Kommunalwahl 2020

Bürgermeisterwahl in Kierspe: Interview mit Jörg Hentschel (FWG)

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Jörg Hentschel stellt sich, nachdem er Mitte der Woche bereits vorgestellt wurde, den Fragen der Meinerzhagener Zeitung.

Kierspe - Bei der Kommunalwahl am 13. September treten drei Kandidaten für das Amt des Bürgermeisters an. Unter anderem Jörg Hentschel, der für die Freie Wählergemeinschaft ins Rennen geht. Im Gespräch mit MZ-Redakteur Johannes Becker nahm er Stellung zu Fragen, die sich auf Probleme der Stadt und das Vorhaben seiner Amtsführung beziehen.

Welche Aufgaben in der Stadt Kierspe stehen auf Ihrer „to-do-Liste“ ganz oben?

Zu Beginn meiner Amtszeit möchte ich meine Verwaltungserfahrung von der Kriminalpolizei, mit der Verwaltung im Kiersper Rathaus auf Ballhöhe bringen. Dazu nehme ich mir die Zeit und werde reihum die Abteilungen aufsuchen und mir deren Aufgaben ansehen und aneignen. Mit mir wird es eine Umstrukturierung der Verwaltung geben, bei der auch eine andere Aufgabenverteilung geplant ist. Gleichzeitig werden meine Ziele für die Stadt Kierspe angegangen und, so weit möglich, umgesetzt.

Die Corona-Pandemie hat dafür gesorgt, dass auch die Stadt erhebliche Einnahme-Ausfälle verzeichnen muss. Welche Möglichkeiten sehen Sie, diesen finanziellen Einbruch auszugleichen?

Wir sind leider noch nicht am Ende der Pandemie-Zeit angekommen. Das heißt, wir können heute noch gar nicht sagen, wie sehr diese Zeit unseren städtischen Haushalt belasten wird. Da wir das nicht alleine stemmen können, sind wir auf die Hilfe des Landes und des Bundes angewiesen. Hier müssen intensive Gespräche mit Land und Bund geführt werden. Große Einsparungen sind im Kiersper Haushalt nicht mehr möglich und eine Anhebung der Grundsteuern möchte ich den Kiersperinnen und Kierspern nicht zumuten. Denn auch die haben ihr Päckchen aus der Krise zu tragen.

Der Stadt fehlen bald Flächen, auf denen sich Gewerbebetriebe ansiedeln können. Wo sehen Sie noch Flächen, die als Gewerbegebiet ausgewiesen werden können?

Da haben wir in Kierspe wirklich ein Problem. Dennoch sehe ich im Interkommunalen Gewerbegebiet Grünewald noch Flächen. Die Vermarktung und Erschließung der Flächen geschieht durch eine Entwicklungsgesellschaft, der auch die Stadt Kierspe angehört. Für weitere Flächen, müssen Gespräche mit den Eigentümern von Erweiterungsflächen geführt werden, sodass man diese wieder erwirbt und anschließend entsprechend vermarktet.

Ähnlich sieht es mit Wohngebieten aus – muss es die Bauabschnitte Östlich Rathaus 3 und 4 geben? Wenn ja, muss eine zweite Anbindung hergestellt werden?

Die Bauabschnitte Teil 1 und 2 des Baugebietes Östlich Rathaus wurden gut angenommen. Wir haben nur das Problem, dass wir nach dem Regionalplan der Bezirksregierung zu viel Wohnbaufläche ausgewiesen haben. Neue Flächen dürfen daher nicht entstehen. Ich möchte eine Bestandsaufnahme von Baulücken durchführen und ermitteln, wie viel Leerstände es in Kierspe gibt, um diese dann vorrangig zu vermarkten. Denn die Innenstadt darf durch Neubaugebiete am Randbereich von Kierspe nicht aussterben, weil wir kaum Zuzug von Familien aus anderen Städten haben und die Kiersper sich nur innerörtlich verändern. Auf ihre zweite Frage möchte ich auch antworten, da ich Anwohner der Straße Haunerbusch bin, die als Zuwegung für das Gebiet Östlich Rathaus sehr starkem Fahrzeugverkehr ausgesetzt ist. Die Straße ist jetzt schon überlastet. Das heißt, für die beiden Bauabschnitte im Baugebiet Östlich Rathaus müsste jetzt schon eine zweite Anbindung geschaffen werden.

