Karin Schmid-Essing und Fritz Schmid gehen an Öffentlichkeit / Mit Kommentar

Gesichter der Kiersper Flüchtlingsarbeit werden bedroht: Polizei eingeschaltet

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Die Briefe mit den Beleidigungen und Drohungen haben Schmids aufgehoben – allerdings nur als Kopien. Die Originale sind bei der Polizei.

Kierspe - Ordentlich adressiert und frankiert – so kommen die Briefe ins Haus von Karin Schmid-Essing und Fritz Schmid. Doch damit endet die Rechtsstaatlichkeit auch schon. Denn der Inhalt ist unsachlich, beleidigend und zunehmend bedrohlich. Lange haben die beiden geschwiegen und nichts unternommen. Das ändert sich nun.

So ganz neu ist es für Karin Schmid-Essing und Fritz Schmid nicht, bedroht und beleidigt zu werden. Schon in den 1990er Jahren wurden sie angefeindet. Und auch damals war es schon ihr Engagement für Flüchtlinge, mit dem sie den Hass weniger auf sich zogen.

Als Karin Schmid-Essing mit der Flüchtlingsarbeit begann, war der Krieg, der den Zuzug auslöste, gar nicht weit weg: in Jugoslawien herrschte Bürgerkrieg. Über viele Jahre kamen Menschen aus immer anderen Landesteilen nach Deutschland, um Hunger, Verfolgung und Tod zu entkommen. 

„Damals waren es ausschließlich Drohanrufe“, erinnert sich die Kiersperin. Drohanrufe erhielt auch Fritz Schmid. Schulleiter der Gesamtschule war er damals – und an seiner Schule demonstrierten Schüler gegen die Abschiebung einer serbischen Familie. Das reichte einem Unzufriedenen, Schmid zu bedrohen.

Mit obszönen Anrufen fing es wieder an

Dann war lange Ruhe. Doch als 2015 der Zuzug von Menschen aus Kriegsgebieten wieder zunahm, wuchs auch das Engagement der beiden. Schon lange sind sie das Gesicht der Kiersper Flüchtlingsarbeit. 

Schmid-Essing: „Vor rund zwei Jahren kamen dann auch sehr bedrohliche und obszöne Anrufe, immer mit unterdrückter Nummer.“ 

Nachdem dann der Telefonanbieter die Technik so eingestellt hatte, dass nur noch die Nummern durchkamen, die auch angezeigt wurden, war Ruhe. Beinahe jedenfalls. 

Denn bereits 2017 fühlte sich ein Unbekannter bemüßigt, an Schmids zu schreiben. In erster Linie griff der Schreiber damals in widersprüchlicher Weise den Bundespräsidenten an. In seinem Brief bezeichnete er Flüchtlinge als Schmarotzer und lustgesteuerte Individuen, die in diesem Land nichts zu suchen hätten. 

Auf der anderen Seite forderte er den Bundespräsidenten auf, eine dieser geflüchteten Familien in seinem Privathaushalt aufzunehmen. Das Schreiben endete dann mit dem verdrehten Zitat von Steinmeiers Vorvorgänger Wulf. Während dieser gesagt hatte, dass der Islam zu Deutschland gehöre, endete das Schreiben mit „Der Islam gehört nicht zu Deutschland.“

Syrer Mohammed A Khalil im Fadenkreuz

Nach der Berichterstattung über den Syrer Mohammed A Khalil, der sich mit Unterstützung – auch von Schmids – innerhalb weniger Jahre integriert hatte, die deutsche Sprache perfekt erlernte und ein Abitur mit der guten Note 2,1 ablegte, bekamen die anonymen Schreiben noch einmal eine neue Qualität. 

Da kam zuerst ein Brief, auf dem ein Vampir abgebildet ist, der nach einem Bild greift, auf dem Fritz Schmid zu sehen ist. Darunter war der Wunsch formuliert, alle Flüchtlinge sofort in ihre Heimatländer abzuschieben.

Deutlicher wurde der unbekannte Briefeschreiber, als er wenig später eine Kopie des Bildes „Der Tod als Freund“ von Alfred Rethel schickte. Dort tanzt im Vordergrund der Tod, neben ihm sitzt ein Entschlafener. Auf den Körper dieses Toten hat ein Unbekannter den Kopf von Mohammed A. Khalil montiert.

