Kradfahrer war am 7. Mai 2017 noch am Unfallort gestorben

Sechs Monate auf Bewährung für Unfallverursacher

Kierspe - Hinter der sehr vorsichtig formulierten Einschränkung verbarg sich das blanke Grauen:

„Die Motorradtour an sich war sehr schön“, erinnerte sich im Amtsgericht Lüdenscheid einer von drei Männern aus Wuppertal, die am 7. Mai 2017 einen Sonntagsausflug bis an die Sieg machten. Nach einer letzten Pause in Kierspe machten sie sich auf den Rückweg über die Kölner Straße von der Kreuzung Wildenkuhlen in Richtung Rönsahl. 

Doch an der Waldheimstraße prallte der erste der drei Motorradfahrer in den Opel Corsa eines 35-jährigen Kierspers, der die Motorradfahrer beim Linksabbiegen übersehen hatte.  Der ortskundige 52-Jährige, der die Kolonne deshalb angeführt hatte, starb noch an der Unfallstelle. 

Im Amtsgericht musste sich der 35-jährige Unfallverursacher gestern wegen fahrlässiger Tötung verantworten. „Ich war mir sicher, dass die Straße frei war. Ich bog nach links ab und hörte und spürte den Zusammenstoß“, erklärte er. 

Das Schöffengericht schöpfte alle Möglichkeiten aus, um zu klären, wie es dazu hatte kommen können. Denn es gab einen Zeugen, der in Richtung Kierspe unterwegs gewesen war. Er hatte kurz angehalten, war weitergefahren und hatte sich erst später bei der Polizei als Zeuge gemeldet. 

Dieser Zeuge wiederholte seine angebliche Beobachtung, dass zwei der drei Motorradfahrer vor der Einmündung der Waldheimstraße einen Laster überholt hätten und deshalb für den Angeklagten nicht rechtzeitig sichtbar gewesen seien. Im Laufe der zahlreichen anderen Zeugenaussagen wurde dieser angeblich weiße Laster aber immer mehr zu einer Art weißer Elefant. 

Oder auch zu einem „fliegenden Laster“, wie es ein Prozessbeobachter formulierte, denn der Laster hätte keine Chance gehabt, auf anderem Wege den Unfallschauplatz zu verlassen. Und kein anderer Zeuge hatte ein solches Fahrzeug gesehen. 

So blieb die rätselhafte Situation einer Kreuzung bei schönem Wetter, von der aus der Angeklagte eine Sicht von mindestens 100 Metern nach links hätte haben können. Die beiden Motorradkumpel des Getöteten erinnerten sich an eine Geschwindigkeit von 75 bis 80 Stundenkilometern – 20 weniger, als an dieser Stelle erlaubt sind. 

Anhand der Spurenlage bestätigte der Kraftfahrzeugsachverständige Lutz Bölter diese Angabe. Kritik gab es allerdings an der Ausschilderung: Das Kiersper Ortsausgangsschild befindet sich – stadtauswärts gesehen – vor der etwas problematischen Einmündung der Waldheimstraße, wodurch Autos auf der Kölner Straße die Einmündung mit bis zu 100 Stundenkilometern passieren dürfen. 

Bitter war das Geschehen auch für den mittleren der drei Motorradfahrer, der seinen Kameraden möglicherweise noch zusätzlich überfahren hatte. Der Dortmunder Gerichtsmediziner Dr. Ralf Zweihoff machte anhand des Obduktionsberichtes allerdings deutlich, dass die tödlichen Verletzungen des Opfers beim Aufprall auf den Corsa entstanden waren. 

Seine Schilderung der Verletzungen war der traurigste Moment eines langen Gerichtstages. 

Das Schöffengericht folgte letztlich dem Antrag von Verteidiger Friedhelm Wolf und blieb mit dem Strafmaß von sechs Monaten auf Bewährung zwei Monate unter dem Antrag der Staatsanwältin und des Rechtsbeistands der Witwe. 

Anwalt Michael Proca hatte sehr engagiert und fachkundig die Interessen der Hinterbliebenen vertreten. Doch wichtiger als das Urteil war die umfassende Aufklärung des Geschehens.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.