Welchen Stellenwert hat bei Ihnen die Sanierung der Kiersper Straßen und sollten dafür mehr finanzielle Mittel im Haushalt zur Verfügung gestellt werden?

Die Sanierung der Kiersper Straßen hat bei mir einen hohen Stellenwert. Es geht bei mir darum, wie gut, komfortabel und sicher fahre ich durch meine Stadt. Für Touristen und Durchreisende soll die Stadt einen guten Eindruck hinterlassen. Daher brauchen wir ordentliche Straßen. Auch für den zunehmenden Fahrradverkehr müssen die Straßen so sein, dass man sie mit diesen Fahrzeugen ohne Gefahren befahren kann. Bezüglich einer Aufstockung der finanziellen Mittel im Haushalt sage ich erst Mal ja. Aber nur, wenn das Land die Mittel nicht übernimmt. Die FWG, aber auch ich persönlich, möchten die Bürgerinnen und Bürger durch hohe Straßenausbaubeiträge nicht zusätzlich belasten. Ich bin gegen die Beteiligung der Bürger an den Straßenausbaubeiträgen. Dies ist eine Aufgabe der Kommune, eigentlich aber des Landes. Deshalb setze ich mich für eine Abschaffung der Straßenausbaubeiträge ein.

Wollen Sie Einfluss nehmen, damit die Neugestaltung der Kreuzung der Bundesstraßen 54 und 237 (als Kreisverkehr?) und eine Verbreiterung der Durchfahrt durch den Eisenbahnviadukt schneller erfolgt?

Ja, das will ich. Ich sehe diesen Bereich wie ein „Tor zu Kierspe“. Bei dieser Maßnahme wird der Verkehr deutlich besser fließen, der Bereich wird moderner und freundlicher aussehen und der enge Durchgang für Fußgänger durch das Viadukt würde verschwinden. Davon würden viele profitieren. Deshalb soll die Maßnahme schneller erfolgen.

Welchen Stellenwert genießt bei Ihnen die Errichtung des Volmetalradwegs auf Kiersper Stadtgebiet?

Sie fragen mich immer nach dem Stellenwert. Legen sie jetzt die Reihenfolge fest, so wie ich mich zum Stellenwert der Themen äußere? (grinst) Der Volmeradweg ist ein zusätzliches Highlight für unsere Stadt, aber auch für den damit verbundenen und zunehmenden Tourismus. Mit diesem Radweg schaffen wir eine gefahrlose Beteiligung des schnell wachsenden Fahrradverkehrs am Straßenverkehr. Deshalb bin ich absolut dafür, dass Radfahrer endlich gefahrlos das Volmetal durchqueren können. Auch ich würde mich dann auf meinen unmotorisierten Drahtesel setzen und nach Meinerzhagen oder Lüdenscheid radeln.

Wie wollen Sie die Versorgung mit Hausärzten in Kierspe verbessern? Ist dafür ein Medizinisches Versorgungszentrum erforderlich?

Wir haben seit Jahren Probleme, ausgebildeten Allgemeinmedizinern eine eigene Praxis in Kierspe schmackhaft zu machen. Im Juli dieses Jahres hat eine Ärztin eine bestehende Praxis übernommen und eine weitere Ärztin hat eine Praxis neu eröffnet. Dafür bin ich den beiden Ärztinnen sehr dankbar. Sie haben verhindert, dass wir in Kierspe in eine totale Unterversorgung mit Ärzten gekommen sind. Aber uns fehlen immer noch bis zu vier Ärztinnen oder Ärzte, um die Kiersper Bevölkerung ausreichend zu versorgen und die andere Mediziner zu entlasten. Wenn man auf dem üblichen Weg keine Ärztinnen oder Ärzte nach Kierspe bekommt, dann muss man einen anderen Weg einschlagen. Da sehe ich als Alternative tatsächlich nur ein Medizinisches Versorgungszentrum, in dem sich unter anderem Ärztinnen und Ärzte anstellen lassen und in Teilzeit arbeiten können. Die Betreibung solch eines Versorgungszentrums kann auch die Stadt übernehmen.

