Bürger fanden in Wehrkirche mit Hab und Gut Zuflucht

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Alte Kirchwege dienten früher der Verbindung zwischen Dorf und den umliegenden Höfen und Bauernschaften. - Fotos: Crummenerl

Kierspe - Orts- und Kirchengeschichte, so geht es aus alten Unterlagen hervor, sind in Rönsahl untrennbar miteinander verbunden. Die Servatiuskirche steht nicht nur rein topografisch gesehen in der Dorfmitte. Sie war und ist der Mittelpunkt des Dorfes. Um die alte Servatiuskirche ranken sich viele Geschichten und Histörchen.

Von Rainer Crummenerl

Diese haben sich im Volksmund erhalten, werden bei passender Gelegenheit hin und wieder von den älteren Mitbürgern an die Nachfolge-Generation weitergegeben und belegen eindeutig, dass den Rönsahlern ihre Kirche von jeher viel wert war. Und das nicht nur als Ort für „geistliche Erbauung“ sondern auch als eine Stätte, die in Kriegs- und Notzeiten (und davon hat das Grenzdorf im Laufe der Jahrhunderte eine ganze Reihe erlebt) Zuflucht und Schutz bot. Wenn kriegerische Horden über die alte Landstraße zogen, die erst nach 1815, als das Rheinland unter preußische Herrschaft kam, mitten durch das Dorf verlief und ihre heutige Lage bekam, dann retteten sich die Rönsahler Bürger mit ihrem Hab und Gut in die Kirche.

Die Servatiuskirche war nämlich in alter Zeit als sogenannte Wehrkirche ausgestattet. Das bedeutet, dass die Dorfbewohner in den dicken Mauern der Kirche Schutz suchten und fanden. Noch heute zeugen in die Wand des Kirchturms eingelassene rechteckige Löcher davon, dass sich die Dorfbewohner zu verteidigen wussten und ihre Wehrkirche in kriegerischen Zeiten in eine entsprechende Bastion umwandelten. Die zu erkennenden Löcher in der Kirchturmwand dienten als Schießscharte, hinter denen wehrhafte Männer und Frauen Stellung bezogen und sich und ihre Angehörigen mit Gewehren gegen durchziehendes Gesindel verteidigten.

1530 Reformation in Rönsahl

Die Kirchentür konnte von innen (Turm) mit schweren Balken gesichert werden, so dass die Bastion so schnell nicht eingenommen werden konnte. Wie alt das Dorf und seine Kirche wirklich sind, darüber gibt es keine verlässlichen Unterlagen. Jedenfalls ist erwiesen, dass das Dorf Rönsahl bereits um 1399 urkundlich erwähnt wurde und in den Aufzeichnungen über Gemeinwesen in der Grafschaft Mark schon immer eine nicht unbedeutende Rolle gespielt hat.

Es würde an dieser Stelle zu weit führen, hier näher ins Detail zu gehen. Jedenfalls wächst Rönsahl, an der Kreuzung zweier wichtiger Handelsstraßen gelegen, im Mittelalter zu einem Ort mit eigener Gerichtsbarkeit und Kirche heran, in der Servatius, der frühchristliche Bischof zu Tondern (Flandern) als Schutzpatron verehrt wird. St. Servatius hat vielen Dingen im Dorf seinen Namen gegeben, und das ist bis auf den heutigen Tag so geblieben. Im Jahre 1560 führte der damalige Pfarrer Severtz mit dem Augsburgischen Bekenntnis von 1530 die Reformation in Rönsahl ein. Nach und nach nahm die Gemeinde das Bibel- und Glaubensverständnis Martin Luthers an und damit auch die neue protestantische Lehre.

„Schon immer und immer noch“, so erwähnt Rönsahls ehemaliger und langjähriger Pfarrer Martin Ahlhaus in einer kleinen Dokumentation zur Kirchengeschichte einmal, „ist Rönsahl ein Grenzdorf, verlief doch früher hier die Grenze zwischen dem Herzogtum Berg und der Grafschaft Mark, so markiert es heute noch den Bindestrich zwischen Rheinland und Westfalen“.

Pfarrer hält wichtige Ereignisse fest

Der Gemeindepfarrer, der in früheren Jahren nicht nur für die Kirchenbücher verantwortlich war, sondern praktisch auch für das Führen der Chroniken, so weit sie das dörfliche Leben bestimmten, empfand es 1762 als wichtigstes Ereignis, dass der Winter mit all seiner Härte Einzug gehalten hatte. In dem damaligen Kirchenbuch findet sich die Eintragung: „1752, den 14. Februar. Dom. Sexag. Da in der vorigen Woche ein so tiefer Schnee gefallen, dergleichen die ältesten Leute noch nie gesehen. So dass alle Weege imprakticabel, alle Passage und Fuhrwerk gehemmet, und es Mühe kostet, dass ein Nachbar zum anderen kommt, und in der Kirche kaum der 8. Theil von Zuhörern erscheinen können.“

In jener Zeit war das Dorf in drei Bauernschaften eingeteilt, nämlich die Dorfbauernschaft, die Löher und die Bürhauser Bauernschaft.

Der sonntägliche Kirchgang war besonders im Winter problematisch. Damals gab es noch keine breiten und asphaltierten Kreisstraßen und Wirtschaftswege, sondern vielfach nutzten die Bewohner der Höfe sogenannte Kirchwege, die oftmals nur fußläufig zu begehen waren. Bestenfalls war Platz für ein Pferdefuhrwerk, um ins Dorf oder zur Kirche zu gelangen oder aber auch Besorgungen zu machen.

Kirchwege fest im Bewusstsein verankert

Alte Kirchwege waren in jener Zeit und auch noch lange danach fest im Bewusstsein der Bevölkerung verankert. Sie wurden gepflegt und waren natürlich auch für jede Zweckentfremdung (Bebauung) tabu. Die alten Kirchwege verbanden nicht nur Häuser und Gehöfte miteinander, sonder waren auch für das Gemeinwesen insgesamt unverzichtbar.

Die fortschreitende Technisierung, nicht zuletzt die Verdrängung der Pferdefuhrwerke durch das Auto und die Tatsache, dass im Laufe der Jahrzehnte kaum noch jemand von den Höfen „per pedes“ ins Dorf gelangte, brachten es mit sich, dass die alten Kirchwege und das Bewusstsein für deren einstmalige Bedeutung nahezu vollständig untergegangen sind.

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