Bücher übers Pilgern infizieren mit Wandervirus

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Fällt ins Auge: Der bereits 25 Jahre alte knallrote Ford Transit mit dem kontrastreichen Schriftzug „ Der Wanderer“. Vor rund einem Jahr erworben, leistet er seinem Besitzer treue Dienste. ▪

RÖNSAHL ▪ „Eigentlich habe ich ja Schlosser gelernt – aber dann doch nie in diesem Beruf gearbeitet. Allerdings war ich nach Beendigung der Lehrzeit 25 Jahre lang in der Industrie tätig und habe während dieser Zeit auch dem Betriebsrat der Firma, in der ich meinen Unterhalt verdient habe, angehört. Im Nachhinein betrachtet war das eine lange Zeit, eine viel zu lange Zeit.“

Und das wäre wohl auch so weiter gegangen, wenn es Peter Schoof nicht eines Tages wie Schuppen von den Augen gefallen wäre: „Du hast eine lange Strecke in deinem Leben absolut das Falsche gemacht, einen Job erledigt, der dir nie wirklich Freude bereitet hat, geschweige denn mit dem in Einklang zu bringen wäre, was man sich unter einer Tätigkeit vorstellt, die dich wirklich ausfüllt. Bei der du dich abends nach der Arbeit schon auf den nächsten Morgen und die Anforderungen, die ein neuer Tag an dich stellt, freust.“ Und eben genau diese Tätigkeit hat Schoof im Oktober vergangenen Jahres gefunden. Ein vielsagendes Lächeln spielt um seine Mundwinkel. Mit einer zum Pferdeschwanz gebundenen Haarpracht und einem Augenpaar, das einen Blick in die Seele offenbart, ist er seit dem vergangenen Oktober als Hausmeister in den Märkischen Werkstätten in Rönsahl beschäftigt.

Vielfältig und vielschichtig ist sein Aufgabenbereich in dieser Einrichtung für Menschen mit Behinderungen in Trägerschaft des evangelischen Johanneswerks Bielefeld. Immer wenn an Haus und Einrichtung nichts neu zu installieren und zu reparieren ist, kümmert er sich darum, dass der Arbeitsablauf in „seiner“ Abteilung reibungslos klappt. Schoof beaufsichtigt diejenige Abteilung der Werkstätten, in der vornehmlich leichtere Montagearbeiten erledigt werden. Da ist für ausreichenden Materialvorrat zu sorgen und dafür, dass die Menschen mit Behinderungen, die hier tätig sind, den gewohnten Arbeitsrhythmus vorfinden. Hier mal ein lobendes Wort, da die eine oder andere Hilfestellung, das sind auf den ersten Blick Kleinigkeiten, die zum unverzichtbaren Aufgabenbereich des „Allrounders“, der Peter Schoof nun einmal ist, gehören, und die er gerne und mit sichtlicher Freude an seiner Arbeit verrichtet.

An jedem Morgen legt er mit seinem knallroten Ford Transit die Strecke von seinem Wohnort Meinerzhagen zur Arbeitsstelle in Rönsahl zurück. Und das Fahrzeug – bereits fünfundzwanzig Jahre alt und mit dem vielsagenden Schriftzug „Der Wanderer“ versehen – fällt sofort ins Auge. Das etwa vor Jahresfrist von einem Freund erworbene und durch und durch zuverlässige Gefährt ist gleichzeitig eine Art Visitenkarte seines neuen Besitzers. „Nomen est omen“, schmunzelt der. „Ich wohne ganz nah bei Schloss Badinghagen und nur wenige Schritte entfernt von dem bekannten Höhenflug-Wanderweg. Aber so richtig mit dem Wanderbazillus bin ich eigentlich erst beim Bücherlesen infiziert worden, genauer gesagt beim Lesen der Bücher von Paolo Cuello. Dessen Schilderung von einer Wanderung auf dem Jakobsweg war für mich ein Stück weit Wegweisung für mein Leben. Seitdem lässt mich der Gedanke daran, es den Pilgern, die auf dem Jakobsweg unterwegs sind gleichzutun, nicht mehr los. Schade finde ich dabei nur, dass vieles in dieser Hinsicht einfach zu sehr mit Kommerz befrachtet ist, und eben das möchte ich für mich nicht.“ Seit genau fünf Jahren sei er in seiner Freizeit viel unterwegs, genieße die Faszination mittelalterlicher Märkte ebenso wie die innere Lebensfreude, wenn er seine selbst gebastelten kunsthandwerklichen Gegenstände wie Kreuze, Trommeln oder Skulpturen verschenken und damit anderen Menschen eine Freude machen kann.

„Der Wanderer“ Peter Schoof hat genaue Vorstellungen darüber, wie sein weiteres Leben verlaufen soll. Und darin hat die sinnvolle Gestaltung von Freizeit eine Menge Platz. „Ich möchte, so oft es geht, als einfacher Pilger unterwegs sein, möchte mit Menschen über Gott und die Welt reden, denn dabei kommen meistens sehr nette Gespräche zustande und es bleibt eine Menge hängen.“ Kaum hat er das gesagt, hat er auch gleich das nächste Ziel auf seiner Wanderschaft im Auge: „Bald sind nämlich Betriebsferien in den Werkstätten, und dann möchte ich ein gutes Stück als Pilger auf dem deutschen Jakobsweg unter die Schuhe nehmen. Dabei ist mir das Buch heimischer Autoren, die über das Pilgern auf der Heidenstraße berichten, Wegweiser und Ansporn zugleich.“ In Attendorn soll‘s los gehen, und wenn alles klappt, erreicht er sein Wanderziel, die alte Kaiserstadt Aachen. ▪ cr

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