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An der Gesamtschule wird die Demokratie verteidigt

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Von: Johannes Becker

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Ausstellung zum Thema Demokratie in der Gesamtschule Kierspe
Johannes Lebershausen ist einer der sogenannten Teamer und führt durch die Ausstellung, die in der Alten Mensa der Gesamtschule Kierspe aufgebaut wurde. © Becker, Johannes

Der Rechtsextremismus ist längst nicht mehr nur an den Rändern der Gesellschaft anzutreffen. Auch in den Parlamenten sitzen Menschen, die in Chatgruppen von Umsturz und Gewalt schreiben. Aber auch an Arbeitsplätzen und auf den Schulhöfen ist Rechtsextremismus ein Thema.

Kierspe - Grund genug für Jugendzentrum und Gesamtschule, in der Kiersper Schule dem Thema mit einer Ausstellung Raum zu geben. „Jeder unserer Schüler hatte schon Berührungen mit rechten Positionen“, sagt Alican Sevim, Lehrer an der Gesamtschule. Allein aus diesem Grund findet er es wichtig, dass möglichst viele Schüler Zugang zu der Ausstellung „Demokratie stärken – Rechtsextremismus bekämpfen“ erhalten. Noch bis Weihnachten ist das in den Fächern Gesellschaftslehre (bis Jahrgang 10) und Geschichte und Sozialwissenschaften (Oberstufe) möglich. Geführt wird durch die Ausstellung dann von Schülern, die sich diese Aufgabe selbst ausgesucht haben.

Bereits 2019 hatte Christian Schwanke, Mitarbeiter im Jugendzentrum, die Ausstellung der Friedrich-Ebert-Stiftung erstmals gesehen und sich bemüht, diese nach Kierspe zu holen. „Eigentlich sollte das im Juni 2020 geschehen, doch zu diesem Zeitpunkt waren die Schulen im Lockdown. Jetzt gab es eine erneute Chance, die wir ergriffen haben“, erzählt Schwanke. So gerne er die Ausstellung auch früher in Kierspe gezeigt hätte, freut er sich auch, dass in Kierspe nun zum ersten Mal die komplett überarbeitete Ausstellung zu sehen ist. Statt auf großen Postern, werden die einzelnen Inhalte auf sechs beleuchteten Stelen dargestellt, außerdem gibt es einen Videotisch, auf dem weitere Inhalte abgerufen werden können. Und damit möglichst viele Besucher diese auch sehen können, werden die Inhalte über einen Beamer auch auf eine Leinwand projiziert.

Meist lernt man die Demokratie erst dann zu schätzen, wenn es sie nicht mehr gibt.

Johannes Lebershausen, Gesamtschüler

Bevor die Ausstellung in der Alten Mensa der Gesamtschule eröffnet werden konnte, haben zwei Mitarbeiter der Friedrich-Ebert-Stiftung die 15 Schüler geschult, die nun als sogenannte Teamer durch die Schau führen. Üblicherweise melden sich die Klassen bei Sevim an, der dann jeweils drei Teamer aussucht, die für die Erklärungen bereitstehen. Robin Krumm, Johannes Lebershausen und Liam Schriever sind drei dieser Teamer. „Demokratie begegnet uns ständig, wir wissen es oft aber nicht. Deshalb ist es wichtig, dass wir lernen, die Demokratie zu schätzen, denn meist lernt man sie erst dann zu schätzen, wenn es sie nicht mehr gibt“, sagt Lebershausen.

Früher hieß diese Straße einmal Adolf-Hitler-Straße. Das zeigt, wie wechselhaft Geschichte ist und dass Demokratie nicht als selbstverständlich angesehen werden kann.

Michael Brück, Schulsozialarbeiter

Bei Liam Schriever war es das geschichtliche Interesse, das dazu führte, sich als Teamer zu melden: „Ich habe mich auch vorher schon mit dem Rechtsextremismus beschäftigt und freue mich, dieses Wissen weitergeben zu können.“ Wie notwendig eine solche Wissensweitergabe ist, macht Schulsozialarbeiter Michael Brück deutlich: „Bei den U-18 Wahlen vor der Bundestagswahl gab es auch an unserer Schule einen nicht unerheblichen Anteil, der rechte Parteien gewählt hätte, wenn er denn gedurft hätte.“ Anne Reiche, Didaktische Leiterin an der Gesamtschule, setzt das ins Verhältnis zu den Wahlergebnissen und betont, dass das Wahlergebnis der Schüler letztlich dem Ergebnis der Bundestagswahl entsprochen habe. „Doch damit wollen wir nicht zufrieden sein. Deshalb gibt es ja auch an unserer Schule das Fach ,Demokratie lernen’“, sagt Reiche.

Ausstellung zum Thema Demokratie in der Gesamtschule Kierspe
Robin Krumm und Liam Schriever (rechts) an dem Videotisch, über den weitere Inhalte abgerufen werden können. Ist das Interesse daran größer, kann ein Beamer zur Projektion genutzt werden. © Becker, Johannes

Sevim betont, dass es auch Verpflichtung sei, gerade als „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“, einer Initiative, der sich die Gesamtschule schon vor Längerem angeschlossen habe. „Die Geschichte, aber auch die Ereignisse der vergangenen Monate und Jahre, haben gezeigt, Demokratie muss immer wieder aufs Neue verteidigt werden, denn es gibt mittlerweile viele Menschen, die ein antidemokratisches Gedankengut offen äußern“, so Sevim.

Jeder unserer Schüler hatte schon Berührungen mit rechten Positionen.

Alican Sevim, Gesamtschullehrer

Brück nutzt diese Aussage, daran zu erinnern, dass die Ausstellung am 9. November aufgebaut wurde, einem Datum, das nicht nur durch die Pogromnacht seinen festen Platz im kollektiven Gedächtnis der Deutschen hat, sondern auch durch die Novemberrevolution. Am 9. November 1918 wurde die Abdankung von Kaiser Wilhelm II. verkündet und Friedrich Ebert mit den Amtsgeschäften betraut. Eben jener Friedrich Ebert, nachdem die Stiftung benannt ist und der Namensgeber der längsten Kiersper Straße ist. „Früher hieß diese Straße einmal Adolf-Hitler-Straße. Das zeigt, wie wechselhaft Geschichte ist, und dass Demokratie nicht als selbstverständlich angesehen werden kann“, sagt der Schulsozialpädagoge.

Ursprünglich sei geplant gewesen, berichten Sevim und Schwanke, die Ausstellung auch Schülern anderer Schulen in der Umgebung zugänglich zu machen. Doch das sei aufgrund der aktuellen Pandemie-Entwicklung nun nicht mehr geplant. Auch werde es keine Zeiten geben, in denen die Ausstellung für andere Besucher geöffnet werden könne.

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