Arme Menschen stehen Schlange für Lebensmittel

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Die Bedürftigen stehen zu Beginn der Lebensmittelausgabe Schlange. Sie erhalten als erstes Nummern, damit sie wissen, wann sie an der Reihe sind. ▪

KIERSPE ▪ Alle vier Wochen nutzen sie dankbar das Angebot des Vereins Hand in Hand und holen sich tütenweise Nahrungsmittel ab: Melanie Rubbel und ihre beiden Kinder Lara und Steve sowie ihre Mutter Barbara Schmidt schauen aber auch zwischendurch mal vorbei, um im Café einzukehren oder in der Kleiderkammer nach neuen Klamotten zu suchen.

„Gerade für meine Enkelkinder gibt es da meist richtig gute Sachen“, lobt Schmidt und zählt Hosen, Jacken und Schneeanzüge auf, wo sie schon so manchen Glücksgriff landen konnte. Sie schätzt wie ihre Tochter ebenfalls die Gemütlichkeit im Café und den leckeren aromatischen Kaffee. Die vier kommen gerne. Melanie Rubbel ist Wohngeldempfängerin und daher anspruchsberechtigt bei der Essensausgabe von Hand in Hand. Sie ist froh, dass sie dadurch einiges Geld sparen kann, das ihr dadurch woanders für bleibt. Positiv äußert sie sich zur Qualität der Waren, die „alle o.k.“ seien, sowie ebenfalls zur Freundlichkeit des ehrenamtlich tätigen Personals.

Bis draußen vor die Tür des sozialen Bürgerzentrums in den Räumen des Gemeindehauses Felderhof stehen die Menschen am Mittwoch wieder Schlange, um sich eine Nummer für die Lebensmittelausgabe abzuholen. Anhand dieser wissen die Bedürftigen dann, wann sie in den nächsten vier Stunden an der Reihe sind. Einige warten so lange und suchen das Café auf, andere gehen erst einmal wieder nach Hause oder nutzen die Zeit für Erledigungen.

Dass sich die Zahl der Bürger, die dieses Angebot in Anspruch nehmen, in den knapp zwei Jahren immer weiter gesteigert hat bis auf das hohe Level von regelmäßig 140 bis 150 Besuchern kommt aus Sicht des Vorsitzenden, Pfarrer Martin Ahlhaus, nicht von ungefähr, sondern liegt daran, dass die Armut in Deutschland und auch vor Ort in Kierspe trotz Wirtschaftsboom nicht zurückgegangen ist. Im Gegenteil klafft die Schere zwischen Arm und Reich weiterhin immer stärker auseinander. Das dokumentiert der aktuelle Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, der gerade erschienen ist. „Das Ruhrgebiet ist Deutschlands neues Armenhaus“ und „Selbst Arbeit schützt vor Armut nicht“ sind nur einige der Schlagzeilen dazu.

Die bittere Erkenntnis ist, dass sich selbst in Jahren hohen Wachstums der Anteil der Menschen, die von Armut betroffen ist, kaum verändert. Als Konsequenz daraus wird nun eine Strategie in Richtung von mehr Bildung gefordert. Sinnvolles sozialstaatliches Handeln befähige die Menschen zu einem selbstbestimmten und selbstfinanzierten Dasein. Niemand dürfe aus der Verantwortung entlassen werden, Hilfsangebote anzunehmen, jedoch müsse es solche Angebote auch geben. Genau in den Rahmen passt prima das Angebot des Vereins Hand in Hand, das es seit dem 24. März 2010 gibt. Neben der unter „Vorratskammer“ geläufigen Lebensmittelausgabe wurde außerdem mit dem Altkleiderverkauf „Kleiderschrank“ und dem Café „Kaffeetisch“ gestartet. Während die Ausgabe des Essens immer auf dem vierten Mittwoch im Monat liegt, finden die beiden anderen Angebote wöchentlich statt.

