Auch Verlieren muss gelernt werden

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„Kinder-Pulok“, „Tivoli“, „Halma“ und andere alte Spiele hat Friedrich Theodor Voswinkel noch aus seiner Kindheit aufbewahrt. ▪

KIERSPE ▪ Sieht man sich heute in einem Kinderzimmer um, so sind Gesellschaftsspiele so ziemlich das letzte, auf das das Auge fällt. Computerspiele oder die neuen Medien interessieren die Kinder mehr.

Viele Spiele hatte der 80-jährige Friedrich Theodor Voswinkel, der im Reidemeisterhaus in Jubach wohnt, in seiner Kindheit auch nicht, doch seine Auswahl unterschied sich doch sehr von der der heutigen Kinder. In einer stillen Stunde hatte er einmal alles heraus geholt, was ihm von damals übrig geblieben ist, und hat es auf einem Tisch in der guten Stube des alten Hauses ausgebreitet.

„Das hier ist eine Kinder-Pulok“, erinnert sich Friedrich Theodor Voswinkel. „Das habe ich geschenkt bekommen, als ich 13 Jahre alt war. Jedoch viel gespielt habe ich damals damit nicht. Ich hatte keine gleichaltrigen Spielgefährten.“ Nur ein paar Zentimeter weiter auf seinem Tisch liegen zwei Gänsespiele. „Der Ursprung dieses Spiels liegt weit in der Geschichte zurück. So soll es bereits um 3000 vor Christus in Ägypten gespielt worden sein“, berichtet er. Eine mit der Hand geschriebene Spielanleitung von 1892 hat er für dieses Brettspiel auch. Seine Tante schrieb damals die Spielregeln auf.

Auch ein Brettspiel ist das „Befestigungsspiel“, welches vor ihm liegt. Bei diesem Würfelspiel gehören die schwarzen Figuren in die Festung, die hellen Spielsteine sind die Angreifer. „Ganz besonders gerne habe ich mit dem Spiel ,Tivoli‘ gespielt“, erinnert sich Friedrich Theodor Voswinkel. „Das ist der Vorläufer des heutigen Flipperautomaten, nur dass damals alles ohne Mechanik auskam.“ Das Lieblingsspiel seines Sohnes Christian hingegen war „Der Zauberer“. Das ist ein großer Kasten mit Bindfäden, Kugeln und einem Zauberstab. „Mein Vater hatte damals schon mir und meinen Schwestern mit diesen Utensilien etwas vorgezaubert“, berichtet Friedrich Theodor Voswinkel. „So wie der Kasten aussieht, muss er damals richtig teuer gewesen sein, denn er ist sehr aufwändig gearbeitet.“ „Zahlenlotto“, das Frage- und Antwort-Spiel „Glocke und Hammer“, ein Leiter- und Schlangenspiel aus dem fernen Indien und sogar ein Baukasten mit Steinen, Dachziegeln, einer Kelle und Mörtel hatten die Voswinkel-Kinder damals, um sich die Zeit zu vertreiben.

Interessant sind auch die Spielanleitungen. Sehr viele von ihnen waren dreisprachig. Vielfach standen sogar auf den Spielkarten die Begriffe in Deutsch, Französisch und auf Englisch, ein Zeichen dafür, dass damals diese Fremdsprachen eine wichtige Rolle in der Gesellschaft spielten. Gerade Französisch war im 18. Jahrhundert die Sprache der Diplomatie und der Gebildeten. Erst später setzte sich das Englische durch.

„Es war damals aber nicht nur der Zeitvertreib, der mit den Spielen erreicht werden sollte“, überlegt Christian Voswinkel. „Auch das Verlieren zu lernen war eine wichtige Erfahrung, denn auch im Leben geht man nicht immer als Gewinner aus einer Situation heraus.“ ▪ GeG

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