„Das Beste in Kierspe ist der Bürgerbus“

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Vereinsvorsitzender Gerhard Kamphausen begrüßte Hildegard Weininger als 300 000. Fahrgast des Bürgerbusses und überreichte ihr einen Präsentkorb. Auch Stadtbeigeordneter Olaf Stelse gratulierte. ▪

KIERSPE ▪ Der Kleinbus mit seinen neun Plätzen, einer davon für den Fahrer, so dass er letztlich insgesamt acht Fahrgästen Platz bietet, hält an der Haltestelle am Glockenweg. Doch es steigt weder jemand ein noch aus.

Aber dann wird Hildegard Weininger vom Bürgerbusvereinsvorsitzenden Gerhard Kamphausen gebeten, kurz vor das Auto zu treten, wo ihr im Beisein des städtischen Beigeordneten Olaf Stelse ein Präsentkorb überreicht wird. Mit dabei ist ebenfalls Vorstandsmitglied Carsten Möller. Die schnelle Ehrung, denn allzu sehr darf der Fahrplan natürlich nicht gestört und durcheinander gebracht werden, hat einen besonderen Grund, denn Hildegard Weininger war gestern der 300 000. Fahrgast.

Seit 1994, also in diesem Jahr 18 Jahre lang, verkehrt der Bürgerbus nun schon in Kierspe komplett auf ehrenamtlicher Basis. Olaf Stelse, der in seiner Funktion als Kämmerer gut rechnen kann, hat sofort heraus, dass in dieser langen Zeit durchschnittlich 16 600 Fahrgäste pro Jahr befördert werden – eine Zahl, die sich sehen lassen kann. Er wohnte dem Ereignis gestern als Vertreter der Kommune bei und äußerste sich voller Lob zu dem Angebot von Bürgern für Bürger vor Ort: „Ich freue mich über die ehrenamtliche Arbeit“, betonte er und wünschte dem Verein, dass dieser auch weiterhin immer Menschen finden möge, die sich als Fahrer in den Dienst der guten Sache stellen. Wie Gerhard Kamphausen anmerkte, sucht der Verein ständig Nachwuchs. „Besonders bei der frühmorgendlichen Schicht, die mit der Kindergartenlinie um 6.45 Uhr beginnt, fehlen Helfer. Das weiß er am besten, denn auch er steuerte da gestern Morgen wieder den Mercedes.

Bis dann um 10 Uhr am Glockenweg Wolfgang Böcker übernahm. Der 58-Jährige ist erst seit Oktober 2011 im Fahrerteam und damit noch einer der Jüngsten. „Auch mein Vater wollte immer Bürgerbus fahren, konnte aber leider aus gesundheitlichen Gründen nicht. Ich selbst bin stets gerne Auto gefahren und als ich nicht mehr arbeiten musste und in Rente war, hatte ich dann die Zeit dafür“, berichtet er. Etwa fünfmal im Monat, denkt er einen Moment nach, sitzt er hinter dem Steuer und ihm macht die Tätigkeit sehr viel Spaß.

Das geht Gerhard Kamphausen nicht viel anders, wobei er als Techniker im Außendienst, nachdem er im Alter von 60 Jahren in den Ruhestand trat, erst einmal ganz froh war, weniger auf Achse sein zu müssen. Auf eine Fahrertätigkeit angesprochen, hatte er spontan entgegnet, dass er ein Vierteljahr gar nicht mehr ans Fahren denken wolle. Das hatte Hartmut Gelhausen vom Bürgerbusverein gewollt oder ungewollt anders verstanden und ganz wörtlich genommen: So sprach er ihn nach Verstreichen dieser Zeitspanne an und konnte Kamphausen schließlich überreden, zum Team dazustoßen. Seitdem ist der 66-Jährige auch als Fahrer im Einsatz. In diesem Jahr hat er zudem Werner Becking als Vorsitzenden abgelöst, wobei seine Vorstandsarbeit sogar schon länger währt.

