Bahn-Pläne: „Das ist eine echte Frechheit“

Der Anschluss an den öffentlichen Bahnverkehr könnte nach neuesten Plänen der Bahn gefährdet sein.

KIERSPE ▪ Der mögliche Verkauf der Bahnstrecke zwischen Meinerzhagen, Kierspe und Brügge erregt die Gemüter im Kiersper Rat. Die Bahn möchte die Strecke zwischen Meinerzhagen, Kierspe und Brügge an private Investoren verkaufen (wir berichteten). 

Ein kompletter Lückenschluss wird nun – trotz der Reaktivierung des Abschnittes zwischen Marienheide und Meinerzhagen im Jahr 2013 – immer unwahrscheinlicher. Das erregt großen Unmut – in Meinerzhagen und auch in Kierspe.

Jürgen Tofote (CDU) bezeichnet die Planungen der Bahn in Sachen geplanter Streckenverkauf aus Kiersper Sicht als einen „Schlag ins Kontor“. „Die Veröffentlichungen in der MZ in dieser Sache haben uns überrascht. Nach den früheren Äußerungen der Bahn, der Lückenschluss sei sinnvoll, fürchten wir nun, dass der ländliche Raum wieder einmal vernachlässigt wird. Dabei sollte die Bahn nicht im Ausland investieren, sondern stattdessen besser vor der Haustür. Die Reaktivierung der Strecke ist schließlich auch ein Baustein in unseren gemeinsamen Regionale-Planungen. Auch da würden wir dann wieder in der zweiten oder dritten Reihe stehen. Und für die Mobilität von alten Menschen oder Schülern, die Fachschulen in Gummersbach, Hagen oder Lüdenscheid besuchen möchten, wäre das auch ein Nachteil, wenn der Schienenverkehr nicht wieder aufgenommen würde. Die Politik muss sich nun breit aufstellen. Da stehen wir auch nicht allein, denn Land und Regierungspräsidium halten die Reaktivierung schließlich auch für eine tolle Sache.“

Marc Voswinkel (SPD) ist ebenfalls alles andere als begeistert von den Bahn-Plänen, die den Anschluss Kierspes an das Eisenbahnnetz akut gefährden: „Diese Entscheidung ist völlig falsch und es stellt sich die Frage, ob das nicht schon im Vorfeld der Planungen zur Regionale hätte diskutiert werden müssen. Schließlich ist die Bahnstrecke ein Bestandteil des Planes. Kierspe berührt das ganz erheblich, auch vor dem Hintergrund, dass wir die Pläne für den Busbahnhof in Verbindung mit dem neuen Bahnhof vorantreiben.“ Außerdem glaubt Voswinkel, dass die Bahn in Sachen Dienstleister im Bereich der Personen- und Güterbeförderung immer noch einen „gewissen Auftrag“ hat. „Den sollte man nicht für den geplanten Börsengang opfern.“ Jetzt gelte es, Druck aufzubauen. Dabei müsse man auch die Bezirksregierung, und die Landes- und Bundespolitik einbeziehen, fordert er.

Auch die heimische UWG-Fraktion steht den Plänen der Bahn kritisch gegenüber. Der Fraktionsvorsitzende Dieter Grafe hofft jetzt, „dass die Bürgermeister der betroffenen Städte energisch Widerspruch einlegen.“ Grafe ist sich aber auch sicher, dass die Bahn die Strecke nicht wirtschaftlich betreiben kann. „Aber für die Region ist die Strecke, vor allem auch für Schüler und Studenten, sehr wichtig“, betonte Grafe im MZ-Gespräch. Den möglichen Verkauf des Streckenabschnitts an private Investoren sieht Grafe äußerst kritisch, da für ihn das Thema weiterer Privatisierungen allgemein beendet sein müsste.

Für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen erklärt Hermann Reyher: „Mit großer Verärgerung muss die Grünen-Ratsfraktion Kierspe zur Kenntnis nehmen, dass die Netz AG der Deutschen Bahn die Volmetallinie verkaufen will. Da wohl kein privater Eisenbahnbetreiber diese Regionalstrecke erwerben will, wäre die Ausschreibung unserer Meinung nach der erste Schritt für eine endgültige Stilllegung; und diese Planung in einer Zeit, wo bis Ende 2013 die Verlängerung der Bahnstrecke von Marienheide bis Meinerzhagen definitiv kommen wird. Die DB-Netz AG konterkariert mit dieser Absicht das gerade angelaufene Regionale 2013-Projekt ,Oben an der Volme: ein Fluss verbindet'. Alle vier Stadträte der Nachbargemeinden Meinerzhagen, Kierspe, Halver und Schalksmühle stimmten kürzlich einmütig für die Eisenbahn-Wiederbelebung im Oberen Volmetal. Damit soll die unsichtbare Mauer zwischen Rheinland und Westfalen überwunden werden. Auch der Kreistag hat am 10. Februar einstimmig den Beschluss gefasst, die Reaktivierung der Volmetalstrecke in den zukünftigen Nahverkehrsplan des Märkischen Kreises aufzunehmen. Die Deutsche Bahn müsste auch zu Kenntnis nehmen, dass sie eine öffentliche Daseinsvorsorge in ländlichen Gegenden zu betreiben hat, wo bis zu 30 Prozent der Personen kein eigenes Auto zur Verfügung hat. Deshalb sind jetzt unterstützend gefordert: Unsere Bundestagsabgeordneten Dr. Matthias Heider (CDU) und Petra Crone (SPD), die Bürgermeister der vier Volmetalgemeinden, die MK-Kreisvertreter im zuständigen Bahnzweckverband Ruhr-Lippe(ZRL) und auch andere wichtige Entscheidungsträger, um den ,ersten Sargnagel' einer Stilllegung der Volmetalbahn abzuwehren.“

„Das ist eine echte Frechheit von der Bahn. Sie stoßen uns damit alle vor den Kopf.“ Auch Peter Christian Schröder von der Wählergemeinschaft Pro Kierspe hält gar nichts von den Verkaufsplänen. „Erst investiert die Bahn Millionen – und dann will sie verkaufen – absolut unverständlich.“ Doch die Hoffnung mag Schröder nicht aufgeben: „Wenn ich Bürgermeister Emde richtig verstanden habe, werden sich die Bürgermeister der betroffenen Kommunen mit der Bezirksregierung dafür einsetzen, dass es nicht so kommt. Und wir müssen das auch tun. Und zwar fraktionsübergreifend.“

So kritisch sieht das Armin Jung, Fraktionsvorsitzender der Kiersper FDP, allerdings nicht: „Man weiß ja nicht ob es Interessenten gibt.“ So glaubt Jung, dass die Strecke von privaten Investoren besser betrieben werden könne als von staatlicher Seite. „Da muss der richtige Partner gefunden werden“, so der FDP-Mann. Aus persönlicher Sicht ist Jung natürlich für die Wiedereröffnung der Strecke, die er als „wichtige strukturelle Maßnahme für die Region sieht.“ Und dies auch im Rahmen des Regionale-Projekts. ▪ Jürgen Beil und David Schröder

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