Kierspe: Dutzende Pflegebedürftige werden ab Januar nicht mehr versorgt

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Ralf Ullrich, Leiter des Ambulanten Pflegedienstes, im Gespräch mit den Angehörigen Ralf Krause und Frank Hesse (von rechts). Insgesamt 49 Pflegebedürftige werden ab Januar nicht mehr versorgt. Mit auf dem Foto Axel Stüttem, Pflegedienstleiter der Tagespflegeeinrichtung, die normal weiterläuft.

Kierspe - Pflegenotstand sagt die Politik – Katastrophe sagt Ralf Krause. Denn der Kiersper hat ab 1. Januar keinen Pflegedienst mehr, der sich um seine schwerkranke Mutter kümmert. 

Noch bis zum Jahresende wird diese vom Ambulanten Pflegedienst Rat und Tat versorgt, doch dann lässt dieser den Bereich der Grund- und Behandlungspflege ruhen. „Notgedrungen“, wie Geschäftsführer Ralf Ullrich sagt.

Man merkt Ullrich an, dass ihm dieses Gespräch schwer fällt. Er macht sich Sorgen darum, dass die Leser das Geschriebene und der Journalist das Gesprochene falsch verstehen würden. Er macht sich Sorgen darüber, dass verstanden würde, dass auch seine Tagespflege und seine hauswirtschaftlichen und Betreuungsangebote von der Schließung betroffen seien. Vor allem macht er sich aber Sorgen um 49 Menschen, die bislang von seinem Ambulanten Pflegedienst versorgt wurden – und nun bald ohne professionelle Hilfe dastehen.

Personal fehlt

„Ich bin gezwungen, so zu handeln, weil ich personell nicht in der Lage bin, die Dienstleistungen weiter anzubieten. Mit seinen ehemals vier Pflegefachkräften, einer Pflegehilfskraft und einer ungelernten Kraft konnte er die fast 50 Kunden gut versorgen. Doch dann ging es Schlag auf Schlag. Innerhalb kürzester Zeit verlor er durch Jobwechsel und Krankheit Personal, so dass nun nur noch eine Pflegefachkraft, eine Pflegehilfskraft (Arzthelferin) und eine ungelernte Kraft zur Verfügung stehen – und diese drei werden es auch sein, die den Betrieb bis zum Jahresende aufrecht erhalten müssen.

„Ich habe in den vergangenen Wochen alles versucht, um eine andere Lösung zu finden“, versichert Ullrich. So habe er mit den Kostenträgern Kontakt aufgenommen, beim Job-Center und der Arbeitsagentur vorgesprochen und sogar versucht, eine afrikanische Krankenschwester, die als Geflüchtete ins Land gekommen ist, einzustellen. „Der Landesverband der Betriebskrankenkassen hat mich aufgefordert, zu den Kommunen zu gehen, damit diese sich kümmern. 

Diese Aussage ist aber falsch, denn der Gesetzgeber verlangt von den Pflegekassen die Pflege sicherzustellen“, sagt der Kiersper. Die Bewerber, die von der Agentur und vom Job-Center gekommen seien, wären „um es vorsichtig auszudrücken, ausgesprochen problematisch“ gewesen. Und von einer Qualifizierung der Geflüchteten habe ihm der eigene Verband abgeraten, da es rund ein bis eineinhalb Jahre dauern würde, bis diese tätig werden könnten. Papiere, die noch nicht vorlagen, und Qualifizierungen, die noch fehlten, machten ihm und der Bewerberin einen Strich durch die Rechnung.

Pflege soll privat organisiert werden

Doch all das nützt Kierspern wie Ralf Krause nichts. Er hat das Gefühl ins Bodenlose zu fallen. „Ich habe mich sofort mit der Krankenkasse in Verbindung gesetzt. Dort hieß es, wir überweisen ihnen dann den Pflegesatz, dann können sie die Pflege privat organisieren“, erzählt Krause. Letztlich ist das aber wohl eine Utopie, denn seine Mutter ist im Pflegegrad 4 eingeordnet – und damit der Aufwand hoch und die Pflege anspruchsvoll. 

„Das, was Rat und Tat geleistet hat, ist schon phänomenal. Für meine Mutter war jeder Besuch des Pflegedienstes ein Höhepunkt und die Arbeit hat auch viel bewirkt“, sagt er voller Dankbarkeit. Doch er verschweigt auch nicht, was die Entscheidung von Ullrich, den Dienst „ruhen“ zu lassen, bedeutet: „Alle Pflegedienste, die ich bisher angerufen haben, sprachen von Wartezeiten bis zu einem Jahr.“ „Was soll ich jetzt tun? Meinen Job kündigen?“, Krause kann seine Verärgerung kaum zurückhalten.

Etwas besser ist es Frank Hesse ergangen, der ebenfalls die Dienste von Rat und Tat in Anspruch nimmt, um seinen Vater versorgen zu lassen. „Ich habe nachdem ich gehört habe, dass hier bald Schluss ist, sofort angefangen, einen neuen Dienst zu suchen – und Glück gehabt“, erzählt Krause. Jetzt hofft er, dass der neue Pflegedienst ähnlich gut ist wie der von Ullrich: „Wir waren mit Rat und Tat immer mehr als zufrieden.“

"Politik hat uns schon lange im Stich gelassen"

„Ich könnte noch von vielen Menschen berichten, die unsere Entscheidung ganz hart getroffen hat“, sagt Ullrich. Doch Ullrich warnt auch davor, dass das alles noch viel schlimmer werden würde. „Die Politik hat uns schon lange im Stich gelassen – und jetzt sollen auch noch Anreize geschaffen werden, damit die Krankenhäuser und Pflegeheime leichter an Personal kommen. Wo soll das denn her kommen, wenn nicht von den Ambulanten Pflegediensten? Damit verschärft sich die Situation in einem Bereich, in dem es jetzt bereits kaum Fachkräfte gibt, noch mehr.“

Ulrich glaubt, dass sich die Kiersper und Meinerzhagener Dienste in nächster Zeit ganz anders organisieren müssen, um auf die Rahmenbedingungen zu reagieren. Er selbst sucht jetzt nach einem Pflegedienst als Kooperationspartner, in den er dann seine Betreuungs- und hauswirtschaftlichen Dienstleistungen einbringen kann. Ob das gelingt, wird die Zukunft zeigen.

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