Außergewöhnliche Lehrerausbildung in Zeiten der Pandemie

Ein Referendariat vor leeren Stühlen

Jan-Lucas Hofmann ist seit November Referendar an der Pestalozzischule. Seine Schüler kennen den 27-Jährigen nur mit Maske. Derzeit arbeitet er mit seinen Kollegen an der Bereitstellung digitaler Inhalte.
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Jan-Lucas Jonen ist seit November Referendar an der Pestalozzischule. Seine Schüler kennen den 27-Jährigen nur mit Maske. Derzeit arbeitet er mit seinen Kollegen an der Bereitstellung digitaler Inhalte.

Kierspe – Die Schüler bleiben zuhause und lernen auf Distanz, die Lehrer sind entweder in der Schule oder ebenfalls zuhause, um von dort diesen Unterricht zu gestalten. Alle Lehrer? Nein, nämlich die, die es erst noch werden wollen und nun mitten in ihrem Referendariat stecken, erleben eine Ausbildung, die so nicht geplant war.

Allein an der Gesamtschule gibt es derzeit sieben Referendare, die für 18 Monate den praktischen Teil ihrer Arbeit erlernen sollen, zum Teil in der Schule, zum Teil am Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung, das immer noch unter seiner alten Bezeichnung als Lehrer-Seminar bekannt ist.

„Üblicherweise planen die Referendare in ihrer Zeit an unserer Schule fünf Unterrichtsstunden, bei denen dann neben den Schülern auch der Fachleiter, der Ausbildungsbeauftragte, der Ausbildungslehrer und der Schulleiter im Klassenraum sitzen, um den Unterricht zu bewerten. Das findet auch jetzt statt, allerdings ohne Schüler. Da wird die Bewertung schnell zum Problem, da sich jemand als Trainingsweltmeister präsentieren kann, ohne dass eine Aussage über seine Qualität als Lehrer getroffen werden kann“, erzählt Gesamtschulleiter Johannes Heintges.

Also nutzt der Schulleiter die Möglichkeiten, die ihm die Technik bietet, und klingt sich in den Videounterricht ein, den auch die Referendare halten, genau wie ihre Kollegen, die ihre Ausbildung schon hinter sich haben. Heintges: „Aber das ist ja ein Unterricht unter anderen Voraussetzungen und nur schwer zu vergleichen mit dem, was in der Schule üblicherweise passiert. Die reale Begegnung mit den Schülern ist einfach nicht zu ersetzen.“

Im ersten Lockdown im Frühjahr fanden sogar Examensprüfungen digital statt.

Johannes Heintges, Schulleiter der Gesamtschule

Ein weiteres Problem sieht der Schulleiter in den Lehrer-Seminaren, die derzeit nur digital stattfinden. „Im ersten Lockdown im Frühjahr fanden sogar Examensprüfungen auf diese Weise statt. Und auch die Begleitung des Ausbildungslehrers in der Anfangszeit des Referendariats ist nur per Video möglich.“

Doch letztlich habe man während der Schulschließungen im Frühjahr schon Erfahrungen sammeln können, die nun der Ausbildung zugute kämen. „Wenn wir im Februar wieder zum Präsenzunterricht zurückkehren können, dann ist die Situation für die Referendare zwar unschön, aber zu bewältigen“, so Heintges zusammenfassend.

„Diese Extremsituation ist eine Herausforderung“, sagt Jan-Lukas Jonen. Der 27-Jährige ist seit November Referendar an der Pestalozzischule – und hat somit nur eine Schule in Ausnahmesituation erlebt. Allerdings kennt er die Pestalozzischule bereits aus seinem Praxissemester während seines Studiums und aus der Zeit als Vertretungslehrer – eine Tätigkeit, die er neben seinem Studiums an der Kiersper Grundschule ausgeübt hat.

Normalerweise würde der Nachwuchslehrer jetzt vor allem seine Ausbildungslehrer in den Fächern Mathematik, Deutsch und katholische Religion begleiten, um dann später auch eigenen Unterricht zu halten. Normalerweise. Doch derzeit sind Begleitungen nicht möglich. Also hat sich Jonen voll auf den digitalen Unterricht gestürzt und unterstützt dort seine Kollegen. „Ich habe mich in den vergangenen Tagen vor allem um das Padlet gekümmert, eine Art digitale Pinnwand, auf der wir den Schülern Inhalte und Aufgaben zur Verfügung stellen können und auf der die Schüler auch digitale Inhalte hochladen können.“

Glücklicherweise hatten wir ja vor den Schulschließungen ein paar Wochen, in denen Präsenzunterricht stattfinden konnte.

Sundri Hofmann, Mentorin

Sorgen, dass er einen großen Nachteil erfährt, hat Jonen nicht: „Das Referendariat dauert eineinhalb Jahre. Die Schulschließungen werden das sicher nicht. Da bleibt dann ja noch Zeit für den Präsenzunterricht.

Darauf hofft auch Sundri Hofmann, die als Mentorin eine Referendarin an der Servatiusschule begleitet. „Die junge Frau ist sehr engagiert, trotzdem ist es nicht einfach, denn mit dieser Form des Referendariats haben wir keine Erfahrungen“, erzählt die Mentorin. „Derzeit läuft auch das Seminar online und die Referendarin stellt die Unterrichtsstunden, die sie normalerweise halten würde, dort nur per Video und mit digitalen Inhalten vor.“ Um sie aber dennoch am Schulgeschehen zu beteiligen, würden die Kollegen der Nachwuchslehrerin die Unterrichtspläne für den Distanzunterricht vorstellen.

„Glücklicherweise hatten wir ja vor den jetzigen Schulschließungen ein paar Wochen, in denen Präsenzunterricht stattfinden konnte. Da ist die Referendarin mit in den Unterricht der Ausbildungslehrer gegangen. Wenn wir dann wieder zum Unterricht in der Schule zurückkehren, wird sie auch eigenen Unterricht halten“, berichtet Hofmann. Bis zu 14 Stunden dürfen Referendare pro Woche selbstständig unterrichten, wobei es Ziel sei, dass in den letzten drei Monaten des Referendariats der Unterricht in Doppelbesetzung stattfindet.

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