Landwirte wehren sich gegen Schleuderpreise

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Die heimischen Bauern hatten sich gestern auf dem Gelände des Einkaufszentrums am Wildenkuhlen positioniert und öffentlich angemessene Erzeugerpreise gefordert. Mit dabei waren: Kerstin Kirchhoff, Sandra Schulte, Sylvia und Reiner Grafe, Birgit Hettesheimer, Björn Hettesheimer, Eberhard Dahlhaus, Fabian Hedfeld.

Kierspe - Die Situation für Landwirte hat sich in den vergangenen Monaten rasant verschlechtert. Die Erzeugerpreise sind weiterhin gesunken, auf ein Rekordtief seit dem Jahr 2009. Am Mittwoch beteiligten sich Kiersper Landwirte an einem bundesweiten Aktionstag, der unter dem Motto „Wir machen dein Frühstück – Aber dein Geld kommt nicht bei uns an“ stand.

25 Cent bekommen Landwirte derzeit für einen Liter Milch von den Molkereien. Die Produktionskosten aber liegen deutlich darüber. Mit 30 bis 35 Cent muss ein Bauer derzeit kalkulieren – eindeutig ein Minusgeschäft. Der rasante Abfall des Milchpreises nimmt seit einem guten Jahr seinen Lauf. Anfang bis Mitte 2015 seien die Preise noch in Ordnung gewesen, seitdem aber sanken sie unaufhörlich, erinnert sich Sylvia Grafe, die gemeinsam mit ihrem Mann und dem Rest der Familie einen Milchviehbetrieb in Kierspe betreibt. Ihr Mann, Reiner Grafe, ist Ortslandwirt und war Mittwoch gemeinsam mit ihr und weiteren Kiersper Bauern auf dem Gelände des Einkaufszentrums am Wildenkuhlen unterwegs, um bei Verbrauchern das Bewusstsein für gerechtere Erzeugerpreise zu schärfen. Organisiert wurde der bundesweite Aktionstag vom Deutschen Bauernverband (DBV) gemeinsam mit den jeweiligen Landesverbänden, in diesem Fall dem Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverband.

Die Forderung der Bauern ist deutlich: Von den derzeit in den Supermärkten gezahlten Preisen für Lebensmittel kann auf Dauer kein Landwirt überleben. Erste Opfer, so wissen die Kiersper, habe es in ihrem Berufsfeld schon gegeben. „Wer unter dem finanziellen Druck zusammenbricht, schließt seinen Betrieb.“ In Kierspe, so Grafe, habe das zum Glück noch niemanden ereilt. Trotzdem, der Druck auch auf den Schultern der Märkischen Bauern ist extrem hoch. Die Einkommen der deutschen Bauern hätten sich in den vergangenen zwei Jahren mehr als halbiert. Kompensiert werde sowas meist durch die Einsparung von Arbeitskräften. Investitionen in Instandhaltung könnten nicht mehr getätigt werden. Neben dem schrumpfenden Gehalt müssten die Landwirte dann noch steigende Pachtkosten ausgleichen können.

5 Cent kommen beim Bauern derzeit bei einem Glas Milch an, für ein Ei der Größe M muss der Landwirt mit 9 Cent zurechtkommen, für 200 Gramm Wurst bekommt der Erzeuger gerade mal 3 Cent. Vom Preis an der Ladentheke erhalten die Landwirte immer weniger, die Preise für den Verbraucher aber haben sich laut Landwirtschaftsverband kaum geändert. Die größer werdenden Gewinnspannen liegen also auf Seiten der Vermarkter, Verarbeiter und des Lebensmitteleinzelhandels, wie der DBV in einer Analyse feststellte. Ohnehin übe der Lebensmitteleinzelhandel großen Preisdruck aus. Vier Unternehmen teilten sich 85 Prozent des Marktes auf, bestimmen und drücken die Preise. Und der Verbraucher kauft – gerne auch die günstigen Angebote im Milch-, Butter- und Fleischregal. „In Deutschland sind Lebensmittel nichts wert“, ärgert sich Reiner Grafe. Es gelte die Devise: Je günstiger, desto besser. Geiz ist geil. Hinzu käme die aggressive Werbung, in der dem Kunden verkauft würde, alles müsse billig sein. „Und der Kunde geht drauf ein, greift lieber zur günstigen Milch, was den Einzelhandel in seiner Preispolitik bestätigt“, so Grafe, der sich an eine ähnliche Situation im Jahr 2009 erinnert. Auch damals seien die Preise extrem niedrig gewesen. Allerdings sind die Zukunftsaussichten auf Besserung derzeit eher schwarz. „Für das laufende Jahr ist keine positive Prognose in Sicht“, heißt es seitens des Landesverbandes.

Jung-Landwirtin Kerstin Kirchhoff: „In Deutschland ist der technisch neueste Standard wichtiger als die Lebensmittel.“ Die 22-Jährige möchte bald den elterlichen Betrieb übernehmen und kann sich ein Berufsleben auf dem Hof vorstellen, trotz der schlechten Verdienstaussichten für die Zukunft. „Das ist halt mein Leben“, sagt sie und fügt hinzu, dass sie auch bereit sei, sich weiter beim Handel und dem Verbraucher für ein Umdenken stark zu machen. „Wir ernähren die Leute.“

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