Hinzu gekommen ist in diesem Jahr zudem das Lebensmitteltaxi, mit dem die Bedürftigen zur Ausgabe abgeholt und mit den Taschen voller Nahrungsmittel wieder nach Hause gebracht werden, wenn sie keine andere Möglichkeit haben. Das gilt genauso für die Beratung durch die Sozialarbeiterin Sibylle Wiehle in allen sozialen Fragen ebenfalls während der Essensausgabe. Durchschnittlich muss sie jedesmal zehn Beratungsanfragen erfüllen. Auch das Bücherregal, wo kostenlos etwas zu lesen ausgeliehen werden kann, ist neu. Und das Essen in Gemeinschaft von Margit Witt-Kringe an jedem ersten Samstag im Monat findet inzwischen unter dem Dach von Hand in Hand statt.

Erweitert wurden die Aktivitäten außerdem dadurch, dass die städtischen Integrationslotsen bei der Essensausgabe zugegen sind und bei Bedarf helfen und mit der Volkshochschule wurde eine Kooperation vereinbart, die den Menschen die Nutzung von Bildungsangeboten zu verbilligten Konditionen ermöglicht. „Teilweise tragen wir vom Verein sogar die Kosten“, merkt Ahlhaus an.

Er erinnert zusammen mit Angelika Rentrop, die die Essensausgabe am Mittwoch wieder koordiniert und von Anfang an mit dabei ist, an die Gründung von Hand in Hand: Diese ging schon auf erste Gespräche im Jahr 2008 zurück. Hintergrund war, dass sich Menschen, denen es nicht so gut ging, mit der Bitte um Hilfe an die verschiedenen Gemeinden im Ort gewandt hatten. „Das zeigte uns eindeutig, dass der Bedarf gestiegen war“, erinnert sich Ahlhaus. Gestützt wurde das noch durch konkrete Zahlen, wie Rentrop ergänzt. So waren in Kierspe rund 1600 Personen registriert, die nach den entsprechenden Sozialgesetzen entweder Hartz IV oder Hilfe zum Lebensunterhalt erhielten.

Zu der gemeinsamen Initiative schlossen sich die Freie evangelische Gemeinde, die katholische Gemeinde und die beiden evangelischen Kirchengemeinden Kierspe und Rönsahl zusammen. Es kam im Herbst 2009 zur konstituierenden Sitzung des Vereins. Im Zuge der weiteren Vorbereitung der Aktivitäten gab es Kontakte zu den sozialen Bürgerzentren in Frielingsdorf, Plettenberg und auch dem Mittendrin in Meinerzhagen. Mit den Betreibern der Meinerzhagener Tafel fanden Gespräche über eine mögliche Kooperation statt.

„Zur ersten Lebensmittelausgabe haben wir 50 Besucherkarten ausgegeben“, weiß Rentrop noch ganz genau. Bei der Organisation und Leitung der Ausgabe wird sie tatkräftig und sehr gewissenhaft von Inge Rittinghaus sowie Horst und Inge Aberle unterstützt. Gegenwärtig sind 280 Besucherkarten ausgegeben und es gibt gut 550 Anspruchsberechtigte. Mit den Karten weisen sich die Betroffenen aus und ihre Berechtigung nach, wobei diese grundsätzlich anonymisiert sind. Darauf steht nur eine Nummer und kein Name, eingetragen ist außerdem die Personenzahl. Die Karten werden von Ulrich Fülber beim städtischen Sozialamt, der zudem Geschäftsführer des Vereins ist, ausgestellt. Längst nicht alle erscheinen aber immer zu den Terminen. Hinzu komme, ergänzt Martin Ahlhaus bedauernd, dass viele Menschen sich auch scheuten, ihre Armut öffentlich einzugestehen, deshalb fernblieben und lieber auf die Hilfe verzichteten.

Pro Person werden bei der Ausgabe 50 Cent erhoben, quasi als Symbolpreis. Dafür erhalten die Betroffenen dann ein Grundpaket in der Regel bestehend aus Zucker, Mehl, Nudeln, Margarine, Marmelade, Milch, Käse und Tütensuppe. Dazu gibt es nach Wunsch Obst, Gemüse, Brot, Wurst oder auch andere Molkereiprodukte wie Quark und einiges mehr. Jeder wird danach gefragt, was er haben möchte. „Ziel ist, dass unsere Mitarbeiter den Menschen auf gleicher Augenhöhe begegnen“, betont der Vereinsvorsitzende.

