Kölner Straße im Kierspe der 60er-Jahre: Ein Paradies für Käufer

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Seit Jahrzehnten aus Kierspe nicht wegzudenken: Blumen Varnhorn.

Kierspe - Die Kölner Straße im Jahr 2018: ein überwiegend trauriges Kapitel! Leerstände prägen das Bild – und Spielhallen oder Kaffeestuben. Nur noch wenige Einzelhändler behaupten sich gegen den Abwärtssog.

Eingekauft wird dort zwar immer noch, aber hauptsächlich im Bereich der Wildenkuhlen-Kreuzung, wo ein beachtliches Nahversorgungszentrum entstanden ist. Vor rund 50 Jahren war das noch ganz anders. Seinerzeit gab es dort noch – sage und schreibe! – mehr als 50 Geschäfte.

Christel Finke und Johanna Hunsmann sind zwei Kiersperinnen, die die Kölner Straße noch zu deren Glanzzeiten in den 1960er-Jahren erlebt haben. Begleiten Sie die Damen bei ihrer Zeitreise und erleben Sie, welch Vielfalt dort damals zu finden war. Machen wir gemeinsam mit ihnen einen Spaziergang und beginnen – bergauf gesehen – auf der linken Seite der Straße.

Startpunkt Hotel Tannenbaum

Dort befinden wir uns zunächst im Hotel Tannenbaum, postalisch allerdings Volmestraße 159. Die von den Gästen sogenannte „Fichte“ führten Christel und Horst Finke von 1961 bis 1966 – samt Aral-Zapfsäule. An den „Tannenbaum“ schließt sich die Kohlenhandlung von Wilhelm Vollmer mit ihrem großen von der Straße abgewandten Hof an. Dort ist auch Wilhelm Vollmers Unimog geparkt, wenn der Chef die Kohlen nicht gerade höchstpersönlich ausfährt. Im Privathaus der Familie Vollmer ist zudem noch der kleine Lebensmittelladen Maiwurm untergebracht.

Weiter geht es mit der Bäuerlichen Genossenschaft und der Molkerei. Pferdefuhrwerke mit anzuliefernden Milchkannen sind dort in den 1960ern allerdings schon nicht mehr anzutreffen. Ein kleiner Weg führt nach links zum Hammerteich. Dort ist Goldschmied Dobmeier beheimatet.

Auf der Kölner Straße passieren wir die Eisenbahnunterführung und überqueren den Abzweig zur Wehestraße. Hier sind zunächst das Lebensmittelgeschäft Kalweit und das bei Kindern äußerst beliebte Süßwarengeschäft Hüttebräucker zu finden. Schuhmacher Wolfram, der Vater des später stadtbekannten Postboten Herbert Wolfram, schließt sich an.

Dann begegnet uns noch einmal der Name Vollmer – mit einem Schmuck- und Uhrenladen.

Ein Treffpunkt für Jung und Alt ist das von dem Kiersper Original Otto Haase geführte Hotel Cramer, Vereinslokal der Fußballer des FC Kierspe 04. Zum Hotel gehört das Kiersper Kino. Im Scala-Theater fiebert so mancher Heranwachsende mit Winnetou und Old Shatterhand mit. Dort gibt es auch jährlich kostenlose Spielfilmvorführungen der Sparkasse anlässlich des Weltspartags.

Eine Filiale der Metzgerei Geier und die Buchdruckerei Vollmann folgen, in der es auch Schulbedarf und Schreibwaren gibt. Auf das Tabakwarengeschäft Potthoff und Stoffreste und Handarbeiten Witt folgen die Filiale der Deutschen Bank und Friseur Rogge. Nun sehen wir die Auslagen des Brotgeschäfts Lynker und der Sattlerei und Polsterei Kumpmann. Wir legen eine kleine Pause bei einer Tasse Kaffee in der Bäckerei und Konditorei Maiworm ein. Dort kann man übrigens auch günstig zu Mittag essen. Wer nur einen Kringel Fleischwurst möchte, der wird gleich nebenan bei Metzger Quabeck fündig – oder schaut sich für andere Leckereien in Otto Menns Lebensmittelladen um. Auch Schneider Saal und die Reinigung und Heißmangel Schröder haben ihr Domizil in diesem Abschnitt der Kölner Straße.

Der Optiker und die Forellen

Nun geht es eine kleine Treppe ins Haushaltswaren- und Installateurgeschäft Buchholz hinab, bevor die nächste Metzgerei, nämlich Rachel, auf uns wartet. Es folgen die Schneiderei Hugo Saal und das Schmuck- und Optikergeschäft von Hannelore und Heinz Schepelmann. Bei Heinz Schepelmann gibt es auf Vorbestellung übrigens auch Forellen aus seinen eigenen Teichen in der Nähe der Schnörrenbach – mit der unnachahmlichen hausgemachten Remouladensoße.

Weiter bergauf passieren wir den Handarbeits- und Strickwarenladen von Hanna Klein, in dem die Kiersperin von Welt gern fündig wird. Nach der Bäckerei Schröder ist die nächste Rast angesagt, und zwar im Hotel Bastian, dem Sängertreff Nummer 1 am „Bahnhof“.

Kierspes erster Supermarkt, eine Filiale der „Michael Brücken“-Kette, schließt sich an, bevor wir die Firma Kuhbier Chemie passieren und das Postgebäude links liegen lassen. Denn jetzt wartet ein leckerer Becher „Schoko-Mokka-Nuss“ im Eiscafé von Giangiacomo Pitton auf uns – der von seinen deutschen Freunden allerdings der Einfachheit halber schlicht „Jochen“ genannt wird.

