierung vor einigen Jahren erstellt wurden. Dadurch ist der Dachstuhl der Zwiebel auch schon jetzt besonders Detailreich. Am Computer kann dieser mit einem Klick mit Schiefer bedeckt werden. Ähnlich soll das später auch mit dem Dach möglich sein. Denn dafür interessiert sich nicht nur die Kirchengemeinde, die das Dach in naher Zukunft sanieren lassen muss, sondern auch ein Student, der über eben dieses Dach seine Masterarbeit schreiben möchte.

Für den Heimatverein dürfte das Engagement des Designers und auch des Studenten Gold wert sein. Ist es dadurch doch möglich, Interessierten einen Einblick zu geben, der sonst nicht möglich wäre. Besonders interessant dürfte das auch bei den erwähnten Industrieruinen sein, denn diese werden wohl nie wieder in den Originalzustand versetzt werden können – vor allem aus Kostengründen.

Zur Person: Thomas Clever

Thomas Clever wurde 1961 in Kierspe geboren. Schon in der Schule zeichnete er gerne – und noch auf dem Gymnasium entstand der Wunsch, Automobildesigner zu werden. Doch bevor es an die Uni ging, absolvierte er eine Ausbildung zum Bauschlosser. Später begann er dann ein Studium des Industrial Designs an der Uni Wuppertal. Dort war der Kiersper aber regelrecht unglücklich. Um den Wunsch nach etwas anderem Nachdruck zu verleihen, arbeitete er an einer Portfoliomappe, mit der er nach Rüsselsheim zu Opel fuhr. Ohne Anmeldung und Termin bekam er dort die Chance, seine Arbeiten zu zeigen. Mit der Zusage, ein Praktikum absolvieren zu können, fuhr er wieder zurück. Später, Monate nach dem sechswöchigen Praktikum, bot ihm Opel an, auf Kosten des Autobauers am europäischen Ableger des Art Center College of Design in Genf zu studieren. Das Studium schloss er als bester Automobildesigner seiner Klasse ab. Danach ging es ans Zeichenbrett und später an den Computer bei Opel, wo er den Opel Combo und Konzeptfahrzeuge entwarf. 1994 wechselte er zu Protoscar, einem kleinen Designbüro. Dort arbeitet er weiter für Opel, aber auch für Porsche und Rinspeed, für den Letzgenannten entwarf er allein neun Showfahrzeuge. 2012 hat er sich als Designer selbstständig gemacht und lebt seitdem in Kierspe und Italien. Neben Autos designt er heute Stühle, Flacons, Staubsauger und vieles mehr.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare