Bei der Allee zeichnet sich Kompromiss ab

Der Diplombiologe Hermann Reinartz zeigte den zahlreich erschienenen Bürgern die Schäden an den Bäumen.

KIERSPE ▪ Seit etwa sechs Jahren tritt auch in Deutschland die Rosskastanienkrankheit auf und sorgt für ein massives Sterben dieser Baumart. Als Ursache steht ein Bakterium namens Pseudomonas Syringae im Verdacht. Ebenfalls im Fall der Allee bei der Isenburg wird dieses als Ursache für die Schäden bei einer großen Anzahl von Bäumen angenommen, wie bei einem eigens angesetzten Ortstermin am Donnerstagabend der Kölner Sachverständige Hermann Reinartz informierte. Er stellte sein Gutachten vor und erläuterte dies anhand der Bäume.

Rund 100 Bürger kamen zu dem Treffen im Kerspetal, bei dem es um die Zukunft des ortsbildprägenden 100-jährigen Baumensembles ging. Dabei schlugen die Emotionen nochmals richtig hoch. Als Reinartz durch die Allee ging, aber immer nur die befallenen Bäume thematisierte, wurde er heftig kritisiert: „Zeigen Sie uns doch auch mal die gesunden“, hieß es aus der Versammlung.

In seiner Begrüßung hatte Bürgermeister Frank Emde nochmals betont, dass anders, als es jetzt geheißen hatte, von der Verwaltung sehr wohl zu der Bürgerversammlung eingeladen worden sei und auch die Zeitung informiert und gebeten worden sei, den Ortstermin nicht nur einmal, sondern mehrfach zu veröffentlichen. Offenbar kam es hier aber gleich zu mehreren Schwierigkeiten bei der Kommunikation. Emde freute sich am Donnerstagabend, dass so viele Kiersper der Einladung gefolgt seien und wertete dies als Indiz dafür, wie groß das Interesse an der Allee ist.

Der Beschluss des Umwelt- und Bauausschusses im November, die Allee, von der einige Kastanien erkrankt sind, mit allen 56 Bäumen zu fällen und an ihrer Stelle einfach eine neue aus Jungpflanzen zu setzen, hatte massive Bürgerproteste hervorgerufen. Damals war der Ausschuss bei seiner umstrittenen Entscheidung nicht dem Vorschlag der Verwaltung gefolgt, der beinhaltete, dass nur einzelne kranke Bäume herausgenommen und durch neue ersetzt werden sollten.

In Folge hatte es umfangreiche Kritik aus der Bevölkerung gehagelt. Aus dem Grund hatte der Bürgermeister das Thema zur Chefsache erklärt und an sich gezogen. Der Rat hatte später den Ausschussbeschluss aufgehoben. Dann war das renommierte Gutachterbüro Reinartz und Schlag beauftragt worden, um eine fachlich fundierte Entscheidungsgrundlage zu erhalten.

Fakt ist, wie Hermann Reinartz am Donnerstagabend bei der anschließenden Bürgerversammlung im Bürgerhaus (ehemaliges Gemeindehaus Felderhof) auflistete, dass von den Rosskastanien zurzeit 20 noch völlig gesund erscheinen zuzüglich weitere sechs auf dem Gelände der Isenburg. Von den bisher insgesamt zehn Nachpflanzungen wirken sechs auch noch gesund und vier zeigen Schädigungen durch das Bakterium wie orangefarbenen bis schwarzen Ausfluss an einigen Stammstellen. 20 alte Bäume sind ebenfalls mehr oder weniger krank.

Von diesen weisen einige Pilzbefall wie durch den Austernseitling auf, Risse an der Rinde von Stamm und Ästen bis hin zu abgeplatzten und morschen Rindenstellen sowie auch freiliegendes Holz. „Wo aber auch schon Selbstheilungskräfte zu erkennen sind und die Wunden beginnen zuzuheilen“, wie von Bürgern bei dem Rundgang eingewandt wurde. Befall von der Miniermotte will Reinartz ebenfalls bereits ausgemacht haben. Was, so verlautete von Dagmar Schröder aus der Isenburg, bislang aber kein größeres Problem sei.

