In Kierspe-Vornholt zählt man Alpakas vor dem Einschlafen

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Neugierig ist der Blick der Alpakas immer. Sie nähern sich dem Besucher ohne jede Scheu, ohne aufdringlich zu werden. In Kierspe haben die Besucher auf der Alpaka-Farm Inti die Möglichkeit, den Anden-Kamelen ganz nahe zu kommen. In Zukunft können Gäste sogar auf der Weide, auf der die Tiere stehen, die Nacht verbringen – in einem Komfort-Zelt. 

Kierspe - Interessiert riecht Jason an den Fingern, kommt der Kamera ganz nah und zeigt sich in keiner Weise scheu. Doch der ausgestreckten Hand, die ihn streicheln möchte, weicht er geschickt aus. Anschauen ja, anfassen, mal schauen – so begegnet das junge Alpaka einem neuen Besucher.

Nach einer ganzen Zeit akzeptiert er aber dann doch die Hand, die in das unglaublich weiche Fell eintaucht. Doch schnell wird klar, wer einen Streichelzoo erwartet, ist falsch. Wer aber ein paar Stunden mit Alpakas verbringen möchte, den Anden-Kamelen ganz nah kommen möchte und keine Angst vor Muskelkater hat, den das Dauerlächeln beim Anblick dieser Tiere verursacht, der ist auf der Alpaka-Farm Inti in Kierspe genau richtig.

„Versuchen Sie erst gar nicht, die Tiere am Kopf zu streicheln, das mögen sie gar nicht“, sagt Christiane Väthen beim Weg auf die Weide mit den sechs jungen männlichen Alpakas. Doch bevor dieser Satz Enttäuschung auslösen kann, ist man umringt von den neugierigen Tieren. Ohne aufdringlich zu werden, nähern sich die Tiere auf Zentimeter. Das Klicken der Kamera ist für sie so interessant, dass der Autofokus auf die geringe Entfernung nicht mehr scharf stellen kann. „Es sind vor allem oft die Männer, die von den Tieren am meisten fasziniert sind“, sagt Väthen. Wenn Familien kämen, wären es meist die Väter, die sich gar nicht mehr trennen könnten. Was aber wohl nicht heißt, dass Frauen oder Kinder weniger Interesse haben. Nur Kinder müssen schnell lernen, da stehen keine Spielkameraden auf der Wiese, denen man nachjagen kann. Also, können kann man schon, doch das Alpaka ist schneller.

„Kinder begreifen ganz schnell, dass man einfach stillstehen muss, dann kommen die Tiere schon von alleine“, erklärt Väthen. Darum würden sich die Alpakas auch so gut eignen, um sie bei der Therapie einzusetzen. Selbst Kinder, die an ADHS leiden, würden schnell ruhig, um ein Erfolgserlebnis zu haben.

Christiane Väthen legt einem Alpaka das Geschirr an. So ganz begeistert ist das Tier nicht, lässt sich aber letztlich willig „an die Leine legen“.


Seit rund zweieinhalb Jahren stehen die außergewöhnlichen Kamele, die eigentlich in den Anden zuhause sind, in Vornholt. Als Christiane Väthen mit ihrem Mann den Hof kaufte, dachte sie nicht an Kamele, sondern an Pferde. Ein Pferdehof entstand, mit eigenen Schul- und Reitpferden, aber auch der Möglichkeit, Pensionspferde aufzunehmen. Bei dieser Arbeit lernte Väthen auch Nina Cornelius kennen, die auf dem Hof Reitunterricht nahm, später ihr Schulpferd kaufte und auf dem Anwesen eine zweite Heimat fand. Das wäre auch so geblieben, wenn Väthen nicht irgendwann einen Film über Alpakas gesehen hätte. Tiere, die sie schon immer faszinierten. In der Folge beschäftigte sie sich eingehend mit der Haltung und Pflege der kleinen Kamele. Irgendwann sprach sie beim Grillen dann Cornelius an – und unterbreitete ihr die Idee, gemeinsam eine Alpakafarm zu betreiben. Damit lief sie die sprichwörtlichen offenen Türen ein. „Ich wollte schon ein Alpaka, da wollten alle anderen noch ein Pony“, unterstreicht Cornelius ihre Begeisterung.

Doch ein Alpaka kann es nicht geben, da die Herdentiere diese Haltung gar nicht mögen. Und um möglichst keine Fehler zu machen, besuchten die beiden Frauen in der Folge Kurse und lernten bei Züchtern den Umgang mit den Alpakas. Väthen: „Wir haben ganz langsam angefangen, mit den Tieren zu arbeiten.“ Als Westerntrainerin war sie es gewöhnt, Reiter und Pferde auszubilden. Eine gute Voraussetzung, um mit den neuen Tieren, die so nach und nach auf den Hof kamen, zu arbeiten.

Doch die Alpakas sollten nicht Selbstzweck sein, sondern auch Teil einer Geschäftsidee, die sich hinter der Alpaka-Farm Inti verbirgt. Inti heißt Sonne – und die geht auch auf, wenn die Besucher zum ersten Mal auf die Tiere treffen, selbst dann, wenn es regnet. Heute finden Kindergeburtstage statt, Familien und Gruppen verbringen den Nachmittag auf dem Hof oder wandern mit den Kamelen. Aber auch in der Therapiearbeit werden die Alpakas eingesetzt. Erst vor Kurzem waren die beiden Frauen mit den außergewöhnlichen Tieren in einem Altenheim zu Gast. Das sei aufgrund der gutmütigen Art kein Problem, erklärt Cornelius – auch deshalb, weil die Alpakas von Natur aus stubenrein sind.

