Keine Wertschätzung durch die Politik, dafür immer mehr Überstunden

Corona und die Folgen: Erzieherinnen fühlen sich vergessen

Abstand halten ist in der Kindertagesstätte Kunterbunt nicht möglich – ebenso wenig wie das Tragen von Masken.
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Abstand halten ist in der Kindertagesstätte Kunterbunt nicht möglich – ebenso wenig wie das Tragen von Masken.

Kierspe – „Wir müssen uns mal Luft machen, nicht nur beim Lüften“, Heike Fischer ist verärgert. Vor allem darüber, dass Kindertageseinrichtungen in der aktuellen Diskussion um Corona-Schutzverordnungen der Landesregierung keine Rolle mehr zu spielen scheinen.

Lange sei darüber gestritten worden, ob und wann die Schulen in diesem Jahr schließen, damit auch die Schüler möglichst früh in eine Art Selbst-Quarantäne gehen könnten, um an den Feiertagen keine Familienmitglieder mit dem neuartigen Corona-Virus zu infizieren. Fischer: „Über die Kindertagesstätten hat da niemand gesprochen. Es war letztlich der Vorstand unseres Trägervereins, der zugestimmt hat, dass auch wir frühzeitig schließen und damit die gleichen Zeiten wie die Schulen haben“, so Fischer, die sich gewünscht hätte, dass es für ihre Kolleginnen und Kollegen eine landesweite Regelung geben würde.

In der Diskussion um den Infektionsschutz fühlen sich die Erzieherinnen und Erzieher von der Politik vergessen. „Wir können keine Masken tragen, da die Kinder sonst keine Mimik erkennen können – und die Kinder brauchen das Lächeln ihres Gegenübers. Und wenn es Streit gibt oder ein Kind stürzt, dann muss es auch getröstet werden. Da kann man keinen Abstand wahren – wir haben Kuschelkontakt“, beschriebt Fischer ihren Alltag und den ihrer Kolleginnen und Kollegen.

Wir können keine Masken tragen, da die Kinder sonst keine Mimik erkennen können – und die Kinder brauchen das Lächeln ihres Gegenübers

Heike Fischer

Doch es sind längst nicht nur der mangelnde Abstand und die nicht vorgeschriebene Weihnachtsschließung, die Fischer verärgert. Sie sehe tagtäglich, wie ihre Kolleginnen an der Belastungsgrenze und darüber hinaus arbeiten würden. „Wenn hier um 16.30 Uhr Schluss ist, dann müssen wir alles desinfizieren. Da fallen jeden Tag Überstunden an.“ Hinzu käme, dass Erzieherinnen mit Erkältungssymptomen zuhause bleiben müssten und würden – früher sei man auch mit einem Schnupfen zur Arbeit gegangen. All das belaste die Stundenkonten derer, die dann die Arbeit übernehmen würden.

Dazu komme, dass durch das ständige Lüften – alle 20 Minuten für fünf Minuten – auch leichteste Erkältungen verschlimmert würden. Um sich einen Überblick zu verschaffen, ob man ausreichend lüfte oder eventuell auch mit weniger lüften auskomme, habe man zwei CO2-Ampeln bestellt. Auf den Kosten von rund 250 Euro werde wohl letztlich der Trägerverein sitzen bleiben.

Nach wie vor versuche man, Infektionsmöglichkeiten zu minimieren. So gebe es immer noch einen Eingang und einen davon getrennten Ausgang. Eltern werde weiterhin der Zugang verwehrt. Doch diese zusätzliche Sicherheit habe auch ihren Preis. So seien es letztlich die Erzieherinnen, die den Kindern Jacken und Schuhe aus- und wieder anziehen müssten – eine Aufgabe, die sonst meist von Eltern übernommen worden sei.

Wir wünschen uns mehr Begleitung und Wertschätzung.

Heike Fischer

Das Land habe zwar Unterstützung gewährt, aber die Sonderzahlung für Reinigungsmittel und Masken sei inzwischen aufgebraucht und die Kostenübernahme für sogenannte Alltagshelfer, die dann beispielsweise Aufgaben in der Küche bei der Essenszubereitung übernehmen können, wohl eher ein theoretisches Angebot. „Seit klar ist, dass auch Kinder das Virus weitergeben und immer wieder Tageseinrichtungen aufgrund des Infektionsgeschehens geschlossen würden, findet sich niemand, der in einer Tagesstätte arbeiten möchte“, so Fischer.

Doch trotz allem sieht Fischer in einer Schließung der Kindertageseinrichtungen auch keine Lösung. „Viele Eltern müssen ja jetzt schon einen Spagat machen, um Kinderbetreuung und Beruf unter einen Hut zu bringen.“

Neben den Erzieherinnen und Erziehern würden vor allem die Kinder unter der Situation leiden: „Da fällt so vieles aus. Es wird kein gemeinsames Plätzchenbacken geben, die Außerhaustermine bei der Feuerwehr oder beim Förster wurden gestrichen und an gemeinsame Übernachtungen für die Vorschulkinder ist überhaupt nicht zu denken.“

Eine Lösung für all die Probleme sieht auch Fischer nicht, aber sie formuliert einen klaren Wunsch an die verantwortlichen Politiker des Landes: „Wir wünschen uns mehr Begleitung und Wertschätzung. Es nützt uns nichts, wenn die Beratungshotline, an die wir uns auch bei psychischen Problemen wenden können, dauerhaft besetzt ist.“

Zahlen und Daten

Im Kindergartenjahr 2018/2019 wurde ein Rekord aufgestellt. Damals gab es erstmals mehr als 10 000 Kindertageseinrichtungen in Nordrhein-Westfalen. Betreut wurden dort nach Angaben des Landes mehr als 623 000 Kinder, zählt man die Tagespflegeeinrichtungen dazu, standen 2018/2019 mehr als 684 000 Plätze zur Verfügung. Im Märkischen Kreis existieren 304 Kindertageseinrichtungen, in Kierspe sind es zehn. In der Kindertagesstätte Kunterbunt werden derzeit 47 Kinder in zwei Gruppen von acht Mitarbeiterinnen, einem Praktikanten und einer Hauswirtschaftskraft betreut.

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