Brahms‘ Werk steht zwischen den Gattungen

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„Das Deutsche Requiem“ von Johannes Brahms führte der Chor Cantamus am Sonntagabend in der Josefskirche auf.

KIERSPE ▪ „Am Vorabend des Allerheiligenfestes hören wir ein Werk, welches gut in unsere Zeit passt“, begrüßte Pastor Gregor Myrda die mit gut 400 Zuhörern gefüllte Kirche St. Josef. „Es ist das evangelische Requiem von Johannes Brahms, aufgeführt in einer katholischen Kirche. – Wenn alles so einfach wäre!“

Brahms‘ Requiem ist ein Werk, das merkwürdig zwischen verschiedenen Gattungen steht. Der Komponist vertonte weder den üblichen lateinischen Text der katholischen Totenmesse, noch entsprechen die gewählten Bibelverse dem eines Requiems. Denn während im katholischen Ritus die Bitte um die Erlösung für den Verstorbenen im Mittelpunkt steht, rücken bei Brahms die Lebenden, die Hinterbliebenen ins Zentrum der Betrachtung: Sie sind es, die „getröstet werden“ sollen, da sie „Leid tragen“. Dieses Werk gehört nicht zur Gattung der kirchlich-liturgischen Musik, es ist vielmehr eine menschliche, romantisch-erlebnishafte Auseinandersetzung mit der Tragik des Todes.

Der Chor Cantamus mit seinem Dirigenten Frank Bisterfeld hatte sich auch für 2010 wieder ein anspruchsvolles Werk aus der Kirchenmusik ausgesucht. Nach dem „Messias“ von Händel, der „Johannespassion“ von Bach oder dem Oratorium „Elias“ von Mendelssohn Bartholdy fiel die Wahl auf „Ein Deutsches Requiem“ von Johannes Brahms. Aufführungsort waren die Kirche St. Johannes Baptist in Attendorn am 30. Oktober und einen Tag darauf die katholische Kirche St. Josef in Kierspe. Neben dem Chor Cantamus wirkten weiter das Kourion Orchester Münster sowie die Solisten Antje Bischof (Sopran) und Fabian Hemmelmann (Bariton) mit.

Es ist ein sehr persönliches und damit einzigartiges Werk. Brahms wählte aus 16 Bibelstellen der Luther-Übersetzung des alten und neuen Testamentes sowie der Offenbarung seine Texte aus. Auch musikalisch machte Brahms neue Ansätze. So hebt er das Wort „getröstet“ fast immer auf einen hohen Ton, womit die Bedeutung des Trostes im Leiden und Tod stark hervorgehoben wird. Den dramatischen Höhepunkt des Werkes erreichte Brahms in seinem letzten Chor. Hier kommt er mit seinen „Dies-irae“-Klängen dem liturgischen Requiem am nächsten. Noch einmal schlägt die Stimmung um. Im Schlusssatz fasst Brahms alles noch einmal zusammen und gleicht aus. Die Musik des ersten Teiles kehrt wieder und rundet das Werk ab mit dem letzten Wort, das leise und lange nachhallend verklingt: „Selig.“

Ergreifend, leicht, romantisch, berührend – so wirkte das „Deutsche Requiem“ von Brahms auf die Zuhörer. Sich fallen lassen in die oft meditative Musik, dürfte den Besuchern dieses Konzertes leicht gefallen sein. Sensibel ging Dirigent Frank Bisterfeld auf die Musik ein und übertrug so seine Gefühle auf den Chor und das Orchester, welche ebenso feinsinnig auf das Werk reagierten. Es war eine Freude, diesem Wechsel an Stimmungen zu folgen, zwischen traurig, den Tod vor Augen, und fröhlich, positiv, die Freuden des Himmels vor sich sehend. Mit Leben füllten die Solisten Antje Bischof (Sopran) und Fabian Hemmelmann (Bariton) ihre Soli und gaben die Empfindungen überzeugend wieder. Lang anhaltend war der Beifall, den die Zuhörer den Ausführenden spendeten. Ein Dankeschön nicht nur für die viele Arbeit im vergangenen Jahr, auch verbunden mit dem Wunsch auf weitere einmalige Erlebnisse. ▪ GeG

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