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Anwohner-Frust: A45-Umleitung frustriert auch Kiersper 

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Von: Thilo Kortmann

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Die Blechlawine rollt in Richtung Kierspe-Bahnhof.
Die Blechlawine rollt in Richtung Kierspe-Bahnhof. © Thilo Kortmann

Es dröhnt und vibriert am Kiersper Bahnhof. Lkw von oben, Lkw von unten. Aus West und Ost. Mehrtonner mischen sich mit Pkw, Motorradfahrern, Fahrradfahrern und Bussen. Das Ganze wird zu einer ohrenbetäubenden Blechlawine, die Gespräche auf dem Bürgersteig kaum möglich macht.

Die Sperrung der A 45 zeigt auch in diesem Stadtteil ihre Wirkung. Viele Lkw und Autos nehmen notgedrungen den Umweg durch Kierspe- Dorf und über die Kölner Straße in Richtung Volmetal. Das hat die Situation gerade in der Kölner Straße in Richtung Bahnhof deutlich verschärft. Dort windet sich die Blechlawine im Bereich der Kirche durch die lang gezogene Kurve. Zum Teil kommt die Lawine aus Blech zum Stehen, weil die Lkw halten müssen, um den Gegenverkehr, meistens auch Lkw, vorbeizulassen.

Familiäre Atmosphäre im Café Dello Sport an der Kölner Straße 57.
Familiäre Atmosphäre im Café Dello Sport an der Kölner Straße 57. © Thilo Kortmann

Etliche Anwohner leiden unter den aktuellen Bedingungen. „Es ist hier unerträglich geworden. Es sind chaotische Verhältnisse. Meine Fenster sind schwarz vom Ruß der Abgase. Der Lärm ist so heftig, dass ich am Tag keine Ruhe mehr habe zuhause. Nach der Arbeit ein Schläfchen, das ist so nicht möglich“, sagt Franco Caruso, der unmittelbar an der Kölner Straße wohnt. Für Kinder sei die Straße lebensgefährlich geworden. Er ist wie so viele andere Anwohner Stammgast im Café Dello Sport, das seit 48 Jahren an der Kölner Straße 57 existiert.

Es ist hier unerträglich geworden. Es sind chaotische Verhältnisse.

Franco Caruso, Anwohner Kölner Straße

Seit 50 Jahren lebt Franco Tedesco Cappuccino an der Kölner Straße. Er wohnt in einer kleinen Wohnung direkt über dem Dello Sport. „Es war hier früher so schön ruhig. Jetzt ist das hier richtig schlimm geworden. Als würden die Lastwagen durch meine Wohnung rasen. Meine Fenster muss ich viel öfter putzen und meine Miete ist so teuer geworden“, sagt er, während er zusammen mit mehreren Gästen vor dem Café sitzt. Von dort blicken sie auf den nur wenige Meter entfernten Strom aus Blech, der wie eine Walze an ihnen vorbeizieht. Der Geruch von Diesel und Benzin liegt in der Luft.

Franco Tedesco Cappuccino blickt auf das extreme Verkehrstreiben. „Wie soll sich das noch ändern. Besser wird das hier doch nicht mehr, oder?“, fragt er resignierend. Man könne tagsüber in der Woche kaum mehr die Straße überqueren, „man hat nicht mehr viel Zeit, um über die Straße zu gehen, es ist sehr selten geworden, dass mal kein Lkw oder sonst was hier her fährt“, findet der Italiener.

Franco Tedesco Cappuccino wohnt seit 50 Jahren an der Kölner Straße..
Franco Tedesco Cappuccino wohnt seit 50 Jahren an der Kölner Straße. © Thilo Kortmann

Mit Humor nimmt es Peter Schölzel, ebenfalls langjähriger Stammgast im Dello Sport. „Jetzt ist hier endlich mal wieder richtig was los. Das macht Spaß, den Lkw zuzuschauen“, sagt Schölzel und lacht. Ein richtiges Gespräch kann bei dem Donnern der Mehrtonner zwar nicht aufkommen. „Reicht doch. Man versteht ein paar Sprachfetzen“, sagt der Rentner im Scherz und lächelt wieder.

Früher war es hier noch viel liebens- und lebenswerter.