Kurz darauf der nächste Brief, auf dem Khalil zu sehen ist, daneben eine an Deutlichkeit nicht zu überbietende Beleidigung.

"Ab jetzt wird alles angezeigt!"

Während Schmids zu alledem geschwiegen hatten, wollen sie gerade diese letzten Angriffe nicht auf sich beruhen lassen. Bei der Polizei wurde Anzeige erstattet – und nun auch der Weg in die Öffentlichkeit gewählt. 

„Die Polizei hat bedauert, dass wir uns nicht gleich beim ersten Anruf gemeldet haben. Aber ab jetzt wird alles angezeigt“, sagt Schmid-Essing, die allerdings auch wenig Hoffnung hat, dass sich ein schneller Fahndungserfolg einstellt. „Aber es soll wenigstens in die Statistik einfließen, damit einfach bewusst wird, dass solche Bedrohungen längst keine Seltenheit mehr sind.“

Feigheit der Anonymität macht sauer 

Beschämend findet Schmid-Essing vor allem die Anonymität, aus der heraus gehandelt wird: „Jeder darf Kritik äußern, auch an unserem Handeln. Aber dann soll derjenige auch das Gespräch suchen, uns seine Argumente von Angesicht zu Angesicht mitteilen. Das gezeigte Verhalten ist einfach nur feige.“

Auch wenn, gerade nach den gewaltsamen Übergriffen durch Rassisten und Rechte in der jüngeren Vergangenheit, ein ungutes Gefühl bleibt, ändern wollen die beiden an ihrem Verhalten und Engagement nichts. „Wir haben in erster Linie ja auch immer viel Zuspruch für unsere Arbeit erfahren.“ 

Ähnlich geht es auch Mohammed A. Khalil, der erzählt, dass er in den fast fünf Jahren, die er nun in Kierspe lebt, noch nie mit rassistischem Verhalten anderer zu tun hatte.

Im Gegenteil: Nach dem Bericht unserer Zeitung und der in sozialen Netzwerken veröffentlichen Rede, die Mohammed A. Khalil auf der Abiturfeier gehalten hat, habe er viel Zuspruch erhalten. So drückt sich das auch in den Kommentaren aus, die unter dem Video in einem der sozialen Netzwerke stehen.

Umso weniger kann der junge Syrer verstehen, warum ihm und seinen Förderern dieser Hass in den anonymen Briefen entgegenschlägt.

Kommentar zum Thema von Johannes Becker

Los, kommt raus aus eurer Anonymität

Unsere Höfligkeitsbekundungen stammen aus einer Zeit, als es noch Ritter gab. So entstammt der militärische Gruß dem Heben des Visiers, um einen entgegenkommenden Reiter als Freund oder Feind zu identifizieren. Das Händeschütteln hat seinen Ursprung darin, dass der, der seine rechte Hand dem Gegenüber entgegenstreckte, nicht gleichzeitig den Degen ziehen konnte. Und mindestens genauso lange gelten Schüsse auf den Rücken eines Menschen als besonders feige und niederträchtig. 

Doch mittlerweile scheint sich dieses Empfinden umzukehren. Statt die Diskussion zu suchen, sich öffentlich zu seiner Meinung zu bekennen, bedrohen viele lieber aus der Anonymität heraus. Manchmal noch analog und in Briefform oder mit Drohanrufen, meist aber in sozialen Netzwerken oder per E-Mail. 

Unerträglich dabei ist, dass sich diese Menschen im Recht wähnen. Dabei sind sie – zumindest in diesem Fall – nichts anderes als unendlich feige Rassisten, die die Öffentlichkeit scheuen. 

Allerdings werden sie jeden Tag in ihrem verqueren Denken durch die Höckes, Gaulands und Weidels bestärkt, die an die Rednerpulte der Parlamente treten, um dort von Messermännern, Kopftuchmädchen, der Zeit des Nationalsozialismus als Fliegenschiss und Denkmälern der Schande zu schwadronieren. 

Doch, auch der, der verführt wird, dem falsches Leben vorgelebt wird, ist verantwortlich für sein Handeln – und dem sollte er sich stellen. Im Gespräch oder – wenn es sein muss – auf einer dieser rechten Demos. 

Ich bin der festen Überzeugung, dass der, der mit seiner Meinung anonym bleiben möchte, vor allem ein großes Problem mit sich selbst hat.

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