„Wir sind schuldig, we are guilty“

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Steingewordenes Gedenken an Heinrich Rachel, Bertha Rachel und Erich Heß. 72 Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft wurden in Kierspe die ersten Stolpersteine verlegt.

Kierspe - „Wir sind schuldig, we are guilty“, mit diesem Satz eröffnete Pfarrer Reiner Fröhlich seine Rede bei der Stolpersteinverlegung am Hammerkamp. Und diese Schuld ist es, die es notwendig machte, die Nachfahren der Ermordeten in Englisch anzusprechen. Denn in dem Land, in dem sie Deutsch als Muttersprache hätten sprechen können, waren die Ahnen nicht erwünscht, wurden verfolgt und ermordet.

Dreier Menschen, die dieses Schicksal erleiden mussten, wurde gestern bei einer Stolpersteinverlegung in Kierspe gedacht. Unweit des Hauses, in dem Heinrich Rachel, Bertha Rachel und Erich Heß lebten, wurden von dem Künstler Gunter Demnig die drei Stolpersteine in den Boden gelassen. Wobei sich der Künstler an diesem Morgen nicht in den Vordergrund drängte. Nach seinem Ankommen griff er sogleich zum Werkzeug, um sein Werk – unterstützt von dem Tiefbauer Sebastian Falz – zu vollenden. Währenddessen verlief ein paar Meter weiter das feierliche Gedenken an die drei Menschen, die von ihren Mitbürgern ausgegrenzt, gemieden, verfolgt und von denen Erich Heß auch ermordet wurde.

Heute standen die Nachkommen der Täter, der Opfer und schweigenden Zeitgenossen einträchtig nebeneinander, um die Geschundenen zurückzuholen in das kollektive Gedächtnis. Das taten alle Beteiligten mit eindringlichen, bewegenden Worten.

Dietmar Först von der Initiative Stolpersteine erinnerte in seiner Begrüßung daran, dass Erich Heß, nur wenige Meter vom Ort des Gedenkens entfernt, gemeinsam mit sechs Juden aus Meinerzhagen in den Zug gesetzt wurde, um sie über viele Umwege und unter Zufügung unvorstellbaren Leids weit entfernt der Heimat zu ermorden. Und er dankte Judith Cataldo – der Enkeltochter einer der Meinerzhagener Ermordeten – dafür, dass sie im Anschluss an die Feierstunde das Kaddisch, eines der wichtigsten Gebete im Judentum – an den Stolpersteinen hielt.

Danach war es an Marion Görnig, die Rede für die Initiative zu halten, in deren Kern sie betonte, dass „Erich Heß, der in den Mordbüchern nur eine Nummer war, seinen Namen zurückbekommt.“ Sie gedachte seiner Mutter Bertha Rachel, die von der Sorge um den Sohn gepeinigt und aus Angst vor der eigenen Deportation in den Tod getrieben wurde. Schließlich hob sie den Mut und die Tapferkeit von Heinrich Rachel hervor, der sich nicht von seiner Frau scheiden ließ, als die Behörden dies verlangten, und der seiner Frau ein Grab verschaffte, als dieses von den gleichen Menschenfeinden verweigert wurde. Görnig erinnerte die große Zuschauerzahl auch an die Ortsgruppe der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, die Heinrich Rachel in den jungen Jahren der Bundesrepublik halfen, seine Rechte gegen den Willen der Verantwortlichen bei Stadt und Kreis durchzusetzen – und natürlich an Rolf Janßen, Ira Zezulak-Hölzer und Hermann Reyher, die zu den Opfern geforscht und letztlich dazu beigetragen haben, dass sie heute wieder einen Namen inmitten der Menschen ihrer Heimatstadt haben.

Bürgermeister Frank Emde betonte, dass das Gedenken an ein dunkles Kapitel „unserer Geschichte Scham und Stille hervorruft.“ Er schlug einen Bogen zu den Terroranschlägen der jüngsten Vergangenheit in Paris, Berlin, London und Manchester und mahnte: „Wir alle sind und bleiben daher aufgefordert, gegen menschenverachtendes Unrecht vorzugehen – mit einem Akt wie heute.“ Sein Dank richtete er an diesem Vormittag nicht nur an den Künstler und die Initiative Stolpersteine, sondern auch an den Kiersper Rat, der mit einer überwältigenden Mehrheit den „Weg für eine neue Form der Erinnerung geebnet hat“ und an die Anlieger, „die sofort Verständnis signalisiert haben“.

Dann ergriff Reiner Fröhlich das Wort, der an die Schuld aller, aber an die besondere Schuld der Kirche erinnerte. Er verwies auf die Sicht der Priester und Theologen, die den Juden vorwarfen, Jesus, den Messias, getötet zu haben. Damit hätten sie Jesus zu einem Nicht-Juden gemacht und so den Ausschreitungen gegen die Juden den Weg geebnet. Er beendete seine Rede mit den Worten: „Bertha, Heinrich und Erich, wir haben Euch im Stich gelassen, wir sind schuldig.“

So eindringlich die Worte der Redner auch waren, zum Gelingen des ergreifenden Festaktes trugen nicht minder die Schüler der Gesamtschule bei, die die Biografien der Verfolgten und des Ermordeten verlasen, der Chor der Pestalozzischule, MondayMonday und vor allem die vielen, vielen Kiersper, darunter Vertreter von Parteien und Vereinen, und natürlich Judith und Bernie Cataldo.

Ein Teil der Gäste zog im Anschluss weiter nach Meinerzhagen, wo vier weitere Stolpersteine verlegt wurden.

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