Nachdem Nina Cornelius dem Alpaka sein Halfter angelegt hat, lässt sich das kleine Kamel auch gerne anfassen.


In naher Zukunft wird das Geschäftsmodell noch erweitert, dann bekommen Besucher die Möglichkeit, die Nacht auf der gleichen Weide wie die Alpakas zu verbringen. Mitarbeiter des Tourismus Märkischer Kreis waren auf den Hof zugekommen, mit der Idee ein sogenanntes Sleeperoo auf dem Hof aufzustellen. Ein Scout der gleichnamigen Firma kam gleich mit. Schnell war man sich einig. Denn das Risiko ist begrenzt, da Sleeperoo die Abwicklung übernimmt, die Hofbetreiber werden „lediglich“ zum sogenannten Host. Sleeperoo sorgt sogar fürs passende Bettzeug und eine Chillbox, in der die Gäste eine Nachtverpflegung finden. Die sanitären Anlagen finden sich dann gleich nebenan im Hof. Väthen: „Die Gäste können einfach Zeit auf dem Gelände und mit den Tieren verbringen, sie können die Küche im Haus nutzen und wenn sie mögen, auch einen Abendspaziergang mit den Alpakas unternehmen.“

Nachts geht’s dann ins Sleeperoo, einem außergewöhnlichen Zelt, das sogar ermöglicht, im Liegen den Sternenhimmel zu betrachten. Sollte es mal regnen, macht das dem Zelt nichts aus – und für eine intensive Begegnung mit den Tieren steht dann die Reithalle zur Verfügung.

Doch letztlich ist es egal, wo die Gäste den Tieren begegnen, denn sie können überall überprüfen, ob das hohe Lied, das Väthen und Cornelius über die Alpakas singen, zutrifft. Denn fragt man die beiden, was das Besondere an den Kamelen ist, dann fallen Sätze wie „Das Besondere ist die Sanftheit und Feinfühligkeit“, „Die Tiere spiegeln die eigenen Gefühle wider“, „Sie sind so hoheitlich trotz ihres lustigen Aussehens“ oder „Man muss einfach lächeln, wenn man sie sieht“. Dass dann auch noch wissenschaftlich nachgewiesen wurde, dass das Beisammensein mit den Alpakas stimmungsaufhellend und blutdrucksenkend wirkt, wird auf der Weide oder der kleinen Wanderung zum Nebeneffekt.

Den kleinen Spaziergang sollte sich übrigens niemand entgehen lassen. Denn kaum, dass den Tieren das Zaumzeug angelegt wird, lassen diese sich auch viel leichter streicheln. „Das hat mit Zwang nichts zu tun. Doch dann wissen die Tiere, dass sie jetzt arbeiten.“

Auch wenn die Tiere in völliger Ruhe daliegen, behalten sie ihre Umgebung neugierig im Auge.


Gewöhnt ist die Rasse seit Jahrhunderten daran, dem Menschen zu dienen. Nicht als Reittiere oder Milchspender, sondern als Woll- und Fleischlieferant. Und während die Wolle in Vornholt auch gerne durch jährliches Scheren gewonnen wird, kann die Frage nach dem Geschmack nicht beantwortet werden. Völlig abwegig erscheint es Väthen und Cornelius, eines der geliebten Tiere schlachten zu lassen. Und wahrscheinlich würde auch keinem der Gäste, die längst nicht mehr nur aus der Umgebung, sondern auch aus dem Ruhrgebiet und vom Niederrhein kommen, die Idee kommen, das Fleisch dieser Tiere zu verspeisen. Und da den Alpakas dieses Schicksal erspart bleibt, können sie ihr rund 20-jähriges Leben auf den Wiesen Kierspes verbringen und vielen Menschen Freude schenken. Die ältesten Tiere auf der Farm sind rund acht Jahre alt, die jüngsten noch nicht geboren. Im Mai des kommenden Jahres erwarten Väthen und Cornelius Nachwuchs von dreien ihrer Tiere. Das werden dann die ersten eigenen Zuchtergebnisse sein.

Weitere Informationen zur Farm und den Angeboten im Netz unter www.alpaka-farm-inti.de oder telefonisch unter 0 23 53/13 76 70.

Das Sleeperoo und das Erlebnis

Informationen zur Übernachtung im Sleeperoo, die ab April 2019 möglich ist, finden sich unter www.sleeperoo.de. Der Ablauf: Check-In zwischen 16 und 17.30 Uhr auf dem Hof. Dort bekommt der Besucher eine Chillbox sowie Hinweise zur Übernachtung und zum Hof. Der Check-Out erfolgt bis spätestens 12 Uhr. Das Bettzeug wird gestellt, Waschgelegenheiten und eine Küchenbenutzung auf dem Hof, wenige Meter vom Sleeperoo-Platz entfernt. Die Ausstattung des Sleeperoo nach Veranstalterangaben: Schafschurwolldecken und eine Sojaölkernmatratze. Stromsparende LED-Beleuchtung und ein Chillpack mit einer Auswahl an Snacks und Drinks geben dem Aufenthalt den besonderen Rahmen. Das Sleeperoo bietet den freien Blick in die Umgebung. Wer will, kann aber auch sichtgeschützt einschlafen. Und selbst wenn es regnet, liegt man sicher und trocken. LED-Beleuchtung, Stauraum und Ablageflächen sorgen für Komfort. Die Nacht im Sleeperoo kostet auf der Alpakafarm ab 120 Euro.

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