Kiersper Wald: Was jetzt kommt, weiß niemand

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11,80 Meter Länge – nur so passen die Fichten in die Container, die nach Asien verschifft werden.

Kierspe - Was wächst in Zukunft dort, wo jetzt alles stirbt? Eine Frage, die Waldbesitzer, Förster und auch Politiker gleichermaßen umtreibt. Eine Antwort ist noch nicht gefunden. Dazu kommen immer größere Probleme beim Holzabsatz – und die Sturmsaison hat noch nicht einmal begonnen.

Im Volmetal, in der Nähe von Vorth, liegen die Fichtenstämme, sauber auf eine Länge von 11,80 Meter geschnitten – ihr Bestimmungsort ist China. Doch dahin fährt kein Holztransporter. Dieser bringt die Stammstücke nur an die Kerspetalsperre oder auf einen Umschlagplatz zwischen Halver und Oberbrügge. Von dort geht es dann im Container weiter.

„Lange haben wir einen Verkauf nach China vermeiden können, doch jetzt nehmen auch uns die Sägewerker im Sauerland kein Holz mehr ab“, erzählt Förster Uwe Treff. Vor einiger Zeit ist es dem Kiersper noch gelungen, einen zusätzlichen Vollernter samt Besatzung zu buchen, damit der Kiersper Wald schneller vom Käferholz befreit werden kann.

Bis zu 250 Festmeter Holz kann die Maschine jeden Tag fällen, entasten und auf Länge schneiden – natürlich nur unter idealen Bedingungen, die sich aber im Sauerland selten finden. Rund 2000 Festmeter Käferholz wurden in den vergangenen Monaten in Kierspe aufgearbeitet, insgesamt werden es wohl rund 3000 Festmeter werden. Dazu kommen dann noch einmal 2000 Festmeter aus dem Revier Rönsahl.

Der sogenannte Bläuepilz ist in das Holz eingedrungen, das bereitliegt, um nach China transportiert zu werden.


Da die Käferschäden infolge des Klimawandels aber nicht nur Deutschland betreffen, sondern weite Teile Europas, ist die Aufnahmekapazität Chinas begrenzt. Deshalb wird viel Holz stehen bleiben. Sehr zum Verdruss des Försters. Treff: „Totes Holz verfällt schneller, wenn die Bäume stehen bleiben. Die Stämme bekommen Risse und Pilze dringen ein.“

An den Bäumen, die derzeit in Vorth liegen, kann man sich derzeit gut anschauen, wie der sogenannte Bläuepilz sich ausbreitet. Ringförmig, wie mit einem Zirkel gezogen, ist er von außen ins Holz eingedrungen und hat dieses blau-grau gefärbt. „Auf die Qualität hat das keinen Einfluss. Aber deutsche Sägewerke würden so etwas nicht kaufen. Den Chinesen ist das egal, allerdings akzeptieren diese keine Risse im Holz. Deshalb arbeiten wir gerissenes Holz gar nicht mehr auf“, erzählt Treff.

Sollte der Kiersper schadhaftes Holz liefern, wissen die Abnehmer in Asien sofort, woher es kommt. Denn auf jedem Stamm findet sich ein Plastikblättchen mit der Nummer 0602 – und die steht für das Kiersper Revier.

Treff rechnet damit, dass er allein in seinem Revier bis März rund 10 000 Festmeter Holz schlagen wird – in normalen Jahren wären es rund 7500 Festmeter. Der Förster schaut mir Sorge auf die Bestände, die Trockenheit und Käfer überlebt haben. Denn diese sind nach den massiven Eingriffen in den Wald für Windwurf sehr empfänglich. Der kleine Sturm, der vor Kurzem übers Land zog, hat den Fichten allerdings nicht geschadet, stattdessen fielen ein paar Laubbäume, eben wegen des Laubs, das dem Wind viel Angriffsfläche bot.

Fragt man Treff nach zusätzlichen Gefahren durch die Fällarbeiten oder das tote Holz, das stehen bleibt, winkt er ab. „In den Bereichen, in denen gearbeitet wird, herrscht natürlich ein Betretungsverbot, das aber vor allem von Pilzsammlern ignoriert wird. Diese sind sich der Lebensgefahr, in die sie sich begeben, meist gar nicht bewusst. Die toten Bäume, die stehen bleiben, werden wohl erst in zwei oder drei Jahren zu einem Problem“, erklärt Treff. Dabei nimmt er die Bäume nahe der Straßen ausdrücklich aus. Denn dort würde gefällt, um jede Gefährdung auszuschließen.

Förster Uwe Treff kann noch nicht sagen, mit welchen Baumarten die freien Flächen wieder aufgeforstet werden.


Auch wenn die Waldbesitzer und Forstfachleute vieles von dem, was gerade in den Wäldern passiert, noch nicht erlebt haben, wissen sie doch, wie sie handwerklich damit umgehen sollen. Denn der Holzeinschlag ist tägliches Geschäft. Danach wird auf den Flächen üblicherweise wieder aufgeforstet – im Sauerland gerne mit Fichte. „Das wollen die Besitzer aber jetzt wirklich nicht mehr. Aber auch wir wissen nicht, zu welchen Baumarten wir raten sollen. Denn nicht alles, was in den trockenen Gebieten Südeuropas wächst, gedeiht auch hier. Dort gibt es beispielsweise eine ganz andere Bodenbeschaffenheit. Und selbst wenn wir wüssten, was zukunftssicher wäre, können es die Baumschulen derzeit überhaupt nicht in ausreichender Zahl liefern.“

Treff geht davon aus, dass den Waldbesitzern erst einmal dazu geraten werde, auf sogenannte Naturverjüngung zu setzen, bis klar werde, womit man in Zukunft auf die Flächen gehen wolle. „Es werden nun erst einmal die Pionierbaumarten sein, die diese Flächen für sich beanspruchen“, meint Treff und nennt Birke, Eberesche, Salweide, Vogelkirsche und Erle. Aber auch viele Sträucher würden die freien Flächen nutzen, um dort zu wachsen.

Wie das aussieht, kann sich jeder auf den Flächen anschauen, die seit dem Orkan Kyrill nicht aufgeforstet wurden.

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