Vom Umgang mit einem Stück Rönsahler Ortsgeschichte

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Auf einer Wiese am Eingang des Friedhofs standen ursprünglich zwei Grabsteine, die an die Familie Heuser erinnerten. Der Stein, der auf der rechten Seite stand, wurde vor rund zwei Jahren entfernt, da seine Standfestigkeit nicht mehr gewährt war.

Rönsahl - Normalerweise verschwinden Gräber und Grabsteine nach 25 bis 30 Jahren. Doch manche Steine sind stehen geblieben und machen den Charme eines Friedhofs aus. Solch ein Stein beschäftigt derzeit Rönsahler Geschichtsinteressierte.

Wer sich für prominente Kölner der Geschichte oder verstorbene Karnevalisten der Domstadt interessiert, der ist auf dem Melaten-Friedhof richtig. Dort finden regelmäßig Führungen zu verschiedenen Themen statt – und um etliche der prominenten und großzügigen Familiengräber kümmern sich heute Paten. 

So gehen die Kiersper nicht mit ihrem Friedhof in Rönsahl um – sicher auch aus Mangel an Prominenz und Karnevalisten. Doch es gibt auch Schützenswertes auf dem Gräberfeld des Ortes – diese Meinung vertreten zumindest Regina und Karl-Friedrich Marcus, die sich große Sorgen um einen Grabstein machen, der dort kurz nach der Inbetriebnahme des Geländes Anfang des 20. Jahrhunderts aufgestellt wurde. 

Standfestigkeit nicht mehr gegeben 

Regina Marcus an dem Grabstein, der derzeit neben der Friedhofskapelle in Rönsahl liegt.

„Vor zwei Jahren hat wohl die Stadt Kierspe festgestellt, dass einer der beiden alten, rund einen Meter hohen Grabsteine, die am Eingang des Friedhofs auf einer Wiese standen, nicht mehr standfest ist. Daraufhin wurde der Stein entfernt und auf den ,Abfallplatz’ beim Friedhof am Büscherweg gebracht. Glücklicherweise konnte er noch gerettet und zurück nach Rönsahl gebracht werden. Jetzt liegt der Stein neben der Friedhofskapelle – allerdings nicht mehr vollständig“, erzählt Regina Marcus. Sockel und Deckstein seien beim Transport zerbrochen und mittlerweile beseitigt. 

Die Rönsahler Geschichtsfreunde stellten, genau wie Ortsheimatpfleger Ulrich Finke, einen Antrag, den Stein unter Denkmalschutz zu stellen. „Das hat die Verwaltung vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe prüfen lassen. Demnach ist der Stein nicht denkmalwürdig“, sagt Christina Semeraro vom Sachgebiet Zentrale Verwaltung zu dem Thema. Doch die Stadtverwaltung werde den Stein auf jeden Fall wieder aufstellen lassen. Unklar sei derzeit aber noch, ob an der Servatiuskirche oder wieder auf dem Rönsahler Friedhof. „Nur unter Denkmalschutz wird er keinesfalls gestellt“, so Semeraro, die auch noch erwähnt, dass der Bauhof von dieser Entscheidung informiert worden sei, damit der Stein nicht doch noch entsorgt würde. 

Diese Befürchtung hatten Regina und Karl-Friedrich Marcus – und damit verbunden die Bedenken, dass damit ein Stück Ortsgeschichte verschwinde. Den beiden Rönsahlern geht es nämlich nicht nur um das Alter des Steins, sondern auch an die Geschichte, „die er erzählt.“ 

Nachfahren eines Rönsahler Pfarrers 

Während der noch stehende Stein, der wahrscheinlich 1907 aufgestellt wurde, noch eine lesbare Inschrift enthält, auf der vermerkt ist, dass mit diesem Stein das Grab der Nachfahren des Rönsahler Pfarrers Heuser „geschmückt“ wurde, war auf dem Stein, der entfernt wurde – aufgrund unterbliebener Pflege – nichts mehr zu lesen. „Nach dem Abschrubben des Steins mit einer Wurzelbürste wurde die Schrift aber wieder lesbar“, sagt Regina Marcus. 

Demnach steht dort: „Hier ruhen die Gebeine der beiden Brüder Friedrich und Leopold Heuser welche am 4. August 182(5) aus ihren Gräbern herausgenommen und in diesem Grab versenkt wurden. Ein Denkmal der Liebe (meinem) Vater und Oheim (gewidmet) von Servas Heuser“ (die in Klammern setzten Worten und die Zahl werden so vermutet, da sie aufgrund des Zustandes des Steins nicht mehr lesbar sind). 

Marcus: „Damit handelt es sich um den ältesten Grabstein des Rönsahler Friedhofs, der 1823 in Betrieb genommen wurde, nachdem der Friedhof nördlich der Kirche aufgegeben wurde.“ Sie betont, dass eine – wie auf dem Stein beschriebene – Umbettung zu der damaligen Zeit mehr als unüblich gewesen sei, da es sich um eine Störung der Totenruhe gehandelt habe. 

Status eines Ehrengrabsteins

Der Stein selbst sei aus hochwertigem schwarzen und mit weißen Adern durchzogenen Sandsteinmamor gefertigt, „welcher zu den damals teuersten Materialien gehörte.“ „Dieser Grabstein war der Friedhofsverwaltung so wertvoll, dass er bei der Neustrukturierung vor etwa 100 Jahren, bei der der vorher kirchliche Friedhof in kommunale Hände überging, umgesetzt wurde“, ergänzt Karl-Friedrich Marcus. Die beiden Rönsahler sind der Meinung, dass der Stein damit den Status eines Ehrengrabsteins erhalten habe. „Leider wurde die Pflege der beiden Heuser-Grabsteine in den vergangenen Jahrzehnten sehr vernachlässigt, wodurch sie stark vermoosten, Patina und Flechten ansetzten“, sagt Regina Marcus. 

Inzwischen haben die beiden Kontakt zu einem Steinmetz aufgenommen, der angeboten habe, den Stein zu einem „Freundschaftspreis“ wieder denkmalgerecht herzurichten. „Das heißt, er würde die Patina entfernen und die Schrift nachziehen“, erklärt Karl-Friedrich Marcus. Dieser Preis gelte aber nicht für den Sockel und den Deckstein, die beide beim Transport durch städtische Mitarbeiter so stark beschädigt wurden, dass sie nicht mehr zu retten gewesen seien.

Pfarrer Heuser

Bei der Familie Heuser, die auf den beiden alten Grabsteinen Erwähnung finden, handelt es sich um Nachfahren des Pastors Johann Peter Heuser, der zur Zeit des großen Dorfbrands im Jahr 1766, in dem zahlreiche Häuser und die Kirche ein Raub der Flammen wurden, Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde war. Heuser sammelte nach diesem Brand unermüdlich Spenden, um die Armen zu unterstützen und die Kirche wieder aufzubauen. Auch unterstütze er die Bevölkerung durch gute Anleitungen bei Viehzucht und Ackerbau. Er selbst wurde übrigens in der Kirche beigesetzt.

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