Budget beschränkt auch in Kierspe die Klassenreisen

In Zukunft mehr Schulunterricht als Klassenfahrten? Das Land beschränkt die Möglichkeiten der Schulen durch ein kleines Reisekostenbudget.

KIERSPE ▪ „Wir hatten uns schon gefreut, als wir von dem Urteil des Bundesarbeitsgerichtes hörten, nach dem die Reisekosten für Lehrer bei Klassenfahrten erstattet werden müssen. Doch mittlerweile haben wir eine Mail bekommen, nach der in diesem Jahr nur so viel erstattet wird, wie das Budget zulässt“, erklärt Stefan Müller, der als stellvertretender Schulleiter für die Planung und Genehmigung der Klassenfahrten an der Gesamtschule zuständig ist.

Und dieses Budget liegt bei seiner Schule bei gerade einmal 3190 Euro.

Das soll reichen, um die Reisekosten aller Lehrer bei Fahrten von der fünften bis in die 13. Klasse abzudecken. Dass das nicht geht, zeigt ein Blick in die bisherige Praxis der Gesamtschule. Dort fahren alle sieben Klassen des fünften Jahrgangs für drei Tage in eine Jugendherberge. Rund 70 Euro kostet diese Fahrt pro Lehrer – und da jede Klasse von zwei Lehrern begleitet wird, fahren allein in diesem Jahrgang 14 Lehrer, für die rund 1000 Euro Fahrtkosten fällig werden.

Im siebten Jahrgang machen sich ebenfalls sieben Klassen auf den Weg – dann in Richtung Wattenmeer. Pro Fahrt und Lehrer fallen dabei 190 bis 210 Euro an. Auch dann sind 14 Lehrer unterwegs. In der Klasse 10 steht die Abschlussfahrt auf dem Stundenplan, die einen sportlichen Hintergrund haben soll. Doch egal, ob dann geklettert, gewandert oder gesurft wird, die Kosten lassen sich kaum unter 240 Euro drücken. Unterwegs sind dann auch wieder sieben Klassen mit 14 Lehrern.

Für den Jahrgang 13 sollte es möglichst auch eine Fahrt geben. Dann machen sich die neun Leistungskurse auf den Weg. Und da einige Kurse zeitgleich an den selben Ort reisen, reicht meist die Begleitung von neun Lehrern – die dafür aber auch rund rund 300 Euro Reisekosten pro Person „verursachen“. Alles in allem fallen demnach allein an der Gesamtschule mehr als 11 000 Euro Reisekosten pro Jahr für die Lehrer an. Aufgrund des Urteils hatte sich das Land entschieden, für 2012 alle Kosten zu erstatten. Für die Lehrer eine ganz neue Erfahrung. Hatten sie doch bislang eine Verzichtserklärung unterschrieben und die Kosten selbst übernommen – natürlich abzüglich des kleinen Betrages, der aus dem Budget anteilig erstattet wurde. Müller: „Mit Verzichtserklärungen werden wir aber in Zukunft nicht mehr arbeiten können, da dies das Urteil nicht zulässt. Also darf die Schulleitung nur noch Fahrten genehmigen, die durch das Budget gedeckt sind.“ Eine mögliche Lösung sieht der stellvertretende Schulleiter darin, das vorhandene Geld auf die Lehrer zu verteilen, die die Jahrgänge 5 und 13 begleiten und bei den Fahrten des siebten und zehnten Jahrgangs auf Anbieter zurückzugreifen, die Freiplätze für Lehrer anbieten.

500 Euro für

die Lehrer

Nicht einmal 500 Euro sind an der Pestalozzischule zu verteilen – wobei sich dieses Budget auf die Einzelschule und nicht auf den Schulverbund bezieht. Auch den Lehrern der Schule am Haunerbusch sind die Mehrkosten für das vergangene Jahr erstattet worden, obwohl das Budget deutlich überschritten wurde. Wie das Fahrtenprogramm in diesem und den folgenden Jahren bezahlt werden soll, kann Konrektor Reinhardt Mayr nicht sagen: „Wir haben nur die Mitteilung, dass wir uns am Budget des Vorjahres orientieren sollen.“ Üblicherweise fahren die vierten Klassen für ein paar Tage nach Wangerooge oder Norderney. Rund 200 Euro kostet solch eine Fahrt. Macht bei vier Lehrern 800 Euro pro Jahr und damit bleibt eine Deckungslücke von 350 Euro, die bislang von den Lehrern übernommen wurde. In diesem Jahr verschärft sich die Situation allerdings. Da bei der Buchung der Fahrten von dem neuen Urteil noch nichts bekannt war, fährt das jetzige vierte Schuljahr der Pestalozzischule im Mai nach Norderney und das jetzige dritte Schuljahr reist im Herbst nach Wangerooge.

Schullandheim

als Ziel

Norderney, wo sich das Schullandheim des Märkischen Kreises befindet, ist auch ein beliebtes Ziel der Bismarckschule. Die dritten oder vierten Klassen fahren gerne auf diese Insel, wenn auch letztlich die Klassenpflegschaft über das Ziel entscheidet. Gefahren wird entweder am Ende des dritten oder am Anfang des vierten Schuljahres. Da bei der Belegung des Schullandheims üblicherweise ganze Wochen gebucht werden, kann solch eine Fahrt inklusive aller Kosten auch schon mal bis zu 300 Euro zu Buche schlagen. Bei zwei vierten Klassen und vier mitreisenden Lehrern sind das dann 1200 Euro – und das bei einem Budget von gerade einmal 500 Euro. „Normalerweise fahren auch unsere zweiten Klassen für zwei oder drei Tage weg. Das ist dann natürlich viel preiswerter“, so Schulleiter Eckehard Haas. Auch er hat sich gefreut, dass für das vergangene Jahr alle Kosten erstattet wurden und die Lehrer nichts aus eigener Tasche zahlen mussten. Wie das in diesem Jahr sein wird, weiß er nicht. Es gäbe die Mitteilung des Schulministeriums, dass das Budget vom vergangenen Jahr als Maßstab genommen werden solle. Ob damit aber die 500 Euro gemeint seien oder die tatsächlichen Kosten, die ja erstattet worden seien, da wollte sich Haas nicht festlegen.

Freie Schule

zahlt selber

„Eine Klassenfahrt ist Arbeitszeit für den Lehrer, deshalb werden die Kosten auch komplett erstattet. Das haben wir aber schon immer so gemacht“, erklärt Heiko Kositzki von der Freien Schule. Bestritten werden diese Kosten aus eigenen Mitteln der Schule, was auch verhindere, dass Abhängikeiten vom Land entstünden. Kositzki sieht in der Diskussion um die Erstattung der Fahrtkosten für Lehrer die Gefahr, dass an vielen Schulen die Fahrten komplett ins Wasser fallen könnten: „Die Lehrer bewegen sich während einer Fahrt aufgrund der Betreuungspflicht oft in einer rechtlichen Grauzone. Da könnte es schnell passieren, dass eine Diskussion um die Fahrtkostenerstattung für Pädagogen zum Anlass genommen wird, die Fahrten ganz einzustellen.“

▪ Johannes Becker

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