Der junge Kiersper sieht sich vor allem den Arbeitnehmern verpflichtet

Parteiinterner Kampf um Berlin: Kiersper tritt gegen Baradari an

Ein gutes Gesundheitssystem, keine weitere Privatisierung der Krankenhäuser und der Ausbau von Medizinischen Versorgungszentren sind Themen, für die sich Sercan Celik einsetzen möchte – und er hat darüber auch schon mit Karl Lauterbach gesprochen.
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Ein gutes Gesundheitssystem, keine weitere Privatisierung der Krankenhäuser und der Ausbau von Medizinischen Versorgungszentren sind Themen, für die sich Sercan Celik einsetzen möchte – und er hat darüber auch schon mit Karl Lauterbach gesprochen.

Kierspe – Alle (paar) Jahre wieder – tritt ein Kiersper an, um bei der Bundestagswahl zu kandidieren.

Vor der letzten Wahl unterlag Monika Baukloh parteiintern Nezahat Baradari. In diesem Jahr versucht Sercan Celik die Partei im südlichen Märkischen Kreis und im Kreis Olpe davon zu überzeugen, dass er der richtige Kandidat ist – und tritt gegen Baradari an, die über ihren Listenplatz und als Nachrückerin ein Bundestagsmandat bekam.

Gerne sagen Parteimitglieder, dass ihnen die Mitgliedschaft bereits in die Wiege gelegt worden sei. Meist ein Verweis auf die politische Orientierung des Elternhauses. Bei Sercan Celik ist das aber durchaus wörtlich zu nehmen. Denn seine erste Babyausstattung wurde von Kiersper Sozialdemokraten gespendet.

Dass er überhaupt in Kierspe aufwachsen konnte, verdankt er ebenfalls Sozialdemokraten, vor allem dem damaligen Innenminister Herbert Schnoor, der ein dauerhaftes Bleiberecht für die Jesiden durchsetzte (Infokasten).

Celik selbst wurde in Kierspe als Sohn jesidischer Flüchtlinge geboren. Er wuchs mit drei Geschwistern auf und besuchte die Gesamtschule Kierspe. Nach dem Abitur begann der heute 32-Jährige ein Jura-Studium in Köln. Derzeit arbeitet er als Rechtsreferendar bei einem Kölner Anwalt. In den nächsten Monaten wird er sein Studium abschließen, um dann im Märkischen Kreis als Anwalt tätig zu werden. Gemeinsam mit seiner Schwester Günel Celik arbeitet er im „Verein Yeziden und Christen Märkischer Kreis“.

Mit seiner parteiinternen Kandidatur beschreitet Celik kein Neuland – für viel Wirbel hatte die Kandidatur von Sawsan Chebli gegen Michael Müller in Berlin gesorgt – und Olaf Scholz musste sich gleich gegen drei Mitbewerber durchsetzen. Sercan Celik sieht in diesen parteiinternen Wahlkämpfen keine Zerrissenheit der Partei, sondern er wertet sie als ein Zeichen tief verankerter Demokratie. „Ich finde es gut, wenn die Mitglieder die Wahl haben. Das ist für mich Demokratie.“ Er betont, keine Vorbehalte gegen Nezahat Baradari zu haben, aber den Parteimitgliedern in seinem Wahlkreis eine Wahl geben möchte.

Die Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften ist mir wichtig. Ich möchte den alten Slogan „Seit’ an Seit’“ wieder mit Leben füllen.

Sercan Celik

Die erste Hürde hat er schon genommen: Der SPD-Ortsverein Kierspe hat sich einstimmig für den Mann aus den eigenen Reihen ausgesprochen. Nun hat er noch bis Ende Januar Zeit, die anderen Ortsverbände des Wahlkreises von sich zu überzeugen. Kein einfaches Unterfangen in Corona-Zeiten. Denn die meisten der Vorstellungen werden digital erfolgen – eventuell sogar die Delegiertenversammlung, auf der dann abschließend über den neuen Kandidaten entschieden wird.