Steht bei Ihnen auf Ihrer Agenda, dass in Kierspe noch mehr in Sachen erneuerbare Energien, insbesondere auch Windkraftanlagen, getan wird?

Ihre Frage geht in Richtung Klimaschutz. Dazu will ich ihnen sagen – ja, ich bin für den Klimaschutz. Auch wenn ich damals gegen den Klimanotstand im Rat gestimmt habe, hebt sich dadurch mein Interesse am Klimaschutz nicht auf. Damals hatten wir nur den Begriff Klimanotstand als leeres Paket. Dem konnte ich nicht zustimmen. Klimaschutz ist wichtig. Die Maßnahmen für den Klimaschutz sollten effizient sein. Nur dann kann man die Maßnahmen auch begründen. Hier müssten alle an einem Strang ziehen. Fehlt die Effizienz, dürfen die Bürgerinnen und Bürger durch die Maßnahmen nicht zu sehr eingeschränkt werden. Windkraftanlagen sind ein schwieriges Thema. Aus dem Bauch heraus wäre ich dagegen.

Wie kann in Kierspe der ÖPNV verbessert werden, besonders die Anbindung nach Rönsahl und im Volmetal, wo es keine Bahnhaltepunkt gibt und weniger Busse fahren?

In dem wir eigene Verkehrsbetriebe gründen. Das war jetzt ein Scherz. Wir haben als Kommune keinen direkten Einfluss auf die Anzahl, die Strecken und die Haltepunkte der Busse oder Bahnen. Wie können gegenüber der Deutschen Bundesbahn oder der Märkischen Verkehrsbetriebe Wünsche und Notwendigkeiten äußern, ob die gehört und umgesetzt werden, ist fraglich. Mein Ziel ist es, sich für bessere Verbindungen im Volmetal und nach Rönsahl einzusetzen, damit für die Bevölkerung eine bessere Mobilität vorhanden ist. So, wie es jetzt läuft, bringt das den beiden Unternehmen keinen Vorteil. Deshalb muss man Gespräche und Verhandlungen führen, sodass man am Ende eine Win-win-Situation hat.

Auf welche Art und Weise werden Sie eine mehr als 100-köpfige Verwaltung führen?

So wie mir bekannt ist, haben wir leider keine 100-köpfige Verwaltung mehr. Ich bin mir im Klaren, dass eine derartige Aufgabe als Bürgermeister nichts mit dem Vorsitz in einem Verein zu tun hat. Ich lebe nach dem Motto „so wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus“. Damit bin ich auf allen Seiten im Leben, vor allem auch in meinem Beruf, sehr gut gefahren. Eine Stärke von mir ist es, Menschen zu loben, sie aufzubauen und sich auch mal zu entschuldigen, egal, welche Position man innehat. Mir sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sehr wichtig, denn auf sie bin ich angewiesen. Ein gutes Arbeitsklima und ein optisch aufgefrischtes Rathaus führen auch zu einem besseren Wohlbefinden. Deshalb möchte ich für ein gutes Miteinander sorgen. Dabei werde ich niemanden fallen lassen. Da stehen die Arbeiter, die Angestellten und die Beamten bei mir auf einer Stufe. Denn diese verschiedenen Arten der Anstellung habe ich in meinem Leben schon alle durchgemacht. Meine Tür wird immer offenstehen. Denn ein Chef muss nicht nur als Vorgesetzter, sondern auch als Ansprechpartner dienen. Und übrigens – für Probleme, gibt es auch immer eine Lösung.

Anmerkung der Redaktion: Laut Auskunft der Stadtverwaltung sind bei der Verwaltung 102 Mitarbeiter und zwei Auszubildende beschäftigt (Stand 1. Juli 2020).

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