Trotz fester Stelle droht die Abschiebung

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Frauke Brader-Vollmerhaus (links) und Karin Schmid-Essing setzen sich für einen algerischen Flüchtling ein, der bei der Kiersper Firma Pollmann einen unbefristeten Arbeitsvertrag hat.

Kierspe - Wenn Flüchtlinge abgeschoben werden, zerbrechen Existenzen, Hoffnungen und Lebensplanungen. Doch nicht nur die Geflüchteten sind betroffen, sondern auch Menschen, die hier auf diese Menschen bauen und mit ihnen zusammenarbeiten wollen.

So wie die Kiersper Unternehmerin Frauke Brader-Vollmerhaus, die nicht kampflos zuschauen möchte, wie ein guter Mitarbeiter vom deutschen Staat aus ihrem Unternehmen geholt und abgeschoben wird. 

Frauke Brader-Vollmerhaus hat keinen verklärten Blick auf die Welt. Sie ist empathisch, unterstützt die Deutschkurse des Vereins Menschen helfen, als die Zuwanderung vor zwei Jahren ihren Höhepunkt erreicht – und bietet einem jungen Algerier einen Praktikumsplatz an. Doch die Geschäftsführerin Brader-Vollmerhaus hat auch eine klare Meinung zur Flüchtlingspolitik dieses Landes und zur Zuwanderung: „Faktisch haben wir Vollbeschäftigung. Es ist kaum noch möglich, in ausreichendem Maße Mitarbeiter in der Umgebung zu finden. Deshalb wird es ohne Zuwanderung nicht gehen – auch unterhalb der Spitzenpositionen mit Jahresgehältern von 50 000 Euro, für die jetzt schon Möglichkeiten bestehen. Es fehlen Pflegekräfte, Service-Mitarbeiter, aber auch Arbeiter, die bereit sind, auch die Arbeiten zu erledigen, für die auf dem Arbeitsmarkt kaum Leute zu bekommen sind.“ 

Ibrahim ist so ein Arbeiter für sie. Einer, der arbeiten will, der bei vollen Auftragsbüchern Überstunden macht und der bereit ist, sich in die Arbeitsprozesse einzuarbeiten, in denen er gebraucht wird. Seit Jahren arbeitet er an einem Stanzautomaten, stapelt Winkel und bedient die computergesteuerte Maschine. 

„Keinen Cent hat dieser Mann den deutschen Staat seit August 2015 gekostet. Er zahlt seine Steuern, seine Sozialabgaben, seine Miete und alle Ausgaben, die notwendig sind“, drückt es Karin Schmid-Essing vom Verein Menschen helfen aus. Sie war es, die den jungen Algerier vor mehr als zwei Jahren in ein Praktikum an Pollmann vermittelte. Sie ist es auch, die nun alles tut, um dem jungen Mann eine Perspektive in Deutschland zu ermöglichen – gemeinsam mit der Arbeitgeberin von Ibrahim. 

Befremdlich fanden beide das Vorgehen der Polizei. Um die Fingerabdrücke des jungen Mannes zu bekommen, reichte es den Behörden nicht, dass Brader-Vollmerhaus oder Schmid-Essing Ibrahim zu einer Polizeistation fuhren, nein, der junge Mann wurde von einem Polizeiwagen abgeholt und musste den Weg ohne Begleitung ihm bekannter Menschen zurücklegen.  

Bei einer Einbestellung ins Ausländeramt wurde er genötigt, seiner freiwilligen Ausreise zuzustimmen. „Ihm wurde gedroht, seine Arbeitserlaubnis, die noch bis April 2019 besteht, einzuziehen. Außerdem sei eine spätere eventuelle legale Einreise nach Deutschland ausgeschlossen, wenn er der freiwilligen Ausreise nicht zustimme, schildern die beiden Frauen den Besuch bei der Behörde. Nun soll sich der heute 30-Jährige um Papiere bemühen, die es ihm ermöglichen, in sein Herkunftsland zurückzukehren. 

„Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass in erster Linie die abgeschoben werden, an die man ohne Probleme herankommt, und nicht diejenigen, die ein Problem für dieses Land darstellen“, sagt Brader-Vollmerhaus. Sie sieht auch keine Hilfsbereitschaft vonseiten der deutschen Botschaft. Gleich nach dem Besuch des Amtes in Lüdenscheid hatte sich die Unternehmerin schriftlich an die Botschaft in Algerien gewandt – in der Hoffnung, dass Ibrahim von hier aus bereits alle Vorbereitungen für eine Wiedereinreise treffen könnte. Denn klar war von Anfang an, dass kein Weg an einem persönlichen Erscheinen in der deutschen Botschaft in Algier vorbeiführen würde. 

„Die Erfahrungen mit den ,freiwillig zurückgekehrten’ Albanern zeigen, dass trotz bestehender unbefristeter Arbeitsverträge kaum eine Chance auf Wiedereinreise besteht“, sagt Schmid-Essing. Und Brader-Vollmerhaus macht auch deutlich, dass, selbst wenn es zu einer Rückkehr kommt, der Mitarbeiter im Betrieb fehlt – vor allem, wenn es nicht um ein paar Wochen, sondern um Monate gehen sollte, in denen Ibrahim in Algerien auf eine Entscheidung warten muss. „Jetzt haben wir jemanden hier, der fleißig ist und niemandem zur Last fällt, und dann soll er wieder gehen.“ 

Für die Unternehmerin ein Unding – und ein Problem, mit dem sie sich auch an den Arbeitgeberverband gewandt hat. „Dort konnte ich noch einmal das Empfinden für diese Problematik schärfen, was aber in diesem konkreten Fall nichts bewirken wird“, erzählt sie. Die Kiersper Unternehmerin wünscht sich, dass es in einem Staat, der sich seit vielen Jahren gegen ein Einwanderungsgesetz stellt, zumindest eine Möglichkeit geben müsse, einem Menschen, der sich bereits integriert hat, einen Arbeitsplatz vorweisen kann und zur Entwicklung Deutschlands beiträgt, eine Chance einzuräumen, hierbleiben zu können – unabhängig davon, ob der Mensch vor vier Jahren legal oder illegal eingereist ist – und auch unabhängig davon, ob er aus einem sogeannten sicheren Drittstaat kommt oder nicht.

Ibrahims Leben und Flucht

Die Familie ist groß und das Geld knapp! So stellte sich die Situation der algerischen Familie dar, in der Ibrahim lebte. Mit zehn Jahren und nach nur vier Jahren Schule musste das Kind zum Familieneinkommen beitragen. 

Statt täglich in die Schule zu gehen, ging er nun täglich zum Markt, um dort Stände aufzubauen, Waren zu verteilen und auch Kunden zu bedienen. Das wenige Geld, das er damit verdiente, musste er Zuhause abliefern. Für einige Zeit fand er auch Arbeit in einer Metallfabrik – natürlich ohne jede soziale Absicherung. 

Letztlich sah der junge Mann keine Perspektive mehr in seinem Heimatland. Über Spanien und Frankreich kam er 2014 nach Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte. Von Anfang an, bekundete er sein Interesse, einen Arbeitsplatz zu finden oder zumindest ein Praktikum zu absolvieren. Im Juli 2015 war das bei der Firma Pollmann möglich. Bereits einen Monat später bekam der heute 30-Jährige einen Jahresvertrag und mittlerweile auch einen unbefristeten Arbeitsvertrag. 

Seine Chefin nennt ihn lernfreudig, wissbegierig und fleißig. Seine Kollegen schätzen das Miteinander mit dem neuen Kollegen und sind von seiner Zuverlässigkeit beeindruckt.

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