Der 32-Jährige betont, dass er bei seiner politischen Arbeit die Arbeitnehmerrechte wieder stärker betonen möchte und sieht gerade jetzt dafür eine große Dringlichkeit. „Durch die Corona-Pandemie wird es zu Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt kommen, da brauchen die Arbeitnehmer einen starken Partner, den sollen sie auch weiterhin in der SPD finden. Aber auch die Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften ist mir wichtig. Ich möchte den alten Slogan ,Seit’ an Seit’’ wieder mit Leben füllen.“

In diesem Zusammenhang spricht er sich auch für eine Reform der Agenda 2020 mit ihren Hartz-Gesetzen aus. „Wir dürfen nicht Arbeitnehmer, die unverschuldet ihren Arbeitsplatz durch eine weltweite Rezession verloren haben, nach relativ kurzer Zeit in die Grundsicherung entlassen. Wir brauchen neue und kluge Rezepte, mit denen wir Jobverlusten begegnen.“

Das offizielle Wahlkampffoto von Sercan Celik, der sich um eine Bundestagskandidatur bewirbt.

Dabei hält er das Vorantreiben der digitalen Infrastruktur für unerlässlich. „Ich habe als Kiersper erlebt, wie hemmend langsame Internetverbindungen sein können“, betont er. In dem schnellen Netz sieht er auch eine Mindestvoraussetzung dafür, dass junge Menschen im Märkischen Kreis und im Kreis Olpe bleiben, beziehungsweise nach einem vollendeten Studium wiederkommen. Celik: „Ich wollte unbedingt zurück, ich weiß aber auch von vielen Studenten, dass sie lieber in den Großstädten bleiben.“

Wichtig sei bei dem Bemühen um junge Fachkräfte aber auch bezahlbarer Wohnraum, ein gutes kulturelles Angebot, gute Schulen und ausreichende Freizeitmöglichkeiten. Beim Wohnraum sieht er seinen potenziellen Wahlbezirk zweigeteilt. Während es im Märkischen Kreis durchaus gut bezahlbare Angebote gebe, sehe das in Olpe ganz anders aus. „Warum soll jemand in Olpe bleiben, wenn er fast das gleiche für Miete zahlen muss wie in Köln?“, fragt er – und leitet daraus einen Handlungsauftrag für die Politik ab.

Auch will er sich dafür einsetzen, dass es keine weitere Privatisierung von Krankenhäusern und flächendeckend eine gute medizinische Versorgung durch medizinische Versorgungszentren gibt.

Und wenn es nicht klappt mit der Nominierung, wobei dann ein gesicherter Listenplatz noch einmal etwas ganz anderes ist? Dann, so sagt er, will er in seinem Beruf als Rechtsanwalt arbeiten. Es gebe schon erste Gespräche mit einer Kanzlei. Sein Schwerpunkt soll in diesem Fall aber auch die Vertretung von Arbeitnehmerinteressen sein – dann aber vor Gericht und nicht im Bundestag.

Kontakt

Sercan Celik konzentriert sich in seinem parteiinternen Wahlkampf vor allem auf die sozialen Netzwerke, bei Facebook ist er unter „Sercan Celik“ zu finden und bei Instagram unter „celikspd“.

Die Verfolgung der Jesiden und ihr Fürsprecher Herbert Schnoor

Verfolgt und unterdrückt wurden die Jesiden in den 1980er-Jahren auch und vor allem in der Südosttürkei. Es waren damals vor allem nordrhein-westfälische Sozialdemokraten, die sich für ein Bleiberecht der Jesiden in NRW einsetzten – und in dem damaligen Innenminister Herbert Schnoor hatten sie einen Verbündeten, der letztlich durchsetzte, dass die Angehörigen der Glaubensgemeinschaft ein dauerhaftes Bleiberecht erhielten – gegen den Wunsch anderer Bundesländer, vor allem Bayern. Schnoor hatte sich im Sommer 1989 persönlich ein Bild von der Lage der Jesiden im Rahmen einer Konsultationsreise in das Kurdengebiet im Südosten der Türkei gemacht. Damals, Ende der 1980er-Jahre lebten in Deutschland rund 17 000 Jesiden in Deutschland. Heute sind es nach Schätzungen rund 100 000 bis 150 000.

Als vor einigen Jahren der Islamische Staat sein Terrorregime ausbaute, verfolgte er die Jesiden mit unbarmherziger Härte, tötete Tausende und versklavte vor allem Frauen. Bei dem Kampf um Sindschar kamen damals viele Jesiden ums Leben. Es gelang jesidischen Kämpfern in Allianz mit kurischen Einheiten, dem IS eine empfindliche Niederlage zuzufügen und das Gebiet zurückzuerobern.

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