Schulspezifische Diagnostik zeigt den Förderbedarf

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Gar nicht so einfach war es, die Klötze nach ihrem unterschiedlichen Gewicht zu sortieren. ▪

KIERSPE ▪ Maja konnte problemlos auf Zehenspitzen stehen, auf einem Balken vorwärts und rückwärts balancieren, sich im Kreisel drehen, durch einen Tunnel kriechen, mit dem Rollwagen fahren, rhythmisch und abwechselnd Hüpfen sowie einen Ball werfen und fangen.

Dieser Teil des in der Bismarckschule aufgebauten Parcours diente dazu, die motorischen Fähigkeiten des fünfjährigen Mädchens zu testen. Die schulspezifisch gestaltete Förderdiagnostik ist Bestandteil des Schulanmeldeverfahrens an der Grundschule am Richelnkamp. Entwickelt hat das Verfahren, das dazu dient, die Kompetenzen jedes einzelnen Kindes einzuschätzen und frühzeitig Aussagen zum Förderbedarf zu treffen, die Sozialpädagogin Anne Duffe.

Bereits bei der Anmeldung im vergangenen September und Oktober gab es einen anderen kleineren Test, in dem es um Mengenerfassung bis zur Zahl Sechs, Nachbarzahlen und geometrische Elemente sowie um differenzierte Beobachtung, sprachliche Ausdrucksfähigkeit und den Wortschatz ging. „Ich habe dafür den Bildband über Michel aus Lönneberga ausgesucht und die Kinder erzählten anhand der Bilder die Geschichte“, schildert Schulleiter Ekkehard Haas, wie die Aufgabenstellung aussah und der Test in der Praxis ablief. Er führte ihn zusammen mit Konrektorin Gisela Paulick durch. Anschließend wurden die Ergebnisse den Eltern präsentiert, Besonderheiten und Auffälligkeiten besprochen und es kam zu einer Beratung hinsichtlich eines gegebenenfalls notwendigen oder zumindest sinnvollen Therapie-, Förder- oder Übungsbedarfs. So könne sich zeigen, dass das Aufsuchen eines Logopäden empfehlenswert sei.

Bei der derzeit stattfindenden gezielten Förderdiagnostik übernimmt Ekkehard Haas etwa ein Drittel der Kinder und Anne Duffe zwei Drittel. Insgesamt durchlaufen ebenfalls diesen Test alle für das erste Schuljahr angemeldeten 54 Mädchen und Jungen. Am kommenden Dienstag sind die letzten dran.

Sämtliche zu bewältigende Aufgaben waren gestern spielerischer Natur: Dabei ging es um Mengenvorstellung und logische Reihen, visuelle und taktile Wahrnehmung, Merkfähigkeit, räumliche Beziehung, Auge-Hand-Koordination oder auch kritisches Denken. Maja musste einen Fisch gemäß einer Vorlage aus vier Einzelteilen zusammensetzen, sich an Bilder wie Dampflok, Fisch, Elefant, Mond, Roller und Fahrrad erinnern oder einen Bären in diversen Haltungen aus Kopf, Körper, Armen und Beinen richtig auf den Tisch zu legen. Es galt außerdem unterschiedlich schwere Holzklötze zu sortieren oder auf einem Blatt Papier mit einem Farbstift eine Maulwurfsmutter durch ihren Bau bis zu den Jungen zu bringen. Die besondere Schwierigkeit war, dass der dabei gezogene Strich nicht an die Wände des Baus stoßen durfte, weil sich die Maulwurfsmutter in dem Fall sonst den Kopf stoßen würde. Aber Maja schaffte auch dies ohne größere Schwierigkeiten – und setzte noch nicht einmal wie viele andere Gleichaltrige in einer der Kurven den Stift ab und dann neu an.

Claudia Zierach, die währenddessen im Leherzimmer wartete, bekam hinterher eine recht positive Rückmeldung zu Maja, die nach Einschätzung des Grundschulleiters aller Voraussicht nach einen ganz problemlosen Start in die Grundschulzeit haben wird. „Ihr Kind hat motorisch keine Defizite, die entsprechenden Verwebungen im Gehirn sind ausgebildet.“ Auf den beiden Testbögen konnte Haas bei allen Aufgaben das Häkchen nur bei positiv machen, wie er der Mutter eröffnete, die natürlich hocherfreut über den guten Entwicklungsstand ihrer Tochter war. So schnitt Maja auch beim figürlichen Sehen, das wichtig ist für die Buchstaben- und Zahlenwahrnehmung fantastisch ab, glänzte außerhalb des Testprogramms mit einem fast zweiminütigen Gedicht über den Drachen Fu, wusste Reime zu bilden und den Plural von Gegenständen wie Auto-Autos, Bauklotz-Bauklötze, Haus-Häuser oder auch Elefant-Elefanten zu bilden. Maja könne, so der Rektor weiter, akustisch differenzieren. Unterschiedlich gefüllte Holzwürfel hörten sich beim Schütteln mal nur geringfügig oder mal aber auch stärker anders an. Es gab sechs Paare, die jeweils gleich klangen. Das Mädchen wusste alle korrekt zu bestimmen. Als positiv bemerkt wurde weiter, dass Maja sich selber die Schuhe anziehen konnte.

Die Förderdiagnostik stellt eine erste Grundlage für die individuelle Förderung an der Grundschule dar, sei es Begabtenförderung oder auch bei Defiziten. Das aktuelle Testverfahren dient jedoch darüber hinaus dazu, Eltern Empfehlungen an die Hand zu geben, wo sie ihr Kind bis zum Schulstart Anfang September vielleicht noch fit machen müssen. Das einzige, wo Haas der Mutter gestern riet, mit Maja noch etwas zu üben, lag im Bereich der Feinmotorik bei der Stifthaltung, die „leicht verbesserungswürdig“ sei.

Demächst werden sämtliche Eltern noch vom Schularzt angeschrieben und untersucht und der Schulleiter wies gegenüber Claudia Zierach noch auf den im Juni oder Juli geplanten Elternabend hin, bei dem sich die Klassenlehrer vorstellen und auch die Zusammensetzung der Klassen präsentiert wird. Mit auf den Weg gab Ekkehard Haas der Mutter zum Abschluss ein Merkblatt mit allen wichtigen Angaben dazu, was ein Kind beherrschen sollte, wenn es in die Schule kommt, körperliche, sprachliche und sozial-emotionale Voraussetzungen sowie Wahrnehmungsfähigkeiten gleichermaßen. Dann noch der Appell des Rektors : „Beim Tornister bestimmen Sie eine Auswahl nach qualitativen und ergonomischen Gesichtspunkten, aber beim Design lassen Sie ihrem Kind die Wahl.“

Rolf Haase

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