Armutsfeste Löhne und Renten

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Der Vorstand des Vereins Hand in Hand informierte gestern über die aktuell initiierte Resolution zur Armutsproblematik.

KIERSPE - Seit mehr als drei Jahren arbeitet das Soziale Bürgerzentrum Hand in Hand in den Räumen des städtischen Bürgerhauses am Felderhof und bietet mehrere soziale und ehrenamtliche Dienste in den Bereichen Nahrung, Kleidung, Bildung und Beratung an.

Von Rolf Haase

Die Mitarbeitenden freuen sich sehr über die gute Annahme der Angebote, wie das Vorstandsteam um Martin Ahlhaus und seine Stellvertreterin Claudia Lüsebrink-Wirth gestern informierte. Dennoch sei durch die Arbeit und den Kontakt mit den betroffenen Menschen eine Verstetigung von Armut und Bedürftigkeit sowie ein Verharren vieler Menschen in schwierigen Verhältnissen deutlich geworden. Deshalb wurde auf der Mitgliedersammlung beschlossen, eine Resolution zur Armutsproblematik zu initiieren und so die Öffentlichkeit und besonders die in Politik und Gesellschaft Verantwortung Tragenden für die Situation zu sensibilisieren.

An den Stadtrat wird der Antrag gestellt, zum einen das Thema zu behandeln und zum anderen die Resolution inhaltlich zu unterstützen und mitzutragen sowie dann an den Städte- und Gemeindebund, das Land und den Bund weiterzuleiten. Die Vorstandsmitglieder erklärten gestern, dass eine Initiative wie die Tafeln oder auch die komplett ehrenamtlich und damit auf freiwilliger Basis getragenen Aktivitäten des Vereins Hand in Hand kein strukturelles Element des Sozialstaates seien und auch nicht dazu werden könnten. Natürlich sei der Bekanntheitsgrad in der Bevölkerung trotzdem positiv, genauso, wie die Arbeit von Vereinen, Firmen und Privatpersonen unterstützt werde.

Nachfolgend die wesentlichen Teile der Resolution im Wortlaut: „Als arm gilt in Deutschland, wer weniger als 60 Prozent des nationalen Einkommensmittelwerts verdient, zurzeit rund 930 Euro. Nach dem Lebenslagenansatz gelten jedoch nicht nur diejenigen als arm, die diese finanziellen Kriterien erfüllen, sondern auch diejenigen, die erschwerten beziehungsweise fehlenden Zugang zu guter Wohnqualität, Bildung, Gesundheit, Arbeit, Transport und Kommunikationsmöglichkeiten sowie Kultur aufweisen.

In Kierspe sind knapp fünf Prozent der Einwohner berechtigt, die monatliche Lebensmittelhilfe von Hand in Hand in Anspruch zu nehmen. Wahrscheinlich ist diese Zahl aber deutlich höher anzusetzen, da nach aktuellen Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zwischen 34 und 44 Prozent der Berechtigten aus Scham oder Unwissenheit auf diese Unterstützung verzichten. Die Mitglieder von Hand in Hand plädieren keineswegs für die Abschaffung der Sozialen Bürgerzentren oder der Lebensmittel-Tafeln. Sie wehren sich aber dagegen, wenn ihre Einrichtung politisch als Beitrag zur Lösung des Armutsproblems legitimiert wird. Denn damit besteht die Gefahr, dass sich die soziale Spaltung in unserer Gesellschaft weiter verfestigt sowie Abhängigkeit und Resignation verstärkt werden.

Es kostet sicher ein Stück Überwindung und verletzt die Würde der Menschen, in der - wenn auch geschützten - Öffentlichkeit des Bürgerzentrums auf die Aushändigung eines Lebensmittelpakets zu warten. Natürlich sind auch selbstgewählte Abhängigkeiten und Missbrauch der sozialen Sicherungssysteme nie ganz auszuschließen. Demgegenüber sind bereits vorhandene oder noch zu initiierende Hilfeangebote stärker bekanntzumachen und von Armut betroffene Personen zu motivieren, die vielfältigen Möglichkeiten der Hilfe und Selbsthilfe intensiv zu nutzen.

Das Problem der Armut muss öffentlich thematisiert und politisch angegangen werden. Dabei ist ein differenzierter Ansatz erforderlich, der auch die Arbeits-, Alters- und Bildungsarmut, verdeckte Armut und Risiken der Armutsgefährdung umfasst. Die Ursachen für Armut müssen erhoben und gezielte Lösungsstrategien für besonders gefährdete Gruppen wie Alleinerziehende und ihre Kinder erarbeitet werden.

Um der betroffenen Menschen willen darf dieses Problem nicht parteipolitisch funktionalisiert werden. Der Bundesverband Deutsche Tafel hat konkrete Maßnahmen gefordert, unter anderem armutsfeste Löhne und Renten, bedarfsgerechte Regelsätze, Beschäftigungsmöglichkeiten für Langzeitarbeitslose. Für strukturschwache Räume sind zudem gezielte Förderungen erforderlich. Desweiteren sind Ansätze zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie für die Verringerung des Armutsrisikos Alleinerziehender notwendig.

Armut bedeutet Ausgrenzung: die extrem ungleiche Verteilung von Einkommen und Wohlstand und damit von Chancen, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, ist nicht zu akzeptieren und gefährdet auf Dauer Gemeinwesen und Demokratie.“

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