Die Tour gestern Morgen ab 10 Uhr geht vom Rathaus über den Büscherweg zur Berliner Straße, dann weiter zum Nocken und Lidl-Markt sowie zur Windfuhr, zum Schleifkotten und dann wieder zurück. Die Route wird am Tag zweimal gefahren. Mittags gibt es außerdem noch die Rücktour der Kindergartenlinie bis in die Außenbereiche, so dass bei dieser Schicht rund 80 Kilometer zusammenkommen. Hildegard Weininger fährt oft mit, wie die 81-Jährige berichtet. „Zum Einkaufen, die Urenkel in den Kindergarten bringen oder auch mal zum Friedhof“, erzählt sie munter drauf los und stellt dann fest: „Der Bürgerbus ist das Beste, was es in Kierspe gibt.“ Positiv findet sie, dass die Haltestelle praktisch direkt vor ihrer Haustür Am Nocken ist. Damit sie nicht jedesmal extra eine Fahrkarte lösen muss, kauft Hildegard Weininger meist gleich drei oder vier Fahrkarten auf einmal.

Neben dem Jubiläumsfahrgast, der übrigens gestern dafür sorgte, dass alle anderen wegen des besonderen Ereignisses für ihre Treue ebenfalls mit einer Flasche Sekt belohnt wurden, saßen zu dem Zeitpunkt noch vier weitere Bürgerbusnutzer im Fahrgastraum: Darunter die gleichaltrige Notburga Hampel, die Im Hofe wohnt. Sie fährt zwar recht selten mit, aber wenn, dann zeigt auch sie sich froh, dass es diese Einrichtung gibt. Sie nutzt den Bürgerbus, um zum Arzt zu gelangen oder zur Physiotherapiepraxis am Felderhof.

Hanne Sendatzki steigt jede Woche ein, immer donnerstags, wenn sie ihre Einkäufe erledigt, das hat sich inzwischen so eingespielt. Vom Kämpken geht es für die Seniorin dann zum Lidl. Von ihr zuhause bis zur Haltestelle sei es bloß „um die Ecke“. Steht der Lidl-Markt auch offiziell auf dem Fahrplan, steuert der Bürgerbus auf Wunsch doch ebenfalls den Netto- oder den Aldi-Markt an“, macht Vereinsvorsitzender Kamphausen aufmerksam. Für seine Flexibilität und Individualität ist das Angebot bekannt. Das schätzt Erich Sikora, der sich gestern Morgen von der Wiesenstraße zum Arzt an den Haunerbusch bringen ließ. Bei der zweiten Tour fuhr er dann wieder mit nach Hause. „Manchmal muss ich auch zur Stadt, etwas besorgen oder zum Friedhof“, zählt er außerdem auf.

Die Strecken frühmorgens mit der Kindergartenlinie mit 70 Kilometern und nachmittags mit 50 Kilometern sind kürzer. Wochentags verkehrt der Bürgerbus jeden Tag, außer am Montag- und Mittwochnachmittag. Ein Samstagsangebot früher wurde zu wenig nachgefragt und aus dem Grund wieder eingestellt.

Der Bürgerbus hat am Rathaus einen eigene Garage. „Es ist in den 18 Jahren bestimmt bereits das dritte oder vierte Fahrzeug“, schätzt Gerhard Kamphausen. Der Mercedes, der über eine ausfahrbare Stufe als Einstiegshilfe verfügt, wurde vor drei Jahren gekauft. Er hat mittlerweile allerdings auch schon wieder über 100 000 Kilometer auf dem Tacho.

An einer Tätigkeit als Bürgerbusfahrer interessierte Bürger können sich mit dem Vorsitzenden Gerhard Kamphausen unter Telefon 02359/3411 oder 0171/3863988 in Verbindung setzen.

Rolf Haase

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