Denkkraft statt Schnelligkeit

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Die meisten Schachvereinsmitglieder sind seit Jahrzehnten dabei, so auch Torsten Ellend (vorne rechts). Die Erfahrung hilft, auch komplizierte Spielsituationen auf dem Brett zu meistern. ▪

KIERSPE ▪ „Jeder kann Schach spielen“, so die gängige Meinung, wobei zwischen Schach spielen und Schach spielen können wohl ein Unterschied besteht. Immerhin gibt es in Deutschland 95 000 aktive Schachspieler, die in Vereinen organisiert sind.

Und so fiel denn auch schnell der Fehler auf dem Coverbild eines im letzten Herbst erschienenen, mittlerweile sehr erfolgreichen Buches mit dem Titel „Zug um Zug“ auf. Hier sitzen die SPD-Spitzenpolitiker Helmut Schmidt und Peer Steinbrück vor einem um neunzig Grad verdrehten Schachbrett. „Erstaunlich, dass das ausgerechnet zwei passionierten Hobbyschachspielern nicht aufgefallen ist“, findet Oliver Brandt, Vorsitzender des heimischen Schachvereins, „aber vermutlich galt ihr Interesse wichtigeren Themen.“

Demgegenüber widmen die Spieler des heimischen Schachvereins ihre Aufmerksamkeit vorrangig dem Brett. Aber entgegen der Vorstellung, dass hier angespannte Ruhe herrschen müsse, vor allem, weil nur Männer anwesend sind, plaudern und scherzen die Spieler mit ihrem Gegenüber, während sie gleichzeitig ihre Züge setzen und nach jedem die Uhr betätigen. „Wir sehen uns nur einmal wöchentlich, wenn wir nicht am Wochenende Ligakämpfe haben. Hier trainieren wir, haben aber auch unseren Spaß“, lacht Thorsten Ellend, seit sechsunddreißig Jahren Mitglied des Vereins. Der Reiz der Beschäftigung am Brett gehe zum einen von dem Spieltrieb aus, der nun mal in jedem Manne stecke, aber auch von dem sportlichen Anspruch, ergänzt er. Spielleiter Dominik Rode am Nachbarbrett erklärt weiter: „Hauptsächlich geht es um die geistige Herausforderung. Beim Schach hat man kein Glück, sondern es gilt, über logisches Denken taktische Wendungen und Strategien zu entwickeln“. „Vieles läuft auch über intuitives Denken“, führt sein Gegenüber, Ralf Schürmann, weiter aus, „in der begrenzten Zeit, die man zur Verfügung hat, kann man nicht alle möglichen Züge überdenken. Man muss den folgenden Zug spüren“. Langjähriges Mitglied Peter Baran fasst zusammen, indem er dem Schachspiel drei Komponenten zuweist: „Schach ist Kunst, weil Kreativität gefragt ist. Schach ist zudem eine Wissenschaft, weil Logik gefordert ist, und auch Sport, weil der Leistungsgedanke gegeben ist“. Es sei wissenschaftlich nachgewiesen, dass das Spiel die Entwicklung von Jugendlichen fördere. „Bei uns trainieren acht Jungen im Alter von zehn bis vierzehn Jahren, wovon einer in seiner Altersklasse nach nur einem Jahr Vereinszugehörigkeit schon Bezirks-Einzelmeister geworden ist“, berichtet Chef Brandt stolz. So könne man in sehr kurzer Zeit große Erfolge erzielen. Überhaupt sei es sinnvoll, im Jugendalter einzusteigen, um über die Jahre die notwendige Erfahrung aufzubauen und Verfahrenstechniken zu erlernen. Aber auch als Erwachsener böte das Schachspiel zum einen Herausforderung, aber auch Gelegenheit, für sich ganz persönlich etwas zu tun, wie Brandt, der erst 2004 zum Verein gekommen ist, aus eigener Erfahrung zu berichten weiß. An Wochenenden stellen die Vereinsmitglieder ihr Können in Ligaspielen in der Verbandsklasse Süd unter Beweis, so im Siegener Raum bis hin nach Bad Berleburg. „Da dauert die Partie bei einer maximalen Zeitvorgabe von drei Stunden pro Spieler in der Regel fünf Stunden, so dass der Sonntagnachmittag gefüllt ist“, erläutert Brandt. Aber da würde man sich abwechseln, je nach Laune und Zeit. Weiteren Nachwuchs im Jugendbereich, aber ebenso Unterstützung der insgesamt zweiundzwanzig erwachsenen Spieler würden alle begrüßen, auch wenn die bisherige reine Männerdomäne durch weibliche Schaffenskraft durchbrochen würde.

Angebot

Schachverein Kierspe: Gesamtschule Felderhof, Alte Mensa, donnerstags (Jugend) 18-20 Uhr, Josef Horstmann Tel. 02359/7001), (Erwachsene) 20-22 Uhr), Oliver Brandt (Tel. 02359/8909005), E-Mail: olibrandt@t-online.de ▪ est

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