Schicksalsschläge

ändern ganzes Leben

Viele der Anspruchsberechtigten tragen schwere Schicksale wie auch Kerstin Heeren: Die gelernte Feinmechanikerin und Optikerin, die einst bei Carl Zeiss in Jena beschäftigt war, es später erst nach Lüdenscheid und dann nach Kierspe verschlagen hat, ist 2009 an Leukämie erkrankt und bezieht eine kleine Erwerbsunfähigkeitsrente von 340 Euro. Da ist sie natürlich froh, dass es das Angebot von Hand in Hand gibt und sie so bei der Lebensunterhaltung Geld spart. „Für mich stellt dieses wirklich eine deutliche Erleichterung dar“, sagt die 58-Jährige.

Stefan Underberg, der am Mittwoch vielleicht das letzte Mal vorbeikam, hat zu Weihnachten allen Grund sich zu freuen, denn er hat endlich wieder eine Anstellung gefunden. Der gelernte Metzger war arbeitslos geworden, hatte zwischenzeitlich auf dem Bau gearbeitet und dann erneut seinen Job verloren. „Hinzu kam ein Unfall. Ich wurde auf meinem Roller von einem Auto angefahren“, erzählt er und lobt das Engagement des Vereins.

Vorher war er eine Zeitlang zur Tafel nach Meinerzhagen gefahren, doch hatte sich die schlechte Busverbindung nach Rönsahl als großes Problem herausgestellt. Die Ausgabe war manchmal so spät, dass er den Bus nach Rönsahl nicht mehr rechtzeitig erwischte. Das sei nun viel besser, besonders auch nachdem es den Taxiservice gebe. Schwierigkeiten hat er persönlich etwas in der Kleiderkammer, weil leider nichts in seiner Größe – der 39-Jährige trägt Konfektionsgröße 64 – vorhanden sei.

Während Stefan Underberg zusammen mit der 57-jährigen Martha Böttcher, ebenfalls aus Rönsahl, noch im Café sitzt, mahnt Günter Rentmeister etwas zur Eile. Er übernimmt an diesem Tag den Fahrdienst und will jetzt nach Rönsahl zurück. Aber auch die beiden treffen jetzt Anstalten aufzubrechen. „Mit dem Bus würde ich das gar nicht schaffen“, lässt Böttcher keinen Zweifel und verweist auf ihre gesundheitlichen Probleme und starken Schmerzen, unter denen sie seit einem sehr schweren Unfall vor 25 Jahren leidet. Die frühere Konfektionsnäherin, die in der Aachener Gegend tätig war, konnte seitdem nicht mehr arbeiten. Durch ihren Mann, der in Kierspe als Dachdecker tätig war, zog sie nach Rönsahl. Nachdem der vor einem halben Jahr gestorben ist, bezieht sie nun eine geringe Witwenrente. „Von der Arge bekomme ich noch 300 Euro Mietzuschuss und weitere 60 Euro“, umreißt sie zu ihrem Einkommen.

Bei der letzten Lebensmittelausgabe vor Weihnachten gab es diesmal zusätzlich eine Überraschung für alle Besucher: In der grünen Tüte steckten als Besonderheit Kaffee, Schokoladennikoläuse für jedes Kind, Nutella, Konserven, Duschmittel, Äpfel, Mandarinen, Nüsse und Schokolade. Die 52-jährige Waltraud Baumann war ganz begeistert darüber. Auch sie ist aus gesundheitlichen Gründen arbeitslos geworden.

