Bücher statt Brot: Dr. Deisting setzt Prioritäten

Dr. Med. Friedrich Deisting kam 7. Dezember 1855 zur Welt und verstarb nach schweren Leiden am 25. November 1923.

KIERSPE ▪ Weniger Essen – mehr Bücher. Der junge Friedrich Deisting setzte schon früh Prioritäten. Als eines von elf Kindern hatte er’s sicher nicht leicht. Doch er war fleißig. So fleißig, dass er nicht nur Prioritäten, sondern später auch Maßstäbe setzte.

Der Sanitätsrat Dr. med. Friedrich Deisting kam am 7. Dezember 1855 in Mölln, im damaligen Herzogtum Lauenburg, zur Welt. Bereits mit 18 Jahren machte der strebsame Schüler in Ratzenburg sein Abitur.

Er wäre gerne Naturforscher geworden, doch wegen des fehlenden Geldes, machte er zunächst eine Ausbildung bei der Post. Wie Deisting dann doch noch zum Studium kam, weiß Heimatforscher Ulrich Finke: „Einem berühmten Schulmann, Geheimrat Wiese, fielen die guten Leistungen des Jungen auf und er wollte ihm helfen.“ Und so ebneten ihm einflussreiche Menschen den Weg ins Studium und damit in eine bessere Zukunft.

Deisting erhielt einen Freiplatz an der Pepimiere in Berlin, die die Ausbildung der Militärärzte leitete. Außerdem spendierte ihm die Lauenburger Ritter- und Landschaft ein Stipendium. „Durch eine Verkettung verschiedener Umstände verweigerte man ihm die Qualifikation zum Offizier““, erzählt Finke. Doch er erzählte es nicht seinen wohlgesonnen Lehrern und diente parallel zum Studium. Deisting kämpfte sich durch diese harte Zeit und bestand dennoch sein Staats- und Doktorexamen.

Als jungen und mittellosen Arzt zog’s ihn und kurz darauf auch seine Frau Anna schließlich von Berlin nach Kierspe. Finanziell ging’s dann keineswegs bergauf. Dr. med. Friedrich Deisting war eben wie seine Eltern: Extrem gutmütig und bescheiden. Seine Rechnungen stellte er sehr niedrig aus und er unterstützte seine Verwandtschaft mit Geld. Das zwang ihn selbst zu äußerster Anspruchslosigkeit.

Und trotzdem oder vielleicht auch gerade deshalb verlor er nie den Blick für seine Mitmenschen. Seine Patienten waren überwiegend Landwirte. „Er sah, dass diese durch Erbteilung immer kleinere Wohnungen und Stallungen besaßen und somit schlechter davon leben konnten“, erklärt Finke. In Schleswig-Holstein war’s so, dass nur der erste Sohn den Hof erben konnte. In Anlehnung daran gründete Deisting die Bäuerliche Bezugs- und Absatzgenossenschaft, die Molkerei, den Bauverein, die Spar- und Darlehenskasse (heute Volksbank), um die Absatzmöglichkeiten der Bauern zu verbessern. Außerdem gründete er 1908 die Firma Dr. Deisting. In dem Gebäude arbeitete Ulrich Finke noch bis vergangenes Jahr. Nach einem schwierigen Start entwickelte sich die elektrotechnische Firma schnell zum sicheren Arbeitsplatz für die jüngeren Geschwister der Bauern und zahlreiche weitere Kiersper. Der Geschäftsführer Fritz Sessinghaus ebnete durch einen Messebesuch in London den Weg, mit dem künstlichen Stoff „Bakelit“ zu arbeiten.

Privat war Friedrich Deisting nicht weniger engagiert: Er war in mehreren Vereinen sowie der Jugendpflege aktiv und forschte 30 Jahre lang an der Kiersper Geschichte. Deisting malte und zeichnete, schrieb und dichtete. Aber nur, wenn’s grad nix zu tun gab. Für seine Familie oder seine Mitmenschen. Denn die gingen vor. ▪ Lisa-Marie Weber

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