Landwirtschaftliche Bilanz 2020

Zu heiß und trocken

Reiner Grafe - Landwirtschaftlicher Ortsverein Kierspe
+
Der Vorsitzende des Landwirtschaftlichen Ortsvereins Reiner Grafe wünscht sich für die Landwirtschaft endlich wieder ein normales Jahr, wie 2017 oder früher.

„Es war ein normaler Anfang, es hat ordentlich geregnet und die Preise waren normal“, erklärt Reiner Grafe, Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Ortsvereins Kierspe, dass das erste Halbjahr 2020 aus Sicht der Landwirte unspektakulär war. 

Doch im zweiten Halbjahr hätten sich dann nicht nur die Auswirkungen der Corona-Pandemie bemerkbar gemacht, es wurde – im dritten Jahr nacheinander – ein heißer und zu trockener Sommer.

Die Niederschläge hätten gefehlt, der Grundwasserspiegel sei weiter gesunken. Durch Kontakt zu den Mitarbeitern des Wupperverbands, der auch die Kerspetalsperre unterhält, habe er erfahren, dass sie Messpunkte um die Talsperre gar nicht mehr gefunden hätten. Zahlen verdeutlichen ebenfalls die Trockenheit: In diesem Jahr habe es 675 Millimeter Niederschlag gegeben, normalerweise seien es 1200 bis 1300 Millimeter.

„Es müsste ein halbes Jahr durchregnen“

„Es müsste schon ein halbes Jahr durchregnen“, meint Grafe, damit der Grundwasserspiegel wieder steige. Auch wenn es im September mal ordentlich geregnet hätte, reiche dies nicht aus. Denn das Wasser laufe über den trockenen Boden in die Bäche und Flüsse, gelange nicht ins Grundwasser.

Die „Sparkasse des Landwirts“, wie Forstbestände bezeichnet wurden, ist weg, musste gerodet werden – ein Werk von Trockenheit, Hitze und Borkenkäfer.

Mit der Folge, dass die Landwirte ihre Kühe in den Stall holen mussten, weil einerseits das Wasser fehlte. Auf der anderen Seite sei das Futter, das die Landwirte gemacht haben, nicht so gut, weil die guten Gräser verschwunden sind. „Brennnesseln und anderes Unkraut wachsen immer“, weist der Ortsvereinsvorsitzende auf die eher schlechte Qualität des Futters hin. Folglich mussten die Bauern teilweise Futter zukaufen. Denn für die Landwirte gilt: „Viel Regen, kein gutes Futter. Kein Regen, kein Futter!“

Hinzu komme, so Reiner Grafe, dass der Milchpreis schnell ins Ungleichgewicht gerate. Dabei sehen die Landwirte eine Verbindung zum Ölpreis: Sinke dieser, falle auf Dauer auch der Milchpreis. Denn in den ölfördernden Ländern, in die Milch und Milchprodukte exportiert werden, ginge die Nachfrage zurück. Und die Nachfrage regele bekanntlich den Preis.

78 Pfennig für den Liter Milch

31 bis 33 Cent gebe es für den Liter Milch – „Anfang der 1980er Jahre haben wir 78 Pfennig pro Liter erhalten“, erinnert sich der Vorsitzendes des Landwirtschaftlichen Ortsvereins. Schwieriger sei es in anderen Bereichen, es gebe keinen Markt für Kalbfleisch und die Schweinehalter seien ganz schlecht dran. Es sei also kein gutes Jahr für die Landwirtschaft, resümiert Grafe. Er hält allerdings die Proteste und Demonstrationen vor den Lagern der Discounter nicht für das geeignete Mittel, um vernünftige Preise zu erzielen.

Das sei Marktsache, sieht sich der Vorsitzende die Landwirte in einer Tretmühle, aus der man kaum herauskomme. Ein Problem seien dabei die mittlerweile sehr geringen Transportkosten. Man hole landwirtschaftliche Produkte eher von weit her, als angemessene Preise für regionale Produkte zu zahlen.

Ein anderes, durch die Trockenheit bedingtes Problem: Auf einem Hof werden rund 20 000 Liter Wasser pro Tag verbraucht. Zum Vergleich: Eine Faustregel besagt, dass ein Mensch im Jahr 50 Kubikmeter Wasser verbraucht, auf einen Tag herunter gerechnet wären dies knapp 137 Liter. Anders ausgedrückt, mit dem Tagesverbrauch eines Bauernhofs mit Milchvieh käme ein Mensch fast fünf Monate hin.