Der Gutachter deutete auch auf die Kronenbereiche, wo das spärliche Grün aus seiner Sicht zeige, dass die Vitalität besonders der befallenen Bäume nicht mehr besonders gut sei, weshalb diese nach seiner Einschätzung auch dem Pilzbefall nicht genug entgegenzusetzen hätten. Immer wieder brächen Äste heraus und fielen herunter. Aus seiner Sicht muss hier dringend etwas unternommen werden, da die kranken Kastanien in ihrem derzeitigen Zustand eine Beeinträchtigung der Verkehrssicherheit darstellten, wenn sie so wie derzeit belassen würden. Sie müssten allein schon von daher entweder zurückgeschnitten oder gefällt werden. Zu retten seien sie wegen des Schädlingsbefalls aber nach seiner Auffassung ohnehin nicht.

„Mir geht es um eine objektive Einschätzung. Ich sehe bei der Allee nicht Positives“, erklärte er kategorisch. Jedoch hinterher im Bürgerhaus schränkte er dann ein, dass es aus seiner Sicht verschiedene Möglichkeiten gebe, wie mit der Kastanienallee umgegangen werden könne: Die Bandbreite der Möglichkeiten reiche von ihrer kompletten Abholzung und einem Neuaufbau bis hin zu der Erhaltung der derzeit noch gesund erscheinenden Bäume. Wichtig sei dann nur, dass diese sachgemäß gepflegt und beschnitten würden. Er warnte vor unnötig radikalen Rückschnitten, die die Bäume schädigten. Da, wo Bäume entfernt würden, müssten aufgrund des Windeinfalls die Kronen der Kastanien, die stehen blieben, ebenfalls gestutzt werden, damit sie keine Gefahr hinsichtlich der Verkehrssicherheit darstellten.

Hermann Reinertz glaubt, dass sich das bislang allerdings noch wenig erforschte Bakterium über den Boden ausbreitet und wollte am Donnerstagabend nicht ausschließen, dass auch derzeit gesund aussehende Bäume auch schon infiziert seien. Allerdings musste er sich seitens der Bürger korrigieren lassen, dass dies erst einmal nur Spekulationen seien – wo er ihnen letztlich Recht gab. Zudem meinte Reinartz, dass sich auf die Baumgesundheit natürlich auch die Witterung auswirke, positiv so besonders trockene, sonnenreiche Sommer, negativ verregnete Sommer.

Letztlich kam am Donnerstagabend ein allseitig als tragfähig empfundener Kompromissvorschlag zustande: Tenor der Diskussion war, die Alleebäume soweit wie möglich zu erhalten und keinen nur auf Verdacht zu fällen, sondern allein die vom Sachverständigen als definitiv erkrankt eingestuften zu entfernen und dann die entstandenen Lücken durch standortgerechte Gehölze wie Eschen, Linden oder auch Ahörner zu ersetzen. Es gab außerdem noch andere Anregungen wie die Anlage einer neuen Allee Richtung Padberg oder auch eine Bürgerallee, so dass interessierte Bürger die Möglichkeit erhalten, einen Baum zu pflanzen, was laut der BUND-Vorsitzenden Gudrun Barth die Identifikation mit der Allee erhöhen würde. Die anwesenden Politiker wollen auch diese Ideen jetzt mit in die abschließende Beratung in den am 15. Mai tagenden Umwelt- und Bauausschuss und dann auch den Stadtrat, der am 23. Mai zusammentrifft, nehmen. Dort wird dann neu über die Zukunft der Kastanienallee entschieden. Die Stadtverwaltung will für die Sitzung auf der Grundlage des Gutachtens sowie der Bürgerversammlung vom Donnerstagabend einen Beschlussvorschlag erarbeiten. ▪ Rolf Haase

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