War die Portion Sahne auf dem Eisbecher allzu üppig, suchen wir Abhilfe in der Post-Apotheke gleich nebenan.

Wir freuen uns nun, das Blumengeschäft Varnhorn zu betreten – nicht zuletzt, weil es auch im Jahr 2018 tatsächlich noch existiert und damit quasi so exotisch ist wie manche seiner angebotenen Pflanzen. Es folgen das große Bekleidungsgeschäft Wiebusch und Radio Heins, wo Kierspes Jugend schon sehnsüchtig auf die neuesten Schallplatten der Beatles wartet.

Geburtsklinik und Tankstelle

Nachdem wir auch den Laden von Schneider Potthoff hinter uns gelassen haben, wird es ruhiger. Wir können den Tulpenweg hinabgehen, wo die Schützen vom Bahnhof ihre Feste feiern. Oder wir fahren mit dem Auto den Heideweg hinab. Dort versteckt sich die Tankstelle von Potthoff & Prüschenk.

Auf der Kölner Straße wartet jetzt nur noch die Gaststätte Bayern-Stube auf uns und die Wernscheid’sche Geburtsklinik, bevor wir an der Wildenkuhlen-Kreuzung das Autohaus Knabe samt BP-Tankstelle erreichen.

Wir überqueren die Straße und machen uns auf den Weg zurück. Hier finden wir zunächst die Firma Helmut Lemmer mit zwei großen Geschäften. Während in dem einen Laden „Weißware“ angeboten wird – also Waschmaschinen, Kühlschränke etc. – gibt es in dem anderen Radio- und Fernsehgeräte sowie Elektroartikel. Nun haben wir wieder ein längeres Stück zu überwinden, bevor wir in der 1. Etage des markanten Baus von Foto Hellmund Portraits anfertigen lassen oder uns im Erdgeschoss mit Fotoapparaten und Zubehör aller Art eindecken können.

Wir spazieren am Haus der Christlichen Gemeinde Kierspe vorbei. Neben der Firma Kuhbier ist das Backsteingebäude der Firma Hefendehl mit ihrer Marke „helit“ die zweite der drei großen Fabriken, die an der Kölner Straße beheimatet sind und an der unser Weg nun vorbeiführt. Jetzt wird’s wieder lebendiger. Zum stadtbekannten Herrenfriseur Harald Schreiber geht es ein paar Stufen hinab, zum mindestens ebenso bekannten Friseur Recknagel eine kleine Treppe aufwärts. Mit frischer Dauerwelle trauen wir uns nun ins Sparkassengebäude, wo wir ein bisschen Geld für den weiteren Einkaufsbummel am Schalter abheben. Von Geldautomaten träumt Ende der 1960er-Jahre noch niemand.

Größere Geldscheine lassen sich gleich anschließend bei Möbel Jasperneite sinnvoll anlegen. Die etwas kleineren Scheine wechseln den Besitzer im Schuhhaus Neumann. Anschließend folgt das Paradies für Kinder: der Spielzeug- und Fahrradladen von Werner und Lotte Diebel.

Im ersten Aldi riecht’s nicht gut

Während die Kinder noch die Schaufensterauslagen bei Diebel bestaunen, treffen wir in der Gaststätte Zur Kurve seit 1966 die ehemaligen Pächter des Hotels Tannenbaum an. Und hier gibt es auch die weit über Kierspes Stadtgrenzen bekannten „Finken-Hähnchen“. Es folgen der alteingesessene Tabakwarenladen Sure und Friseur Kobbe – und etwas ganz Neues: Kierspes erster Discounter. Ein kleiner Aldi-Laden erfüllt alle Klischees, die es zu dieser Zeit noch über Aldi gibt. Es ist eng dort, riecht nicht besonders gut, und die Kunden müssen die Ware direkt aus den Kartons herausnehmen.

Nun haben wir die Chance, unser Zuhause neu auszustatten. Auf Gardinen Müller folgt direkt das große Haushaltswarengeschäft von Helmut Clever. Willi Clever betreibt im direkten Anschluss eine zurückgesetzt liegende Schmiede und ein Werkzeuggeschäft.

Wir passieren die ebenfalls zurückgesetzt liegende Christuskirche und Damenmode Heuwinkel und nähern uns damit allmählich dem Ende unseres Spaziergangs.

Im Geschenkartikelgeschäft Wittmann gibt es hochwertiges Glas und Porzellan, aber auch Gemälde. Es folgen die Drogerie Vedder und die Baustoff- und Heimwerkerbedarfshandlung Schriever, deren Gebäude eine öffentliche Fahrzeugwaage vorgelagert ist. Links könnten wir nun zum Bahnhof abbiegen, unterqueren aber stattdessen erneut die Bahn-Überführung.

Und dort endet unser Spaziergang an der noch fehlenden dritten Fabrik, dem Gebäudekomplex von Bender & Wirth.

Alle Angaben beruhen auf den Erinnerungen von Christel Finke und Johanna Hunsmann und weiterer befragter Kiersper. Die Angaben erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, waren teils nach so langer Zeit auch widersprüchlich. Sollten einzelne Namen falsch geschrieben sein, so bitten wir um Entschuldigung. Nicht in jedem Fall war aus dem Gedächtnis noch die genaue Reihenfolge der genannten Geschäfte zu rekonstruieren. Sollten Sie ergänzende oder korrigierende Angaben machen können, so schreiben Sie bitte an finke@mzv.net

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