Statistisch gibt es genügend Pädagogen, nur die Statistik unterrichtet nicht

Der leere Platz im Lehrerzimmer

Fällt ein Lehrer aus, gibt es unter bestimmten Umständen die Möglichkeit, einen Vertretungslehrer einzustellen. Doch es melden sich nicht viele für diesen Job. Nur ein Grund für den Lehrermangel an den Kiersper Schulen.
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Fällt ein Lehrer aus, gibt es unter bestimmten Umständen die Möglichkeit, einen Vertretungslehrer einzustellen. Doch es melden sich nicht viele für diesen Job. Nur ein Grund für den Lehrermangel an den Kiersper Schulen.

Wir sind auf Kante genäht, da darf jetzt nichts mehr passieren“, sagt Thomas Block. Wobei der Schulleiter genau weiß, dass auch diese Aussage noch eine Untertreibung ist. In Wirklichkeit ist die Naht längst gerissen. Die Rede ist vom Lehrermangel an seiner Schule – und das Problem, freie Stellen neu zu besetzen.

Kierspe - Denn das scheitert nicht nur aber auch am Geld, vor allem aber daran, dass es zu wenige Lehrer gibt, die auf der Suche nach einer Anstellung sind und auch erst einmal eine Vertretungsstelle akzeptieren würden.

Sogar zu viele Lehrer?

Diese Situation, über die der Leiter des Schulverbunds Pestalozzi- und Schanhollenschule nicht alleine klagt, liest sich in der Statistik des Landes ganz anders. Denn nachdem, was das Land veröffentlicht, gibt es an den beiden Schulen von Block 19,4 Lehrerstellen und damit hat die Schule 101 Prozent des benötigten Bedarfs. Am Schulverbund der Bismarck- und Servatiusschule gibt es sogar einen echten Überhang, denn für diesen Schulverbund sieht das Land 19,1 Stellen, was einer Besetzung mit Lehrkräften von 107,4 Prozent entspricht.

Ähnlich komfortabel stellt sich die statistische Situation an der Gesamtschule dar. Dort werden 95,2 Lehrerstellen gezählt, also eine Besetzung von 104,3 Prozent.

Dass die Schulleiter nicht laut lachen, wenn man ihnen diese Zahlen nennt, ist sicher vor allem der Höflichkeit geschuldet.

Pestalozzischule/Schanhollenschule

„Uns fehlen gerade zwei Kolleginnen, die ein Kind bekommen haben und denen selbstverständlich die Stellen freigehalten werden. Natürlich könnte ich dafür Vertretungslehrer einstellen, doch die muss ist erst einmal finden“, erzählt Block. Dann erzählt er von einer weiteren Lehrerin, die als Risikopatientin schon das ganze Jahr fehlt und nicht im Präsenzunterricht eingesetzt werden kann. „Zwei weitere Kolleginnen werden zum Schuljahreswechsel pensioniert, dafür dürfen wir aber nur eine Stelle ausschreiben“, sagt Block – und fügt an: „Wenn es schlecht läuft, dann fehlen im Sommer zwei Klassenleitungen.“

Bismarckschule/Servatiusschule

Ähnliche Sorgen treiben seine Kollegin Stefanie Fischer um, die als Rektorin den Verbund aus Bismarck- und Servatiusschule leitet: „Derzeit fehlt uns eine Klassenleitung ab Sommer.“ Doch das ist nicht das einzige Personalproblem. So hat die stellvertretende Schulleiterin gerade ein Kind bekommen, ihre Stelle könnte vertretungsweise besetzt werden, ob das gelingt, bezweifelt Fischer. Sie spricht aus Erfahrung, denn eine Kollegin, die während des Schuljahrs in Rente gegangen ist, war zuvor über lange Zeit erkrankt. „Dafür konnten wir auch keinen Ersatz finden, es gibt einfach nicht genügend Lehrer.“

Das wird auch deutlich, wenn man einen Blick auf das Kollegium von Fischer wirft. Mittlerweile, so erzählt die Rektorin, gibt es fünf Quereinsteiger, von denen drei eine Klassenleitung übernommen haben. „Wir haben mit diesen Kollegen ganz viel Glück gehabt, aber es gibt schon einen Grund, warum man fürs Lehramt ein spezielles Studium absolvieren sollte“, so die Rektorin.

Sorgen bereitet Fischer aber auch die Rückkehr zum Wechselunterricht, „der das Personalproblem noch einmal verstärken wird“. Denn dann müssen die Lehrer nicht nur den Präsenzunterricht sicherstellen, sondern auch die Notbetreuung.

