„Die Erdogan-Anhänger sind sehr laut“

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Dr. Aysegül Altun verbrachte die vergangenen sechs Monate in der Türkei. Dort erlebte sie im Vorfeld des Referendums zur Verfassungsänderung ein vollkommen anderes Land als bei den Besuchen zuvor.

Kierspe - „Die Erdogan-Anhänger sind sehr laut, sagen überall und ungefragt ihre Meinung. Die Menschen, die der Opposition nahestehen, sind sehr viel leiser und zurückhaltender. Dort wird im Grunde nur dann über Politik gesprochen, wenn sich alle sicher sind, unter Gleichgesinnten zu sein“. Dr. Aysegül Altun hat die vergangenen sechs Monate in der Türkei verbracht. Kurz vor dem Referendum ist sie nach Deutschland zurückgekehrt.

„Die Nacht, in der die Türken über ihr Schicksal entschieden haben, war die schlimmste meines Lebens“, erinnert sie sich an die Ereignisse vor wenigen Tagen. Gehofft hat Altun bis zuletzt, dass das Ergebnis anders ausfallen würde, doch geahnt hat sie schon, dass den Plänen des Staatschefs zugestimmt würde.

Aysegül Altun wurde vor 46 Jahren in Ankara geboren, kam als Kind mit ihren Eltern nach Deutschland und kehrte im Alter von 14 Jahren mit ihrer Familie in die Türkei zurück. Nach dem Abitur studierte sie in Mersin Germanistik und promovierte auch in diesem Fach. Danach erfolgte der erneute Umzug nach Deutschland – wieder aus familiären Gründen. Mit ihrem Mann lebt sie seit 2004 in Schalksmühle und arbeitet seit zehn Jahren bei der Volkshochschule, wo sie die „Sprachenwelt“ verantwortet und unter anderem für die Integrationskurse zuständig ist.

Der Kontakt in die Türkei ist nie abgerissen, dort leben noch ihre Eltern und ihre beiden Brüder. Jedes Jahr ist sie bislang dorthin gefahren, hat ihre Familie besucht und auch die Veränderungen miterlebt. „In den ersten zehn Jahren ist unter der Regierung von Erdogan vieles besser geworden. Die Türkei war nie eine echte Demokratie. Die Menschen wurden in vielen Bereichen bevormundet. Unter Erdogan gab es viele neue Freiheiten, ein besseres Gesundheitssystem und einen Ausbau der Infrastruktur. Deshalb verstehe ich auch nicht, warum er nun nach der absoluten Macht strebt. Er hat doch bewiesen, dass er auch so vieles verändern kann“, erzählt Altun.

Wenige Monate nach dem Putsch, an dessen offiziellen Verlauf sie starke Zweifel hegt, kehrte sie aus familiären Gründen für sechs Monate zurück. Dort erlebte sie dann erneut ein ganz anders Land. Sie traf dort Menschen, die trotz ihres deutschen Passes das Land nicht mehr verlassen durften, erlebte, wie ein Freund des Bruders aufgrund seiner im Internet erklärten Haltung verhaftet wurde und ein Cousin aus politischen Gründen seine Anstellung als Lehrer verlor.

„Ich war schockiert, als ich gesehen habe, wie nahezu alle Medien auf Linie gebracht wurden. Die Türken schauen extrem viel Fernsehen und dort senden fast nur noch erdogan-treue Sender. Wer andere Informationen möchte, ist im Grunde aufs Internet angewiesen“, schildert Altun ihre Erlebnisse. Doch auch dort sei der Riss, der durch die türkische Gesellschaft gehe, allgegenwärtig. „Es ist ein extremer Hass zu spüren und in den Kommentaren zu lesen.“

Die Spaltung ende nicht in den Medien. Überall, bei Bekannten, Freunden und auch in der eigenen Familie sei die Trennung spürbar. „Der Austausch von Argumenten ist extrem schwierig. Die Menschen, die mit Ja gestimmt haben, wollen keine andere Meinung mehr zulassen. Ich bin auch überzeugt, dass viele von diesen sich gar nicht mit der Verfassungsänderung beschäftigt haben, sondern ihre Stimme einfach Erdogan geben wollten.“ Doch sie glaubt auch, dass die Menschen, die nun ihre Stimme abgegeben haben, diese nicht wiederbekommen werden. „Wer weiß, ob es dort noch einmal freie Wahlen geben wird.“ Wobei Altun auch zweifelt, dass bei diesen Wahlen alles mit rechten Dingen zugegangen ist.

Doch warum haben jene Türken, die in Deutschland gewählt haben, mehrheitlich (63 Prozent) ebenfalls für die Verfassungsänderung gestimmt? So ganz kann Altun das auch nicht verstehen. „Ich glaube, den Menschen gefällt das laute, kämpferische und unnachgiebige Auftreten von Erdogan. Er stärkt ihr Selbstbewusstsein und gibt denen eine Stimme, die sich hier – aber auch in der Türkei – benachteiligt fühlen.“ Außerdem würden viele ihrer „früheren“ Landsleute auch in Deutschland in erster Linie nur türkisches Fernsehen schauen und seien damit der gleichen „Propaganda“ ausgesetzt, wie die Menschen in der Türkei.

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