Experte rechnet vor

Ärztemangel in Kierspe: Neue Praxen-Form könnte Hausarzt ersetzen

+
Bereits seit einiger Zeit beschäftigen sich städtische Gremien mit dem Thema Medizinisches Versorgungszentrum.

Kierspe – Medizinisches Versorgungszentrum oder kurz MVZ ist ein Thema, das die Stadtverwaltung und auch die politischen Gremien bereits einige Zeit beschäftigt. 

Am Dienstag nahm es jedoch erstmalig einen breiteren Raum in der Sitzung des Hauptausschusses ein und endete mit dem einstimmigen Grundsatzbeschluss, dass die Verwaltung weitere Maßnahmen zur Gründung eines kommunalen MVZ prüfen soll. Dies schließe auch ein interkommunales Versorgungszentrum ein, fügte Bürgermeister Frank Emde hinzu.

Zuvor hatte Ingo Jakschies vom Büro „gesunddenken.de“ – das sich mit Projektentwicklungen im Gesundwesen beschäftigt und unter anderem beim Gesundheitscampus Sauerland in Balve beteiligt ist – den Mitgliedern des Hauptausschusses die Ertrags- und Kostenseite solch eines MVZ erläutert. Auf der Basis von 1200 (Kranken-) Scheinen, die abgerechnet werden, einem Fallwert von 70 Euro und einer Leistungsbereitschaft von 75 Prozent der Ärzte, so führte Jakschies aus, könne es bei einem MVZ mit zwei Ärzten zu einem Defizit von 94 000 Euro kommen.

Bei drei Ärzten sei es immer noch ein Minus von 3000 Euro, doch bei 3,5 Ärzten könnte es ein Plus von 31 000 Euro geben. Abweichungen bei den anzurechnenden Scheinen, den Fallwerten und der Leistungsbereitschaft nach unten oder nach oben würden sich entsprechend bei den Gemeinkosten auswirken. Im schlechtesten Fall könnte es ein Defizit von 161 000 Euro, im besten ein Plus von 283 000 Euro geben – dies hatte die Verwaltung bereits in der Vorlage berichtet.

„Ein Medizinisches Versorgungszentrum kann die Situation verbessern“, machte Ingo Jakschies deutlich, müsse es aber nicht. Ebenso wies er darauf hin, dass heute 80 Prozent der Medizinstudienabgänger Frauen seien. Und in MZV seien auch überwiegend Frauen tätig. Das hänge einerseits damit zusammen, dass heutzutage die Zeiteinteilung und -planung anders sei und man dies besser in einem Angestelltenverhältnis realisieren. Schließlich seien heute 40 Prozent der Arbeit Bürokratie. Darüber hinaus gerade jüngere Frauen, so Jakschies, gerne mit älteren Kollegen zusammenarbeiten und von ihnen lernen. Letztlich wollen die Mediziner nicht mehr da wohnen, wo sie arbeiten.

Allgemeinmediziner Guido Kussek, für den der Bürgermeister die Hauptausschusssitzung unterbrach, nannte eine Reihe von Gründen, die für ein Medizinisches Versorgungszentrum. Die Zeit der Einzelkämpfer-Praxen sei vorbei. Er habe selbst erfahren, dass man an seine Grenzen stößt. Ebenso mahnte er, dass man heute nicht mehr für Einzelstädte denken und handeln sollte, sondern zum Beispiel das Volmetal im Blick haben sollte. „Es würde mich freuen, wenn es klappen würde“, endete Kusseks Plädoyer für ein MVZ.

Ingo Jakschies erklärte außerdem, dass – mit Blick auf ein interkommunales MVZ mit Halver – ein Zentrum auch zwei oder drei Standorte haben und nicht nur die Ärzte, sondern auch die Medizinischen Fachangestellten zwischen diesen wechseln könnten. Gleichzeitig machte er aber auch deutlich, dass man die betriebswirtschaftliche Arbeit in externe Hände geben sollte. Es sei zudem nicht nur ein Anschluss bestehender Allgemeinmediziner und anderer Fachärzte möglich, sondern auch die Einbindung dritter, wie zum Beispiel eines Krankenhauses.

Während die Anzahl der freien Arztsitze (4,5) in Kierspe kein Problem darstellen sollte, müsse natürlich auch genau geprüft werden, welche Rechtsform für ein MVZ gewählt werden sollte. Clemens Wieland (UWG) sprach sich für eine Genossenschaft aus und verwies auf den Ort Gummersbach-Hülsenbusch, wo man solch eine Rechtsform gewählt hatte. Innerhalb kurzer Zeit hätte diese Genossenschaft ein hohes Startkapital zusammenbekommen. Außerdem sei das große bürgerschaftliche Engagement ein Rekrutierungsargument für Ärzte und Medizinische Fachangestellte, denn sie würden sehen: „Die wollen mich dort!“, erläuterte Wieland.

Nachfolge-Deal in Kierspe platzt. Arzt-Praxis muss aufgeben.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare