„Demokratie im Kleinen“

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Friederike Böcker arbeitet mehr bei den Menschen die sie befragt, als an ihrem Schreibtisch. ▪

KIERSPE ▪ Für viele ist es immer wieder ein kleines Wunder, wenn am Tag einer Wahl um Punkt 18 Uhr eine Prognose im Fernsehen zu sehen ist, die vom amtlichen Endergebnis hinterher nur um Zehntel-Prozentpunkte abweicht. Dabei hat bis dahin ja eigentlich noch gar keine offizielle Auszählung stattgefunden. Eine allerdings doch schon. Nämlich die der Meinungsforschungsinstitute.

Als Interviewerin für TNS Infratest, bekannt aus der ständigen Wahlberichterstattung des ARD-Fernsehens, arbeitet die Kiersperin Friederike Böcker. Dabei liegt ihr Hauptschwerpunkt nicht bei den Wahltagsbefragungen, sondern bei vielen Marktforschungs- und Sozialstudien.

Die ehemalige Studienrätin suchte 2001 eine interessante Beschäftigung und stieß dabei auf eine Annonce des renommierten Institutes. Seit dem ist die 58-Jährige mit Spaß und viel Interesse an den Menschen, die sie befragt, dabei. Gleich zu Beginn des MZ-Gesprächs stellt sie eines klar: „Wir machen keine Telefoninterviews. Wir gehen zu den Zielpersonen an die Tür.“ Dabei zählt dann sicheres Auftreten, Kontaktfreudigkeit und natürlich ein gepflegtes Erscheinungsbild. „Man muss seriös sein und nicht nur seriös auftreten“, betont die mittlerweile sehr routinierte Interviewerin.

Die Studien, die aus ihren Interviews erstellt werden, umfassen ein breites Spektrum. Darunter ist zum Beispiel ein namhafter Reifenhersteller, der wissen will welches Modell die Befragten fahren und wir ihre Zufriedenheit ist. Häufig wird auch nach der Bekanntheit der Werbung des Herstellers gefragt. „Da gibt es Slogans, die sind seit 20 Jahren in den Köpfen der Menschen“, weiß Böcker zu berichten. Auftraggeber von Infratest sind aber auch die Politik, Arbeitgeberverbände oder Gewerkschaften.

Sehr interessant findet die heimische Interviewerin auch Langzeitstudien. Die Befragung „Leben in Deutschland“ läuft seit 1984. „Da wechseln selten die Zielpersonen, eher die Interviewer“. Einmal im Jahr besucht sie dabei die entsprechenden Haushalte und wird dort häufig schon erwartet.

Über einen so langen Zeitraum bekommt sie dabei natürlich auch die „Aufs“ und „Abs“ eines Lebens mit. „Menschliche Katastrophen erleben wir so auch, und so was nimmt man auch mit nach Hause“, erfuhr Friederike Böcker schon manche persönliche Schicksale.

Wichtig ist der Interviewerin, dass alle Befragten anonym bleiben und mit den erhobenen Daten verantwortungsvoll umgegangen wird. „Wir als Interviewer sind ‚Datenträger‘, sind verpflichtet, gegenüber Dritten zu schweigen und können bei Fehlverhalten auch rechtlich belangt werden“, unterstreicht sie die Besonderheit ihrer Aufgabe. „Da machen uns die unseriösen Telefonumfragen das Leben schwer“, so Böcker. Immer wieder betont die Mutter von zwei erwachsenen Kindern, dass alle Angaben der Zielpersonen freiwillig sind. Für die Kiersperin sind die Befragungen „Demokratie im Kleinen“, denn wenn viele Kritik äußerten, sei die Chance groß, dass sich auch etwas ändere.

Viel Spaß bereiten der Kiersperin die Befragungen der Menschen an Wahltagen. „Das ist etwas besonderes, unheimlich anstrengend, aber ich lasse keine Wahl mehr aus“, drückt es Friederike Böcker passend aus.

Schon früh am Morgen baut sie ihren Stand an einem Wahllokal in der Region auf. Sechs bis sieben Mal am Tag schickt sie dann die Ergebnisse, natürlich kodiert, an die Zentrale. Daraus wird dann die Prognose für 18 Uhr erstellt. „Dann werde ich immer von den zur Wahl stehenden gelöchert, doch ich muss schweigen. Das macht die Sache aber auch spannend“, so Böcker. Die ehemalige Studienrätin kann selbst nur per Brief wählen. Zudem bekommt sie die überörtlichen Wahlergebnisse meistens erst auf dem Weg nach Hause im Radio mit. „Davor ist man einfach unwahrscheinlich motiviert und guckt gar nicht über den Tellerrand“, bringt Friederike Böcker den Spaß an ihrer Arbeit zum Ausdruck.

Am Anfang brauche man bei den Befragungen vielleicht noch eine hohe Frustrationsgrenze, „das ist selbst gewieften Interviewern nicht unbekannt.“ Mit der Zeit sei sie aber auch immer selbstsicherer geworden. Bedroht oder beschimpft worden ist die Kiersperin zum Glück noch nie. Da gibt es eher nur gute Erfahrungen zu berichten. Damit möchte sie auch ein bisschen Werbung für ihre Mischung aus Hobby und Beruf machen. „Wir suchen ständig Interviewer“, so Böcker und verweist auf das Internetportal von TNS Infratest. ▪ David Schröder

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