Peter Schölzel, Stammgast im Café Dello Sport

Gegenüber von Peter Schölzel sitzt Jovana Disic mit ihrem Kind Luka auf dem Schoß. Sie besucht regelmäßig den Spielplatz in der Nähe. Ihr macht das enorme Verkehrsaufkommen große Sorgen. „Wir müssen hier sehr gut auf unsere Kinder aufpassen. Die Bedingungen sind richtig gefährlich geworden“, sagt die junge Mutter, während Luka spielt. Wenn ein Kind bei dem derzeitigen Verkehrsaufkommen auf die Straße laufe, dann sei schon sehr viel Glück gefragt, dass dem Nachwuchs nichts Schlimmeres passiere, fügt sie hinzu.

Andreas Hofmann macht Kaffeepause am Kiersper Backshop
Andreas Hofmann macht Kaffeepause am Kiersper Backshop. © Thilo Kortmann

Standortwechsel. Kölner Straße 73. Der Kiba, Kiersper Backshop, ist gleichzeitig auch Post, Lebensmittelladen und Treffpunkt für viele Anwohner, die mal schnell einen Snack zu sich nehmen oder frisch gebrühten Kaffee trinken möchten.

Momentan ist das hier eine Katastrophe. Ich muss mit meinem Roller höllisch aufpassen.

Andreas Hofmann, Anwohner

Andreas Hofmann steht vor dem Backshop mit einem Kaffeebecher in der Hand. Er ist mit seinem Motorroller gekommen. Wenn er nach der Arbeit Feierabend macht, dann hält er regelmäßig am Kiba. „Weit und breit gibt es keinen frisch gebrühten Kaffee mehr. Außer hier im Kiba“, weiß er das Angebot zu schätzen. Was ihn hingegen stört, das ist nicht nur der enorme Lärm, sondern: „Momentan ist das hier eine Katastrophe. Ich muss auf meinem Roller höllisch aufpassen. Die Spurrillen in der Fahrbahn sind von den Lkw, die machen die Straße kaputt und sind eine Gefahr. Die Lastwagen fahren so aggressiv und achten nicht auf andere im Straßenverkehr“, sagt er, und fügt hinzu, dass dadurch auf der Straße, wie auch in Kierspe-Dorf, Bordsteine zum Teil kaputt gefahren, Stücke herausgebrochen worden seien.

Im Blickpunkt der Stadt Kierspe steht die Kölner Straße bereits seit Längerem, wie auch die Anliegen der Menschen, die dort wohnen. „Die Kölner Straße ist unser Sorgenkind. Ich kann die Unzufriedenheit der Menschen dort verstehen“, sagt Lars Feltens, Sachgebietsleiter im Bereich Bauen und Planen bei der Stadt Kierspe und verweist auf den zunehmenden Leerstand. Dass Läden aufgegeben werden, habe mit der dort fehlenden Kaufkraft zu tun, erklärt er. Als Stadt habe man schon einiges versucht, um die Attraktivität der Straße zu steigern, ergänzt Feltens. Es gab vor drei bis vier Jahren ein Fassadenprogramm, einige Wände der zum Teil historischen Gebäude, Baujahr um 1900, wurden wieder aufgehübscht.

Der Druck auf die Kölner Straße in Richtung Bahnhof ist mit der Sperrung der A45 deutlich gestiegen.

Lars Feltens, Sachbearbeiter Bauen & Planen der Stadt Kierspe

Eine Veränderung der negativen Entwicklung rund um die Straße hat das allerdings nicht bewirkt. Und jetzt kommt noch der extreme Schwerlastverkehr aufgrund der maroden Rahmedetalbrücke dazu. „Der Druck auf die Kölner Straße in Richtung Bahnhof ist mit der Sperrung der A 45 deutlich gestiegen“, sagt Feltens und ergänzt: „Es ist dort wenig attraktiv für Fußgänger.“

Geplante Ortsumgehung B54n im sensiblen ökologischen Bereich

Die Planungen für die Umgehungsstraße B 54n, die Kierspe-Dorf und die Kölner Straße von den extremen Verkehrsbelastungen befreien soll, gestalten sich kompliziert. Bei einer Begehung der möglichen Trassenführung vom Mündungsbereich Handweiser, an der Landstraße 528, aus über den Höhenrücken und am Volmehang entlang bis zur Bundesstraße 54 im Bereich Kierspe-Bahnhof wurde festgestellt, das dort sensible Arten wie der Rotmilan, Sperber, Feldsperling und Fledermäuse leben. Zudem gibt es Biotope, die als Lebensraum für Insekten und andere Tiere dienen. Im Bundesverkehrswegeplan 2030 (BVWP 2030) ist die B 54n mit „Vordringlicher Bedarf“ eingestuft. tko

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