Brisante Themen im „Philosophischen Café“

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Da kann man schon mal ins Grübeln kommen: Fertige Antworten liefert das Philosophische Café nicht, aber es gibt Anregungen. In diesem VHS-Semester stehen viele Fragen rund um religiöse Themen auf dem Programm.

Kierspe -  Gott und die Welt und der Sinn hinter allem – das sind große Themen, die die Menschen seit jeher umtreiben. Auch in Kierspe sucht ein Kreis von Männern und Frauen nach Antworten und hat dazu einen Weg eingeschlagen, der gemeinhin als brotlose Kunst gilt: Sie philosophieren.

Als „Philosophisches Café“ im Programm der VHS ausgewiesen, treffen sie sich zweimal im Monat im Alten Amtshaus und diskutieren unter Leitung von Helmut Fastenrath. Trotz des gemütlich klingenden Namens ist die Gruppe keinesfalls ein Kaffeekränzchen, engagierte Diskussionen bestimmen die Abende. Texte, die als Gesprächsgrundlage dienen, werden vorher zuhause durchgearbeitet.

In diesem Semester steht die Religion auf dem Programm. „Das war Wunsch der Teilnehmer“, sagt Fastenrath – ein brisantes Thema, zu dem alle auf sehr unterschiedliche Weise Position beziehen. Von gläubigen Christen bis zu bekennenden Atheisten ist das gesamte Spektrum vertreten, die jeweiligen Vorerfahrungen und persönlichen Einstellungen fließen zwangsläufig in die Gespräche ein. An diesem Abend wird eine Diskussion weitergeführt, die sich an den provozierenden Thesen des Historikers Gérald Messadié entzündet: Christen und Muslime würden Gott „in ein Machtinstrument“ verwandeln, „in den Händen von Menschen, die sich als seine Statthalter ausgaben“. Diese wähnten sich im Besitz eines von Gott selbst offenbarten Wissens, das in heiligen Schriften niedergelegt sei. Daraus lasse sich dann der göttliche Auftrag ableiten, Andersgläubige zu bekehren und die Kräfte des Bösen zu vernichten, zum Beispiel Hexen oder Karikaturisten. Dagegen regt sich Protest in der Gruppe: Totalitarismus sei dem Christentum „wesensfremd“, wird eine Teilnehmerin zitiert, die an diesem Abend nicht da ist. Die überwältigende Mehrheit der Christen und Muslime wolle ein friedliches und liebevolles Zusammenleben.

Der Kursleiter stimmt zu, gibt dem Gespräch aber eine andere Wendung: So etwas wie den wahren Islam oder das wahre Christentum gebe es nicht. Man müsse sich mit den real existierenden Religionsgemeinschaften befassen, für die es nie ein Problem gewesen sei, die passenden Suren oder Bibelstellen zu finden und entsprechend auszulegen. Entscheidend für militante Strömungen seien starke Führer, starke Ressentiments und scharf umrissene Feindbilder.

Andererseits habe Religion identitätsstiftende Funktion, darüber sind sich alle einig. Auch dazu hat Fastenrath einen passenden Text, diesmal die „mimetische Theorie“ von René Girard, derzufolge das Verhalten bei Einzelnen und Gruppen gleichermaßen auf Nachahmungsdruck beruhe: „Gemeinschaftswerte und -meinungen werden übernommen, um nicht zum Außenseiter zu werden. Man will glauben“, so Fastenrath. Das gelte im religiösen wie im politischen Bereich gleichermaßen.

Eine weitere Frage wird immer wieder gestreift, aber nicht ausdiskutiert: Wie verhalten sich Intellekt und Glaube zueinander? Ein Teilnehmer sieht für sich kein Problem: „Ich bin ein Intellektueller, also glaube ich auch intellektuell.“ Wie das geht, bleibt offen, ebenso wie die Grenzen der Wissenschaft. Der Konflikt zwischen Naturwissenschaften und Religion ist für manche fundamental. Während ein Teilnehmer mit Verweis auf die DNA gleich die Seele komplett abschaffen will, stellen andere die Sinnfrage und nähern sich ihr auf dem Umweg über die Evolution. Der Begriff bedeute nichts anderes als Entwicklung und diese könne man nur ehrfürchtig bestaunen. „Beinahe zwangsläufig kommt dabei der Gedanke auf, dass eine höhere Macht dahinter stehen muss.“ Manchen reiche das ehrfürchtige Gefühl – das sei „Religiosität ohne Gott“.

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