Netflix ersetzt Fußballspielen nicht

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Der Volme-Freizeitpark kann derzeit auch von Jugendlichen nicht genutzt werden.

Kierspe – „Alle reden derzeit von den Risikogruppen und der Wirtschaft, dabei gehen Kinder und Jugendliche ein bisschen unter: Gerade diese Gruppe muss besonders viele Einschnitte hinnehmen“, sagt der Jugendzentrums-Mitarbeiter Christian Schwanke.

Als Beispiel nennt er geschlossene Schulen und Kindertagesstätten, Spielplätze, die nicht betreten werden dürfen, Sportangebote die wegfallen und natürlich das Kontaktverbot. „Auch wenn Jugendliche gerne gegen das aufbegehren, was Erwachsene ihnen sagen, suchen sie doch Halt und Orientierung bei diesen. Doch von dort gibt es nichts, da die Situation für alle ungewohnt und neu ist“, so Schwanke, der betont, dass dies die Situation für die Kinder und Jugendlichen noch verschärfen würde. Als Beispiel nennt er die Schulen. Dort habe es zwar ellenlange Aufgabenlisten in den beiden Wochen vor den Ferien gegeben, aber oft nicht die notwendigen Hilfen. Viele Lehrer hätten nur die Aufgaben verschickt, sich aber nicht nach dem Befinden der Schüler erkundigt, andere seien nur zu klar definierten Zeiten erreichbar. Schwanke: „Natürlich ist die jetzige Krise auch für Lehrer eine neue Erfahrung, aber die Schüler brauchen gerade derzeit Hilfe und Ansprechpartner.“ Vielen Jugendlichen sei auch nicht klar, warum einiges verboten, anderes aber erlaubt ist. „Man darf zwar über die Sportanlagen gehen, aber das Ballspielen ist verboten, auch dann, wenn man nur zu zweit ist. Das verstehen Kinder und junge Jugendliche oft nicht“, sagt Schwanke. Daraus würden sich viele Nachfragen ergeben, die dann auch an die Mitarbeiter des Jugendzentrums gerichtet worden seien. Das Jugendzentrum hat zwar geschlossen, aber die Mitarbeiter versuchen, erreichbar zu sein, unter anderem über Messangerdienste oder auch übers Telefon. „In den WhatsApp-Gruppen war am Mittwochabend die Öffnung der Schulen ein großes Thema, dort wurde sich auch sehr stark über die Abiturprüfungen ausgetauscht. Während die einen klar für ein Durchschnittsabitur waren, stellten andere in Frage, ob das den gleichen Stellenwert wie ein Abitur mit Prüfungen haben würde“, erzählt der Jugendzentrums-Mitarbeiter. Kontakt bekommt Schwanke in diesen Tagen auch auf seinen „Corona-Kontrollfahrten“ fürs Ordnungsamt. Dabei versuche er, den Jugendlichen auch immer wieder den Sinn der Maßnahmen zu erklären, sagt aber auch, dass es manchmal nicht so einfach sei. Als Beispiel nennt er ein Erlebnis mit zwei Kindern im Volme-Freizeitpark: „Die beiden Fünfjährigen fuhren ganz friedlich mit ihren Skateboards im Park. Da dieser aber geschlossen ist, mussten wir sie nach Hause schicken. Das hatte schon was Irreales. Und ich kann auch gut verstehen, dass die Kinder unser Handeln nicht verstanden haben.“ Doch Schwanke weiß auch, dass gerade jetzt viele auf die Einhaltung der Maßnahmen drängen würden. So habe er vor Kurzem auf dem Parkplatz der Gesamtschule mit jungen Erwachsenen gesprochen, die sich aus zwei Autos heraus (in jedem der Fahrzeuge saßen zwei Personen) bei großem Abstand unterhielten. „Ich bin dann wieder gefahren, da war für mich alles okay. Ein paar Meter weiter wurde ich aber von einem älteren Herrn gestoppt, der nicht verstehen wollte oder konnte, dass ich die Fahrer nicht zum Verlassen des Parkplatzes aufgefordert habe“, berichtet Schwanke. Grundsätzlich gebe es aber wenig Probleme damit, dass sich Jugendliche in großer Zahl treffen würden. „Natürlich treffen wir auch immer mal wieder auf kleine Gruppen. Dann drängen wir darauf, dass sie den Abstand einhalten.“ Der Jugendzentrums-Mitarbeiter ist froh, dass „seine“ Jugendlichen in Kierspe leben. „Das entspannt sicher auch die Situation in den Familien, denn hier kann man einfach raus gehen und auch die Mietwohnungen haben meist einen Garten, dadurch ist ein ,sich-aus-dem-Weg-gehen’ in den allermeisten Fällen ohne Probleme möglich“, erzählt der Kiersper. Er berichtet aber auch, dass den Jugendlichen auch die körperliche Nähe fehlen würde: „Vielen ist das Händegeben bei der Begrüßung ganz wichtig. Das hat für die Jugendlichen viel mit Höflichkeit und Respekt zu tun. Aber auch Umarmungen untereinander sind für die Teenager ganz wichtig, der Verzicht fällt ihnen unglaublich schwer“, erzählt Schwanke. Zum Schluss gibt der Kiersper seiner Hoffnung Ausdruck, dass es möglichst schnell wieder Sport- und Vereinsangebote für die Jugendlichen gibt: „Ich denke, es würde den Jugendlichen helfen, sich sportlich zu betätigen, auch wenn das mit Abstand geschehen müsste. Vereine und Sportangebote wirken wie ein Ventil. Wenn dieses wegfällt, steigt der Frust. Und eins ist klar, Netflix kann Fußballspielen nicht ersetzen.“

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