Ausbildung ist Vorsorge für die Zukunft

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Dass die Werkzeuge schon längst nicht mehr am Reißbrett entstehen, sondern am Computer, verdeutlichten Projektleiter Michael Fernholz (r.) und Seniorchef Peter Esser (2.v.l.) bei dem Rundgang mit den Besuchern Ulrich Riße von der Arbeitsagentur (l.) und Bürgermeister Frank Emde. ▪

KIERSPE ▪ „Es geht uns nicht nur darum, den jungen Menschen einen Ausbildungsplatz anzubieten. Wir wollen auch die Firmen dafür sensibilisieren, dass sie jetzt Vorsorge für den Facharbeitermangel von morgen treffen müssen“, erklärte Ulrich Riße vom Arbeitgeberservice der Bundesagentur für Arbeit. Riße war gestern gemeinsam mit Bürgermeister Frank Emde zur Firma Kremann und Esser ins Gewerbegebiet Wildenkuhlen gefahren, um am „Tag des Ausbildungsplatzes“ über die Situation der jungen Job-Suchenden im Märkischen Kreis zu berichten.

Gleich zu Anfang konnte Riße die frohe Kunde überbringen, dass dem Arbeitsamt rund 500 mehr gemeldete Ausbildungsstellen vorlägen, als noch vor einem Jahr.

Mit der Kiersper Firma hatte sich die Agentur allerdings auch einen Betrieb ausgesucht, der sich bei der Besetzung von Ausbildungsstellen vorbildlich verhält. So beschäftigt das Unternehmen derzeit 46 Mitarbeiter – darunter im Moment vier Auszubildende. Und wenn die geeigneten Bewerber zur Verfügung stehen, werden ab Herbst sogar fünf Azubis – und damit mehr als zehn Prozent der Belegschaft – dem Unternehmen angehören. Ausgebildet wird in den Berufen Werkzeugmechaniker, Zerspanungsmechaniker und Bürokauffrau. „Wer seine Ausbildung bei uns abschließt und ins Team passt, der bekommt auch einen Arbeitsvertrag“, versprach gestern Ina Feller von der Geschäftsleitung. Allerdings habe man die Erfahrung gemacht, dass viele gute Auszubildende nach der Lehre über den zweiten Bildungsweg ein Studium anstrebten. Feller: „Deshalb sind uns mittlerweile auch Noten nicht mehr so wichtig. Es kommt vielmehr auf die Motivation der jungen Menschen an.“

Seit mittlerweile 50 Jahren stellt die Firma an der Waldheimstraße Blaswerkzeuge für die Automobil- und Verpackungsindustrie her. Für diese Arbeit ist großes Know-how gefragt. Und Mitarbeiter bei einem Mitbewerber abzuwerben fast unmöglich – gibt es doch gerade einmal zwei in der ganzen Republik. Rund ein halbes Jahr benötige man zur Einarbeitung eines Facharbeiters, bevor dieser dazu beitragen könne, die komplizierten Werkzeuge mit denen beispielsweise Fahrzeugtanks oder Fässer gefertigt werden könnten, herzustellen.

Die Alleinstellung der Firma habe in den vergangenen Krisenjahren auch dazu beigetragen, dass das Unternehmen nur mit wenigen Wochen Kurzarbeit klargekommen sei. „Trotzdem hatten wir uns im vergangenen Jahr dazu entschlossen, keinen weiteren Auszubildenden einzustellen und erst einmal abzuwarten, wie sich die wirtschaftliche Situation entwickelt“, erklärte Feller. Mittlerweile würden die Kunden dem Kiersper Unternehmen aber „die Türe einrennen“.

So erklärt sich dann auch der zusätzliche Ausbildungsplatz. Während der Ausbildung würden die jungen Menschen auch nicht nur im Betrieb beobachtet, sondern auch die schulischen Leistungen fänden Aufmerksamkeit in der Firma. Feller: „Wenn wir am Zeugnis sehen, dass es an der einen oder anderen Stelle hakt, dann nutzen wir den Förderunterricht der Arbeitsagentur.“ Ein Serviceangebot, das auch von Riße betont wurde: „Die Unternehmer müssen sich nicht scheuen, einen Schüler einzustellen, dessen Noten nicht ganz den Erwartungen entsprechen. Denn durch den Förderunterricht lässt sich vieles verbessern.“

Ein Appell, dem sich auch der Bürgermeister, der sehr erfreut über die hohe Ausbildungsquote bei Kremann und Esser ist, anschloss: „An manchen Stellen wird der Facharbeitermangel bereits deutlich. Und aus vielen Gesprächen mit Unternehmern weiß ich, dass eigene Auszubildende nachher meist auch die besten Mitarbeiter sind.“

Nach dem Gespräch ging es in die Halle, die seit den 60er Jahren dreimal auf eine Länge von nunmehr rund 150 Meter verlängert wurde, um den Anforderungen des Marktes zu genügen.

Geführt wurden die Gäste von Projektleiter Michael Fernholz auch zu einer Grube ganz am Ende der Halle, wo in Kürze ein neues Bearbeitungszentrum entstehen soll – das einen Neupreis von mehr als einer Million Euro hat.

Bei dem Rundgang trafen die Gäste auch auf Seniorchef Peter Esser, der von den Anfangszeiten des Unternehmens zu berichten wusste, von ehemaligen Mitarbeitern und der ständigen Erweiterung des Produktionsbereiches. Dabei wurde auch deutlich, dass sich das Unternehmen nie darauf beschränkt hat, nur die verlängerte Werkbank der Kunden zu sein, sondern mit eigener Entwicklungs- und Konstruktionsabteilung auch für den Fortbestand der Firma gesorgt hat. „Ich würde mir wünschen, wenn viele Kiersper Unternehmen ebenso verfahren würden, wie es hier geschieht“, so Emde abschließend. ▪ Johannes Becker

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