1912 verlegt Theodor Rogge seinen Betrieb nach Kierspe

Der Friseursalon als Nachrichtenbörse

Sophie Rogge lebt noch heute in dem Haus, in dem sie jahrzehntelang arbeitete.
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Sophie Rogge lebt noch heute in dem Haus, in dem sie jahrzehntelang arbeitete.

Das rote Haus gegenüber dem Denkmal, da wohne ich.“ So beschreibt Sophie Rogge, wo sie zu erreichen ist. Jahrzehntelang hat sie in ihrem Wohnhaus an der Kölner Straße auch gearbeitet. Im Erdgeschoss war seit dem Bau des Hauses im Jahr 1928 der Friseursalon Rogge untergebracht.

Kierspe - Der war eine Institution in Kierspe. 1999 feierte man das 100-jährige Jubiläum, inzwischen war die dritte Generation am Werk. Die Anfänge lagen allerdings in Brügge. Dort hatte Theodor Rogge seinen Friseursalon, den er 1912 nach Kierspe verlegte, um in der Nähe seiner Frau zu sein. Maria Rogge war Bezirkshebamme für Kierspe geworden; bis nach dem Zweiten Weltkrieg half sie, kleine Kiersper zur Welt zu bringen.

Über Emanzipation wurde in der Familie nicht geredet, sie wurde gelebt. Auch Schwiegertochter Elisabeth Rogge war selbstständig. Die Schneidermeisterin hatte in ihrer Wohnung eine Werkstatt, in der sie für ihre Kundschaft nähte. Zur Erinnerung: Kleidung „von der Stange“ trug längst nicht jeder, bis in die 1960er-Jahre war selbstgenähte Kleidung üblich. Dagegen ließen sich die Männer zunehmend weniger rasieren. Hatte Sohn Theodor schon als Kind die Rasierpinsel eingeseift, waren derlei Handreichungen in späteren Jahren nicht mehr nötig. Jetzt lag der Schwerpunkt auf dem Damensalon.

Dass Sophie Rogge nach ihrer Hochzeit mit Eberhard Rogge, dem Enkel des Gründers, im Salon mitarbeiten würde, war selbstverständlich. Dabei war sie gar keine gelernte Friseurin, hatte sich aber schon immer für dieses Handwerk interessiert. „Es waren gute Jahre“, sagt sie aus dem Rückblick, aber auch: „Friseur ist ein hartes Brot, das muss man wissen.“ Sogar sonntags wurde gearbeitet. Leichter wurde es, als sie die Terminvergabe einführte. Heute selbstverständlich, war das eine Neuheit, die ein früherer Mitarbeiter aus den USA mitgebracht hatte. Stoßzeiten ließen sich so besser planen.

Zwei wesentliche Voraussetzungen für den Beruf brachte Sophie Rogge mit: Sie war kommunikativ und diskret. Das galt wohl auch für die anderen Familienmitglieder, denn bei dieser Schnittmenge an Berufen blieb es nicht aus, dass die Rogges praktisch ganz Kierspe kannten und im ganzen Ort bekannt waren. Vor allem der Friseursalon war eine Nachrichtenbörse.

Dabei hatten Theodor und Maria Rogge nicht die allerbesten Voraussetzungen, als sie nach Kierspe kamen – sie waren nämlich katholisch. „Schwierig“ sei das anfangs gewesen, beschreibt die angeheiratete Enkelin Sophie taktvoll diese Situation. Aber die Eheleute blieben nicht lange Außenseiter, und auch der Friseursalon florierte. Denn neben Haareschneiden und Rasieren zog Theodor Rogge seinen Kunden auch die Zähne. Er war Dentist, eine Kombination, die bei den Barbieren früherer Zeiten weit verbreitet war.

Die Großeltern ihres Mannes hat Sophie Rogge nicht mehr kennengelernt, aber zahlreiche Fotos dokumentieren den Werdegang der Familie. Ihre eigenen Kinder haben andere Berufe erlernt, aber eine Enkelin hat die Familientradition neu belebt, wenn auch nicht in Kierspe. Geblieben sind viele Kontakte zu ehemaligen Mitarbeitern, Kolleginnen und Kunden.

Ihnen fühlt Sophie Rogge sich nach wie vor verbunden. Am Friseurhandwerk ist sie immer noch interessiert, am geselligen Leben in Kierspe nimmt sie ebenfalls teil. Während ihr inzwischen verstorbener Mann Eberhard Mitglied im Schützenverein war, gehörte Sophie Rogge zu den Gründungsmitgliedern des Tennisclubs Kierspe; inzwischen spielt sie in Berkenbaum.

Sie sei „übriggeblieben“, sagt sie, wirkt dabei aber ganz fröhlich. Jammern liegt ihr offensichtlich nicht.

Was den Friseursalon betrifft: Im Jahr 2001 übernahm ihn eine langjährige Mitarbeiterin, die ihn weitere zehn Jahre später an den Springerweg verlegte. Mit diesem Wechsel endete ein kleines Stück Ortsgeschichte. Im Friseursalon hat heute eine Heilpraktikerin ihre Räume.

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