Gesamtschule

Vor diesem Problem stehen auch Schulleiter Johannes Heintges und sein Stellvertreter Stefan Müller an der Gesamtschule. Müller, der als Organisationsleiter auch für die Vertretungslehrer zuständig ist, hat die Zahlen griffbereit: „Derzeit haben zwei Lehrerinnen aufgrund ihrer Schwangerschaft ein Beschäftigungsverbot, dafür gibt es auch keinen Ersatz, weil die finanziellen Mittel der Bezirksregierung aufgebraucht sind.“ Zwei männliche Kollegen befänden sich in einer einmonatigen Elternzeit. „Bei Elternzeit bekomme ich erst die Möglichkeit, eine Vertretung einzustellen, wenn die Abwesenheit mehr als drei Monate beträgt.“

Bei Schwangerschaften, für die kein Beschäftigungsverbot aus medizinischen Gründen ausgesprochen wird, gilt, dass die Frauen sich sechs Wochen vor und acht Wochen nach der Geburt im Mutterschutz befinden – eine Vertretung sehe das Land nicht vor, so Müller.

Schwangerschaften

Durch einen Umbruch, der vor etwas mehr als zehn Jahren eingesetzt habe, seien jetzt viele junge Lehrerinnen und Lehrer an der Schule, wobei der Anteil der Lehrerinnen bei weit mehr als 50 Prozent liege. „Da muss man jedes Jahr zwei bis drei Schwangerschaften einplanen“, sagt der Stellvertretende Schulleiter.

Dazu kämen noch Stundenentlastungen für Fortbildungen und Entlastungsstunden für Menschen mit einer Schwerbehinderung. „Unter Umständen hat ein Schwerbehinderter das Recht acht von seinen 25 Wochenstunden als Entlastung zu nehmen. In der Statistik taucht das aber nicht auf. Und eine Vertretung gibt es dafür auch nicht.“

Johannes Heintges nennt dann noch Entlastungsstunden für Quereinsteiger und Dauerkranke: „Selbst wenn uns für einige der Stellen, die aus unterschiedlichen Gründen wegfallen, Vertretungslehrer zustehen, dann ist es ja nicht so, als würden die Bewerber Schlange stehen. Auch muss man ja sehen, dass nicht jeder, der sich auf eine solche Stelle bewirbt, auch geeignet ist.“

Religionsunterricht

Im Gespräch über Stellenbesetzungen und Vertretungslehrer weist Rektorin Stefanie Fischer auf ein spezielles Problem bei den Religionslehrern hin. Normalerweise verstehen sich Grundschullehrer als Generalisten und vertreten ihre Kollegen auch schon mal in Fächern, die sie nicht studiert haben. Das führt beispielsweise im Musikunterricht den einen oder anderen auch schon mal an seine persönlichen Grenzen. Beim Religionsunterricht zieht diese Grenzen aber der Gesetzgeber – und der erlaubt den Unterricht nur, wenn auch ein entsprechendes Studium von dem Lehrer absolviert wurde. „Wenn wir dort Ausfälle haben, ist es nahezu unmöglich, eine Vertretung zu finden“, sagt Fischer. Bei dem Fach Katholische Religion sei die Situation noch schlechter als bei der Evangelischen Religion. „Uns fehlt der Lehrer für Katholische Religion, deshalb müssen wir das Fach komplett ausfallen lassen“, so die Rektorin.

Mahr als 164 000 Lehrer werden im kommenden Schuljahr benötigt

Ursächlich für die Statistik des Landes war eine kleine Anfrage aus den Reihen der SPD, in der nach den Lehrerstellen im Land für das Schuljahr 2020/2021 gefragt wurde. Außerdem wollten die Sozialdemokraten wissen, wie der prognostizierte Lehrerbedarf für das Schuljahr 2022 sei. In der Antwort der Landesregierung steht, dass man für das kommende Jahr einen Lehrerbedarf von 164 424,7 Stellen errechnet habe. Von diesen würden auf den Grundschulbereich 45 678,5 Stellen entfallen. Für Hauptschulen benötige man 5869,5 Lehrer und für Realschulen 12 638,1 Lehrkräfte. An den Gymnasien müssten demnach 30 260,8 Stellen besetzt sein und an den Gesamtschulen im Land sollten 28 225,5 Lehrer unterrichten. Weitere Stellen gibt es an Förderschulen, Berufskollegs und Weiterbildungseinrichtungen. Natürlich tauchen in der Auflistung auch die Sekundarschulen auf, für die ein Bedarf von 5059,7 Stellen errechnet wurde. Grundlage für diesen Bedarf sind vor allem die Schätzungen der Schülerzahl. Letztlich, so die Landesregierung, werde der genaue Bedarf erst vier Wochen nach Beginn des Schuljahres feststehen.

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