Gesunkener Grundwasserspiegel

Aus diesem Grund verfügen die Bauernhöfe zumeist über eigene Brunnen. Angesichts des Wasserbedarfs gebe es bei den Landwirten natürlich Überlegungen, durch neue Brunnen den Bedarf abzusichern. „Doch der Brunnenbauer hat davon klar abgeraten“, erklärt Reiner Grafe. Denn durch den gesunkenen Grundwasserspiegel könne es passieren, dass man nicht nur viel tiefer bohren müsse, sondern die Brunnen sich gegenseitig das Wasser wegnehmen.

Der Verursacher der „Vollkatastrophe“: der Borkenkäfer.

„Es ist eine Vollkatastrophe“, gibt es von Reiner Grafe nur ein Urteil zum Thema Forstwirtschaft. Die „Sparkasse des Landwirts“, wie der Wald früher oft bezeichnet wurde, sei weg. Denn wenn Investitionen oder Renovierungen auf dem Hof anstanden, konnte man einige Bäume fällen und die Einnahmen zur Finanzierung nehmen. Nun müssten Investitionen komplett finanziert werden. Denn der Borkenkäfer in Verbindung mit Hitze und Trockenheit habe den Fichtenwald vernichtet. Grafe kann ein Beispiel aus dem eigenen Bereich nennen: In diesem Jahr seien sechseinhalb Hektar wegfallen, rund 3000 Festmeter oder umgerechnet 200 000 Euro.

Nur noch 5 bis 6 Euro pro Festmeter

Früher habe es 95 Euro pro Festmeter gegeben, davon blieben etwa 75 Euro nach Abzug der Arbeitskosten übrig. Heute gebe es 5 bis 6 Euro pro Festmeter. Anderen Landwirten, die ebenfalls Forstwirt seien, gehe es genauso. Die Anpflanzungsprämie von 120 Euro pro Hektar sei ein Tropfen auf den heißen Stein. Denn eine Anpflanzung koste rund 10 000 Euro. Außerdem wisse man immer noch nicht, welchen Baum man anpflanzen soll, der mit Trockenheit und Hitze, aber auch Minustemperaturen zurechtkomme. „Wenn der Käfer auf den Geschmack kommt, dass auch Buchen schmecken“, befürchtet der Vorsitzende auch Schäden für den Laubwald, der nun nicht mehr durch Nadelwald zum Beispiel vor Stürmen geschützt wird. Das Thema fehlender CO2-Speicher im Winter möchte Grafe gar nicht weiter vertiefen. Für das Jahr 2021 wünscht sich der Vorsitzende des Landwirtschaftlichen Ortsvereins Kierspe ein ganz normales Jahr wie 2017 mit normalen Niederschlägen. Dann könnte der Grundwasserspiegel wieder steigen.

Auch die Preise – „jeder kennt den Preis, aber keiner den Wert“, so Reiner Grafe – sollten höher sein, zumal die Standards immer höher und damit „die Lebensmittel so sicher wie nie“ seien. Allerdings sei auch die Bürokratie immens gestiegen, da gebe es Kontrolleure, welche die Kontrolleure kontrollierten. Dadurch wurden ein zwei mal drei Meter großes Buswartehäuschen und ein 1,5 Quadratmeter großer Hochsitz aus der Fläche gerechnet, nennt Grafe ein Beispiel.

Die Auswirkungen

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Landwirtschaftlichen Ortsverein: Es gab keine Vorstandssitzung und es wird wohl auch keine Winterversammlung geben. Das einzige, was im Jahr 2020 noch laufen konnte, sei das gemeinsame Fest mit den Kollegen vom Halveraner Ortsverein gewesen, allerdings mit deutlich geringerer Beteiligung. Ob es im kommenden Sommer oder auch Herbst stattfinden kann – die Halveraner wären an der Reihe – , steht noch in den Sternen. Als positive Sache wertet Grafe das Anlegen von Blühstreifen, rund 14 000 Quadratmeter seien es in Kierspe. Ebenso der Wandel zur extensiven Landwirtschaft, wobei bestimmte Düngemittel eben nicht mehr ausgebracht werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare