Besuch im Krematorium

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Wenn sich die Tür öffnet, fährt der Sarg automatisch in den Kremationsofen ein. ▪

KIERSPE ▪ In den vergangenen Jahren ist die Anzahl der Feuerbestattungen auch in Deutschland kontinuierlich gestiegen. 2005 entstand mit der privatwirtschaftlich betriebenen „Feuerbestattungsanlage Sauerland“ in Lüdenscheid ein Krematorium nach modernsten Gesichtspunkten, in dem auch zahlreiche heimische Bestatter Gesellschafter sind. Seitdem werden in Lüdenscheid jährlich rund 3600 Verstorbene eingeäschert.

„Wir sind hier keine Verbrennungsfabrik, sondern legen Wert auf eine würdevolle Feuerbestattungskultur“, machte Kundenbetreuerin Renate Maya am Dienstagabend den Mitglieder der Hospizgruppen Kierspe-Meinerzhagen und Marienheide bei ihrem Rundgang durch die Anlage deutlich.

„Um den Angehörigen einen angemessenen Abschied von ihrem Verstorbenen zu ermöglichen, führen wir hier auch sehr individuelle Trauerfeiern durch“, erzählte Maya den Besuchern. Zur Gestaltung der Trauerfeiern gehörten Lieblingsmusiken, manchmal auch Lieblingsfilme und Geschichten über den Verstorbenen. Die Durchführung könne sowohl in den Händen eines Pfarrer als auch eines freien Trauerredners liegen. Auf Wunsch könnten Angehörige auch dabei sein, wenn der Sarg dem Feuer übergeben werde.

43 Särge zählten die Hospizhelfer am Dienstagabend in der Kühlkammer des Krematoriums. Jeder zur Identifizierung mit der Datenkarte des Verstorbenen versehen. Über ein elektronisches Schließsystem können die kooperierenden Bestatter bei Tag und Nacht Verstorbene in die Feuerbestattungsanlage bringen. „Jeden Tag kommt der Amtsarzt zu uns und führt die zweite Leichenschau durch. Sollten sich Anzeichen für einen nicht natürlichen Tod ergeben, wird unverzüglich die Kriminalpolizei eingeschaltet. Erst wenn die Staatsanwaltschaft dann die Leiche freigibt, können wir die Einäscherung vornehmen“, berichtete Renate Maya. Bei jedem Verstorbenen sei aber sowieso eine Wartezeit von 48 Stunden nach Todeseintritt vom Krematorium einzuhalten.

Bei ihrem Besuch wurden auch die Hospizhelfer Zeugen einer Einäscherung. So konnten sie sehen, wie Kremationstechniker Bastian Schöffel den Sarg auf der Einschiebevorrichtung vor dem Kremationsofen zunächst in die richtige Position brachte. Automatisch hob sich dann die Tür und der Sarg wurde in den Ofen eingefahren. „Bei 1000 Grad Hitze wird der Sarg zunächst eine Stunde lang durch die Strahlungshitze der Schamottsteine in der Hauptbrennkammer eingeäschert und verbleibt eine weitere Stunde in der Nachbrennkammer. Danach müssen die Rückstände zwei Stunden lang auskühlen“, informierte die Kundenberaterin.

Während des gesamten Verbrennungsvorgangs kontrollierten die Mitarbeiter in der Steuerungszentrale Temperatur und Emissionen des Kremationsofens per Computer. Alle Werte wurden an die Überwachungsbehörde weiter geleitet.

In einem Metallbehälter konnten die Besucher derweil verbliebene Knochen- und Metallfragmente in Augenschein nehmen. „Das dort sieht wie ein künstliches Gelenk aus“, stellte eine Hospizhelferin interessiert fest. Auf ihre Frage, was damit geschehe, zeigte Renate Maya der Gruppe, wie Sargnägel, Beschläge und größere Metallteile mit einem Magneten entfernt werden. „Nur Rückstände von Goldschmuck werden - nachdem die Knochenreste in der Ascheaufbereitungsanlage zerkleinert worden sind – gemeinsam mit ihnen in die Aschekapsel verfüllt“, erklärte sie.

Vor der Vitrine mit biologisch abbaubaren Urnen entstand eine rege Diskussion über ökologische und ökonomische Gesichtspunkte von Feuerbestattungen. „Wer weiß, ob es nicht irgendwann aus Platzgründen nur noch Urnenbeisetzungen geben wird“, merkte eine Besucherin an. Auch die strengen Regularien des deutschen Bestattungsrechts wurden von den Teilnehmern der Hospizgruppen kritisch hinterfragt. Nach wie vor gäbe es zahlreiche Landsleute, die ihre Angehörigen in den benachbarten Niederlanden einäschern ließen, um sich der hiesigen Beisetzungspflicht zu entziehen, waren sie sich sicher. Die dort gängige Praxis etwas Asche in Amulette, Medaillons oder Miniurnen zu füllen und mit sich herum zu tragen wurde kontrovers diskutiert.

„Der Beisetzungspflicht müssen wir auf jeden Fall nachkommen. Unsere Kunden haben die Wahl zwischen einer anonymen Beisetzung, einer im Urnenwürfel, Erdgrab oder einer Seebestattung. Egal, wofür sie sich entscheiden, eine würdevolle Verabschiedung und ein schneller fachkundiger Service sind ihnen sicher“, betonte Renate Maya zum Abschluss der Veranstaltung.

Von Martina Haski

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