Alte, wuchtige Pressen erwachen zu neuem Leben

Zahlreiche Besucher kamen am Pfingstmontag an den Schleiper Hammer. Dort gönnten sie sich mit kulinarischen Köstlichkeiten eine Pause und genossen das sonnige Frühlingswetter.

KIERSPE ▪ „Das Eisen muss rot glühen, dann kann es los gehen.” Gesagt, getan. „Hammervater“ Fritz Peiker umschließt das heiße Metall vorsichtig mit der Zange. Dann wird es laut.

Mit ohrenbetäubendem Getöse saust der Fallhammer immer wieder in kurzen Abständen hinab. Jetzt gleicht das Metall einer Flunder. „Das wird ein so genannter Afrika-Spaten”, verrät der Schmied. Früher wurden diese Arbeitsgeräte in Kierspe für den afrikanischen Markt geschmiedet, am Pfingstmontag dienten sie als Beispiel für die traditionelle Schmiedekunst. Bei schönstem Frühlingswetter zog es viele Ausflügler zum Schleiper Hammer, wo die Mitglieder des Heimatvereins zum 17. Deutschen Mühlentag die alten Schmiedehämmer vorführten.

In dem wassergetriebenen Hammer- und Presswerk halten sie die traditionsreichen Techniken der Metall- und Kunststoffverarbeitung im heimischen Raum lebendig. Im rustikalen Ambiente des alten Gemäuers versprühen gleich mehrere alte Kolosse - sowohl Feder- als auch Fallhämmer - ihren nostalgischen Charme. Sie befinden sich in guter Gesellschaft mit betagten Maschinen aus früherer Zeit. Eine Bohrmaschine von 1908, eine ebenso alte Fräsmaschine oder die Exzenterpresse aus dem Jahr 1860. Auch eine Handspindelpresse gehört dazu. Sie wurde genutzt, um leichte Metallteile auszuschneiden oder zu stanzen. So entstanden Uniformknöpfe oder Gürtelschnallen.

Im Obergeschoss des Industriedenkmals bestaunten die Besucher die Technik der Bakelitfertigung, die in den 30er Jahren ihre Blüte erlebte. „Es brennt nicht, es schmilzt nicht, es ist eine festgewordene Masse, gelblich und hart, das sieht viel versprechend aus”, schrieb Leo Hendrik Bakeland 1909 begeistert über seine Entdeckung. Er hatte Phenol mit Formaldehyd und einigen anderen Bestandteilen zusammengerührt, erhitzt und in eine Form gepresst. In diesem Moment hatte Bakeland den ersten industriell herstellbaren Kunststoff kreiert – das Bakelit. Das Zentrum der deutschen Bakelitfertigung lag damals in Kierspe und Lüdenscheid. Mit einer Kraft von bis zu 500 Tonnen formten die wasserbetriebenen Hammerpressen die spröde Masse zu Uhrengehäusen, Gebäckschalen oder Rasier-Sets.

Am Montag erwachten die wuchtigen Pressen zu neuem Leben. Es entstanden Eierbecher und Untersetzer mit dem Kiersper Rauk als Prägung. Wie gewohnt sorgten die weiblichen Mitglieder des Heimatvereins für ein Kuchenbüfett und boten Erbsensuppe an. Auch in der Rhader Mühle war am Montag einiges los. Das Team um Karin Derksen buk in der historischen Backstube rund 200 Roggen- und Weizenmischbrote. Die Rhader Mühle wurde 1716 als Wassermühle erstmals erwähnt. Zuletzt beherbergte sie in den 50er Jahren eine Bäckerei. Seit 1998 wird sie vom Heimatverein betreut. ▪ ps

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