Von den anfangs 70 Mitgliedern im Verein ist die Zahl bis heute auf über 100 angestiegen, was genauso wie die vielen Geldspenden dokumentiert, welche hohe Akzeptanz das Engagement von Hand in Hand mittlerweile in der Bevölkerung genießt. Der Verein kann sich aktuell auf mehr als 60 aktive Mitarbeiter verlassen. Ein Teil von ihnen ist unter der Leitung von Christel Erlhöfer in der Kleiderkammer tätig. Das Team trägt maßgeblich mit zur Finanzierung bei. Die Kunden schätzen auch diese Arbeit: So zählen die 63-jährige Bärbel Bogaerts aus Lüdenscheid sowie die 63-jährige Monika Mlynar und die 60-jährige Elisabeth Mlynar aus Altena längst schon zu den Stammgästen, die besonders das gute Sortiment gerade auch an günstigen Markenartikeln herausstellen und regelmäßig wiederkommen.

Man finde immer tolle Sachen, so Borgaerts. Ob die drei hier einen schicken schwarzen Hosenanzug zeigen, der ideal zu einem festlichen Anlass passt, oder auch ein paar noch im Originalkarton verpackte Feinstrumpfhosen. Elisabeth Mlynar hat für ihren Mann diesmal Sandalen und Pullover ausgesucht. Die Frauen finden das Angebot gut, weil es eine Möglichkeit für Menschen mit kleinem Geldbeutel darstelle, sich etwas besser einzukleiden. Ein kleines Spielzeugangebot gibt es im Gemeindehaus Felderhof ebenfalls, das am Mittwoch Natalie Berg nutzte, die für ihre Tochter zu Weihnachten noch eine Puppe oder ein Schminkset suchte. „Für meine beiden Jungs ist schon klar, dass sie ein Auto kriegen, das ist einfacher“, lächelt sie zurückhaltend.

Vorausgegangen war der Essensausgabe die Abholung der Lebensmittelspenden durch das Team von Hartmut Pieta, das in Geschäften in Kierspe und Umgebung Produkte einsammelt, die nicht mehr verkauft werden können, weil sie das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten haben und daher vom Handel aussortiert werden, aber qualitativ durchaus noch gut sind. Pieta selbst war am Dienstag im Kiersper Netto-Markt und holte dort die Spenden wie an diesem Tag Obst, Gemüse, Wurst, Käse, andere Molkereiprodukte, Brot und sogar Waschmittel ab. Der stellvertretende Marktleiter Kevin Kattwinkel hatte alles schon bereitgestellt, so dass Pieta es schnell in den Kofferraum seines Autos eingeladen hatte. Er freut sich darüber, dass es dem Verein inzwischen gelingt, aus den Einnahmen durch den Kleiderverkauf und das Café den Zukauf der Lebensmitteln, die nicht oder nicht in ausreichender Menge gespendet werden, zu finanzieren.

Weitere Unternehmen, die von den Mitgliedern angefahren werden, sind der Bauernhof Hedfeld in Anschlag, der Eier und Kartoffeln zur Verfügung stellt, die Metzgereien Hoffmann und Baumeister in Kierspe und Hoffmann in Meinerzhagen, die Kiersper Bäckereien Diwald, Homann, Struth und Pauls Backshop und die Einkaufsmärkte Netto in Meinerzhagen, Lidl in Kierspe und Marienheide sowie Rewe in Kierspe und Marienheide. „In der Regel kommen erfreulicherweise ausreichende Mengen für unsere Besucher zusammen, zieht Pieta ein Fazit. Am Mittwoch fehlt allerdings etwas Wurst. Aber das Angebot ist eben jedesmal verschieden.

Der Verein Hand in Hand freut sich über neue Mitglieder, vor allem auch Mitarbeiter, sowie natürlich ebenfalls über Geldspenden auf die Konten 600 3883 bei der Sparkasse Kierspe-Meinerzhagen (BLZ 458 516 65) oder 818 448 100 bei der Volksbank Kierspe (BLZ 458 614 34). Als Ansprechpartner stehen der Vorsitzende Martin Ahlhaus, Telefon (0 22 69) 92 76 20, oder seine Stellvertreterin Angelika Rentrop, Telefon (0 23 59) 74 18, zur Verfügung. ▪ Rolf Haase

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